SZ-Serie: "Wer die Stunde schlägt", Folge 4 Jedem Radler seinen Klang

Christopher Lewis baut aus alten Rahmen, Pedalen und Lenkern neue, exklusive Fahrräder. Am Ende darf der Kunde aus einer Sammlung historischer Klingeln die passende auswählen

Von Barbara Link

Christopher Lewis hütet in einer Schachtel die "Klingelwelt" seiner Fahrradwerkstatt "Samstag Rad". Auf Haken, in Kisten und Schubladen ruhen die restlichen "Welten": die der Rahmen, Bremsen, Griffe, Züge, Pedale . . . Zu dem deutsch-amerikanischen Künstler kommt, wer ein ganz besonderes Fahrrad haben möchte, keines der üblichen Markenräder aus den Groß- und Sportmärkten, sondern ein Unikat, das die eigene Persönlichkeit widerspiegelt. Herab von den Haken, raus aus den Kisten und Schubladen komponiert und konfiguriert Christopher Lewis in seiner Manufaktur in der Gotzinger Straße in Sendling ein ganz spezielles Rad. Und zum Schluss, "da hol ich dann die Klingelwelt raus": jene Schachtel voller Fahrradglocken, mit Patina, manchmal Dellen - auf jeden Fall mit Geschichte. Denn wie die Rahmen von "Samstag Rad" stammen auch die Klingeln aus den Vierziger- bis Siebzigerjahren, manch eine ist noch älter: allesamt über die Jahre gefunden, geschenkt bekommen oder ersteigert.

Der 53-Jährige gründete 2012 seine Manufaktur, zum einen einfach aus Freude an schönen Dingen, zum anderen weil er die vielen zurückgelassenen Räder an S-Bahnhöfen und Straßenrändern immer schon traurig fand. Und so schafft er aus alten Radeln neue Kunstwerke, mit der richtigen Glocke als besondere Zierde. "Aspice Christophorum" steht auf einem der Glockendeckel zu lesen - quasi sicherheitshalber, wenn das Signal allein nicht reicht: Der Blick auf das Bildnis des heiligen Christophorus, Schutzpatron aller Verkehrsteilnehmer, soll einen unversehrten Weg gewähren. Lewis fischt aus der Schachtel eine niederländische Widek-Klingel hervor ("die klingt lange nach"), Nürnberger Produkte der Zweirad Union ("da hab' ich drei Klingeln und drei verschiedene Töne, sogar regulierbar") und der Herkules-Werke ("Herkules war der größte Zweiradhersteller Europas") oder Klingeln von Bauer ("die finde ich wahnsinnig ästhetisch").

Auf Feinwerktechnik und Serienproduktion ausgerichtete Firmen wie Miele und Zündapp begannen, ab den Zwanzigerjahren Fahrräder und Glocken herzustellen, die dann oft auch an Motorroller-Lenkern läuteten. "Mancher Glocke sieht man die Schönheit des Klangs gar nicht an", findet Lewis. Schon die Deckelform verrät meist die Mechanik. Unter dem Deckel haben die vergangenen Jahrzehnte kaum Spuren hinterlassen und somit dem Klang wenig anhaben können. Bis heute mit am gebräuchlichsten ist die Technik der doppelten Harrisons Continuousglocke. Dabei bewegt der Radler einen kleinen Hebel, der unter dem Glockendeckel einen halbkreisförmigen Spanner verschiebt, der einen Hammer schlagen lässt - sowohl in der Vorwärts- wie Rückwärtsbewegung. Es beginnt ein so andächtiges Klingeln in der kleinen Halle, dass von außen erstaunte Blicke durch die Panoramafenster fallen. Mancher Ton bleibt lange in der Luft hängen. "Man kann sich vorstellen, die klang schon am ersten Tag so."

In einem Archivordner des Münchner Verkehrsmuseums zeigt eine Katalogseite von 1931 die damalige Vielfalt: August Stukenbrok/Einbeck, "anerkannt führende Firma der gesamten Fahrradbranche", führte Trillerglocken und Doppeltrillerglocken, Kuckucksglocken, Radläuferdoppelglocken und Uhrwerkglocken - meist "angenehm klingend". Weniger freundlich waren wohl die Torpedo- oder Radlaufpfeifen, laut Katalog "auf große Entfernungen hörbar". In Dinglers Polytechnischem Journal von 1899 wird "die mit einem Revolver ausgerüstete Glocke von F. Messedat und Co. in Köln" hervorgehoben. "Dieselbe bietet einen wirksamen Schutz gegen Belästigungen durch Hunde, da aus derselben rasch hintereinander 10 Stück 5 mm Platzpatronen gefahrlos abgefeuert werden können."

Schon als der Publizist Theodor Herzl Ende des 19. Jahrhunderts von der "Poesie in der Hast" des Fahrradfahrens schwärmte, wurde eine Signalvorrichtung als unerlässlich erachtet, "um unser geräuschlos dahingleitendes Fahrzeug Fußgängern, Reitern und Fuhrwerklenkern (. . .) bemerklich zu machen und auf diese Weise Unglücksfälle zu vermeiden". Bereits das englische Hochrad von 1883 im Verkehrsmuseum ziert eine Fahrradklingel, möglicherweise Jahre später erst hinmontiert. Laut Paragraf 64 der Straßenverkehrsordnung sind Fahrradklingeln ein Muss, ab wann sie einheitlich gesetzliche Vorschrift waren, ist nicht exakt zu sagen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren Regelungen zum Fahrradverkehr Sache lokaler Polizeibehörden. Christopher Lewis freut sich über Akustik und Optik seiner gesammelten Stücke, findet manche bis jetzt verschmähte Klingel "schön, weil sie eben nicht schön ist", und freut sich, wenn die Farbgebung der Lötstelle zur Klingel-Patina passt. Beim finalen optischen und akustischen Auswahlprozess des Kunden halte er sich eher im Hintergrund: ",Ne, geht nicht' - das will doch keiner hören." Die Entscheidung fällt in der Regel schnell und überrascht Lewis bisweilen, "wenn zum Beispiel ein aggressiver Ton bei einer schüchternen zurückhaltenden Frau landet". Eine Glocke führte zu Freudentränen: Die Kundin habe zum 16. Geburtstag eine "Gazelle" von ihrem Vater geschenkt bekommen, diese viele Jahre lang gefahren, bis bei einem Unfall das Rad stark beschädigt wurde. Lewis reparierte es. "Die Klingel, die ich in meiner Schachtel gefunden habe, klang genau wie diejenige, mit der sie das Rad geschenkt bekommen hatte."

In der letzten Folge am Donnerstag: Eine Glocke kündet von Ideen und Erfolgen