Kommentar Wenn Mangel Schule macht

In den Klassen für Flüchtlinge fehlt es an fast allem. Aber wenigstens nicht am Engagement der Lehrer

Von Melanie Staudinger

Eine Lehrerin telefoniert zwei Wochen lang herum und findet niemanden, der 95 Euro für die dringend benötigte Brille einer Schülerin bezahlen kann. Ein Jugendlicher, der ohne seine Eltern nach Deutschland geflohen ist, muss ein halbes Jahr lang von seinem knappen Taschengeld das Kopiergeld für die Schule abstottern. Pädagogen veranstalten Sammlungen, damit neu angekommene Flüchtlingskinder zumindest eine Winterjacke haben und auf dem Schulweg nicht frieren. Diese Berichte klingen unglaublich, sind aber mittlerweile Realität an vielen Münchner Grund- und Mittelschulen.

Hier kümmern sich engagierte Lehrer um Kinder und Jugendliche, die oft traumatisiert, manchmal mit und manchmal ohne ihre Familien versuchen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Sie geben den Mädchen und Jungen Geborgenheit, vermitteln Sprache und Kultur, bieten eine neue Heimat, in der sie keine Angst mehr um ihr Leben haben müssen. Wenn sie in diesem Bemühen scheitern, dann nicht etwa, weil die Klassen zu heterogen oder die Herausforderungen doch zu groß sind. Es ist auch nicht so, dass Flüchtlinge sich nicht integrieren wollen, wie aus rechten Kreisen immer wieder zu hören ist. Es sind die bürokratischen Hürden, die ihnen im Weg stehen und das Leben schwer machen.

Umso wichtiger ist die neue Initiative des Münchner Lehrerverbands. Wenn Firmen oder Privatpersonen Patenschaften für Übergangsklassen übernehmen, sichert das nicht nur einen geregelten Unterricht. Bürgerschaftliches Engagement trägt auch zu einem friedlichen Miteinander bei. Eigentlich aber stehen der Freistaat als Betreiber und die Stadt als Ausstatterin der Schulen in der Pflicht. Sie müssten die Bedingungen so gestalten, dass alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft und den finanziellen Mitteln der Eltern lernen können. Dafür sind Schulbücher ebenso notwendig wie Fahrkarten oder ein Budget für Ausflüge. Wenn diese Dinge vorhanden wären, könnten sich Lehrer wieder auf ihre pädagogische Arbeit konzentrieren. Denn nur dann kann Integration wirklich gelingen.