U2 in München "Wir sind keine Helden"

Nur: Ein wenig geraten die Songs bei diesem Feuerwerk der Ideen in den Hintergrund. Doch die Fans stört es nicht. Die singen alles mit - von Elevation über Vertigo bis zum unvermeidlichen Sunday, Bloody Sunday. Den Song muss die Band schon 1000 Mal gespielt haben und es ist ihnen zum Auftrag geworden: "How long must we sing this song?" heißt es fast verzweifelt in einer Zeile des Liedes.

Wie ein gigantisches Ufo in Krakenform: die Bühne der Band.

(Foto: dpa)

Einst geschrieben als Anklage gegen Fanatismus im Nordirlandkonflikt ist der Song heute eine allgemeingültige Ikone im Kampf der Band gegen Wahnsinn, Zerstörung und Verblendung. Und es ist ein Song, bei dem den Zuhörern nach wie vor kalte Schauer über den Rücken laufen.

Bei Bonos hymnischem Gesang fliegen keine Schlüpfer auf die Bühne. Er schwebt über den Dingen. In München auch ganz real: Ein leuchtend rotes Mikrophon wird zum Seil, das ihn durch die Luft trägt. Seine Lederjacke verwandelt ihn mit Laserstrahlen in ein schier überirdisches Wesen. Dieses Accessoire dürfte bei jedem Discogänger tiefe Neidgefühle auslösen.

Der inzwischen 50-jährige Bono sucht und findet umgehend den Kontakt zum Publikum. Er kokettiert mit dem Oktoberfest - und würde trotz aller Sympathie für die Jubiläumswiesn dem dort gereichten Bier doch ein Guinness vorziehen, scherzt er. Außerdem seien er und seine Bandmitglieder gemeinsam inzwischen genauso alt wie das Oktoberfest: 200 Jahre.

Und dann dankte er den Münchner Krankenschwestern und Ärzten, die ihm im Frühjahr mit einer Notoperation bei einer Ischias-Quetschung halfen. Ohne diese Hilfe in München, sagt er, wäre es nicht möglich gewesen, diese Show zu machen. "Wir sind keine Helden, aber die Krankenschwestern und Ärzte sind die wahren Helden. Danke München." Dann wünschte er München noch viel Glück im Fußballspiel gegen den AS Rom.

U2 spielten mehr als zwei Stunden. Ihren typischen Sound. Von Blues über Country bis zu Trip Hop. Mit einer schier unfassbar grenzüberschreitenden Vielseitigkeit. Die Fans gerieten vor allen bei den alten Songs aus dem Häuschen. Where the Streets Have No Name, With or without you oder etwa I Still Haven't Found What I'm Looking For - alles irre gute Songs. Alle geliefert. Doch selbst ihre wunderbaren Balladen wurden vom Publikum weggebrüllt. Als würden die Erinnerungen und damit die Möglichkeit des Mitsingens das fortschreitende Altern des Publikums stoppen können. U2 klauen dann noch kurz bei Frankie Goes to Hollywood mit Relax don't do it, aber sie können es sich erlauben. U2 schweben eben über den Dingen.

Das Konzert war eine heilige Messe, gerade zum Abschluss, als der südafrikanische Bischof Desmond Tutu auf einer Videobotschaft für die Organisation ONE und ihren Einsatz gegen Aids und extreme Armut in Afrika wirbt und Bono das dann musikalisch unterlegt. Bischof Bono - das wäre mal was. Doch die Erneuerung des Glaubens schafft er auch ohne kirchlichen Auftrag und Amt.

Vier heilige Männer

Unter der Lederjacke trägt Bono zum Finale ein Bayern-Trikot. Und tatsächlich: Bayern hat gewonnen: 2:0. Der Mann muss einfach ein Heiliger sein. Selbst oder gerade bei 155 Millionen verkauften Tonträgern, 22 Grammys und mit inzwischen 750 Millionen Dollar Einnahmen aus dem Live-Geschäft. Und selbst bei Eintrittspreisen von mehr als 170 Euro denkt man bei U2 noch, man hat etwas Gutes getan. Inzwischen regnete es etwas. Doch das konnte die Fans nicht mehr verunsichern an ihrem Glauben an die Band und in ihrem Glauben, mit ihrem Besuch des Konzertes die Welt ein Stückchen besser gemacht zu haben. Man singt eben gemeinsam Singin' in the rain.

Punkt 23 Uhr ist Schluss. Das muss so sein im Olympiastadion aus Gründen des Lärmschutzes. Dass sie sich an solche Vorschriften halten, auch darin bleiben sich die heiligen vier Männer aus Dublin treu. Denn wer möchte anderen Menschen während eines Gottesdienstes schon weh tun?