Methoden beim Landeskriminalamt Präparation von Einzelschuppen

Präparation von Einzelschuppen

Es ist die berühmte Stecknadel im Heuhaufen, die Wolfgang Voll alltäglich sucht. Der Biologe fahndet nach einzelnen Hautschuppen auf Kleidungsstücken. Nach Kapitaldelikten wie schwerem Raub, Vergewaltigung oder Mord wird die Kleidung des Opfers untersucht. Ein Pullover beispielsweise wird ausgelegt und mit Spurensicherungsbändern Reihe für Reihe abgeklebt. Löst man die so aufgesammelten Rückstände von Schuppen, Haarwurzeln, Blut oder Sperma auf einmal ab, so erhält man in der Regel eine Mischspur, sagt Voll. Anders seine Technik: Die Klebebänder werden auf eine Folie gepackt und dann unter das Mikroskop gelegt. Jedes Fleckchen, das beispielsweise eine Schuppe sein könnte, wird nun mit dem Skalpell ausgeschnitten, einzeln gesichert und untersucht. "Je engmaschiger wir suchen, desto besser ist natürlich das Ergebnis", sagt Wolfgang Voll. Eine Methode, die unglaubliche Konzentration und Geschick erfordert. "Etwa vier Stunden am Tag", sagt Voll, könne er so arbeiten, "dann bist du kaputt". Für ein Kleidungsstück benötigt der Biologe mindestens eine Woche, bis zu 1000 Schuppen kann er schon mal aus einem T-Shirt ziehen. Eine Kleinstarbeit, die sich lohnt: Voll hat etliche DNS-Spuren gesichert und zur Klärung von Fällen beigetragen. Ein Mann hatte etwa im Raum Bayreuth eine Bank überfallen und eine Geisel genommen. Das Opfer packte er von links hinten und legte ihm dabei seine Hand auf die rechte Brust, mit der anderen Hand presste er der Geisel eine Pistole an die Schläfe. Der Täter flüchtete. Wolfgang Voll klebte die Jacke des Opfers an der rechten Brust ab - und kam so auf die DNS-Spur des Täters.

Schwankungen in der Netzfrequenz

Der Mord ist nur ein Beispiel: Die Leiche liegt auf dem Teppich, aber der Hauptverdächtige hat ein Alibi. Er präsentiert der Polizei ein Video von einer Feier, in dem er zu sehen ist. Wer feiert, kann in dieser Zeit niemanden umbringen. Aber ist das Alibi wasserdicht? Wurde das Band wirklich zur Tatzeit aufgenommen?

Das LKA kann das inzwischen anhand von Störgeräuschen auf der Tonspur überprüfen. Denn unter jeder Tonaufnahme liegt ein leises Brummen, das von der elektrischen Netzfrequenz herrührt: Wechselspannung schwingt und erzeugt auf elektrischen Aufnahmen einen Ton. Dieser ist in fast allen Ländern Europas derselbe, von Portugal bis Polen: Sie hängen am selben Stromnetz, also empfangen sie dasselbe Störgeräusch.

Entscheidend daran ist: Die Frequenz schwankt, und zwar zu jedem Zeitpunkt auf andere Weise. "Es gibt gewissermaßen Schwankungen im Elektrosmog. Und deswegen hat jede Aufnahme einen individuellen Zeitstempel", erklärt Dagmar Boss, die Leiterin der Abteilung für Phonetik im LKA. In ihren Rechnern sehen die Beamten die Netzfrequenz als zitternde Linie, das Muster ist jeden Tag anders. Wenn die Beamten also kontrollieren wollen, ob das Video des Verdächtigen wirklich zur Tatzeit aufgenommen wurde, müssen sie nur das Störgeräusch auf dem Band mit dem Schwanken der Netzfrequenz zur Tatzeit vergleichen. Ist beides identisch, ist das Alibi echt.

Verantwortlich für das Schwanken der Frequenz ist der Stromverbrauch. Zwar arbeiten alle Stromgeneratoren weitgehend konstant mit einer Frequenz von 50 Hertz, also 50 Schwingungen pro Sekunde. Aber jedes Mal, wenn zum Beispiel eine Fabrik hochgefahren wird, werden die Generatoren stärker belastet - bis die Kraftwerke nach kurzer Zeit den erhöhten Bedarf ausgleichen. Sie steigern die Leistung, die Rotoren drehen sich wieder schneller. Und so schwankt die Netzfrequenz in einem winzigen Bereich zwischen 49,95 und 50,05 Hertz - genug für das Landeskriminalamt. Die Beamten registrieren kleinste Schwankungen, und ihnen reicht eine geringe Strommenge. Das Störgeräusch kann sogar zu hören sein, wenn das Aufnahmegerät gar nicht am elektrischen Netz hängt, zum Beispiel wenn der Film mit einer tragbaren Videokamera aufgenommen worden ist. Denn oft reicht der Ton, der von anderen Elektrogeräten im Raum ausgeht, um die Schwankungen in der Frequenz messen zu können.

Seit Juli 2010 schneiden die Beamten die Netzfrequenz mit, 24 Stunden am Tag, Ziel ist eine Datenbank. Deutschlandweit ist das Bayerische LKA damit ein Pionier - dabei ist die Technik vergleichsweise simpel. Die Netzfrequenz lasse sich an jeder Steckdose messen, sagt Dagmar Boss. "Wir in München haben einfach als erste die Genialität dieser Anwendung erkannt."