Nachts auf dem Kirchentag Unter Schnarchern

Dort, wo sich die Gläubigen gute Nacht sagen: Mehrere tausend Kirchentagsbesucher übernachten wenig komfortabel in Turnhallen oder Campingplätzen. Ein Besuch.

Von Renate Silberbauer und Ana Maria Michel

Dicht an dicht reiht sich ein Schlafsack an den anderen. Kleidungsstücke, Schuhe, Lebensmittel und Bücher liegen im engen Radius um die Schlafstätte. Sprossenwände werden zum Trocknen der Handtücher benutzt, die Heizkörper kann man unter hohen Wäschebergen nur noch erahnen.

Dicht an dicht liegen die Besucher des Kirchentages in den Turnhallen.

(Foto: Foto: Renate Silberbauer)

Menschen aller Altersklassen schreien und wuseln durcheinander. Man könnte denken, auf einem indischen Basar zu sein. Tatsächlich spielt sich das Szenario im Anton-Fingerle-Bildungszentrum in München-Giesing ab - einer Unterkunft beim 2. Ökumenischen Kirchentag.

In 49 Klassenzimmern und drei Sporthallen sind knapp 800 Gläubige aus dem Ruhrgebiet untergebracht: Jugendliche, Erwachsene, Menschen mit Behinderung und Familien. Überblick über das organisierte Chaos hat Quartiermeister Jürgen Hellrung.

"Für mich ist jeder Kirchentag ein einzigartiges Erlebnis", sagt Hellrung, der in München seinen zwölften Kirchentag durchlebt. Als Quartiermeister ist er 24 Stunden erreichbar und gefühlte 25 Stunden im Einsatz. "Ich mache das gerne. Es ist schön zu sehen, wie die Jugendlichen den Kirchentag erleben und auch Zuhause noch davon zehren." Vor allem der Zusammenhalt und der Austausch werde in einer derart großen Unterkunft gestärkt.

"Gestern sind zum Beispiel einige mit Schaum in den Haaren aus den Duschen, weil Menschen mit Behinderung duschen wollten", sagt der Quartiermeister. Es stehen zwar je zwei Duschräume für Männer und Frauen zur Verfügung, doch bei 800 potentiellen Duschern kann es morgens durchaus zu Engpässen kommen.

Eine Mädchen-Clique aus Schwalmtal am Niederrhein hat eine Lösung für das Duschproblem gefunden: "Wir kommen schon um 18 Uhr ins Quartier zurück, um dann gleich duschen zu können." Die acht Mädchen sind zwischen zwölf und 15 Jahre alt und können mit dem Münchner Nachtleben noch nicht so viel anfangen.

Dafür wissen sie bestens über die Schlafgewohnheiten in den Turnhallen Bescheid. "Viele schnarchen und pupsen nachts", sagt ein Mädchen, während die anderen zu kichern anfangen.

In der Turnhalle nebenan haben Katja, Isabel, Anika, Michael und Melanie aus Köln ihr Nachtlager aufgebaut. Die 16-Jährigen sind vom Kampieren wenig angetan: "Wir haben morgens immer Rückenschmerzen." Dafür gefällt ihnen die Stadt umso besser.

"München ist viel sauberer als Köln und es ist hier gar nicht so kitschig, wie wir dachten." Unter Kitsch verstehen die Kölner Einfamilienhäuser mit großen Holzbalkonen und Geranien.

Auf Feldbetten in einem Klassenzimmer nächtigt eine Gruppe behinderter Menschen aus Münster. "Wir sind abends immer so müde, wir würden überall schlafen", sagt Betreuerin Martina. Die 20-köpfige Gruppe aus dem Stift Tilbeck war bei ihrer Ankunft von der Unterkunft enttäuscht. "Wir hatten für unsere Behinderten Feldbetten bestellt. Davon wussten die hier nichts. Aber inzwischen hat sich alles geregelt", sagt die Betreuerin.

Bislang hat sich im Quartier von Jürgen Hellrung immer alles geregelt. Dafür sorgt der Chef persönlich. "Alle, die hier wohnen, haben meine Handynummer auf ihrem Quartierausweis stehen und können mich immer anrufen", sagt Hellrung. Und so einen Anruf gibt es nicht zu selten. "Am Donnerstag hatte eine Gruppe ein Mitglied verloren." Auch dann wird Hellrung kontaktiert. Wer vor verschlossener Quartiertüre steht, ruft ebenfalls Hellrung an.

"Um 1 Uhr ist Zapfenstreich. Dann wird die Eingangstüre verschlossen." Draußen bleiben muss aber niemand. Der Quartiermeister ist kulant. Vom Kirchentag selber bekommt Hellrung so gut wie nichts mit. "Aber das macht nichts. Ich erlebe in meinem Quartier genug."

Lesen Sie weiter, wie es auf dem Campingplatz vor den Toren des Messegeländes zugeht.

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