Jahresempfang 130 000 Mal Würde

Barbara Thoma (l.) und Bettina Spahn von der Bahnhofsmission.

(Foto: Claus Schunk)

Katholikenrat zeichnet Bahnhofsmission aus

Von Christian Krügel

Es sind ungewöhnliche, instabile Zeiten, die selbst glaubensfeste Katholiken schon mal ins Grübeln bringen können. Nun sind zwar Münchens Katholiken alles andere als brave CSU-Parteigänger. Doch die Verluste der Partei einerseits und der Aufstieg der rechtspopulistischen AfD bei der Bundestagswahl andererseits lösen auch bei ihnen Unsicherheit aus. Deutlich zu spüren war das am Freitagabend im Alten Rathaussaal beim Jahresempfang, zu dem der Katholikenrat der Region München rund 400 Ehrenamtliche aus den Pfarrgemeinden eingeladen hatte.

Von einer "Zeit des Umbruchs" sprach denn auch Weihbischof Rupert Graf von Stolberg, einer Zeit, in der die Gläubigen nicht tatenlos zuschauen dürften. "Wir können Veränderungen nicht aufhalten, aber wir müssen sie gestalten", sagte Stolberg. Für Münchens Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) müssten gerade die Kirchen in dieser Stadt alles dafür tun, dass "unsere Gesellschaft nicht noch weiter auseinanderdriftet".

Am leidenschaftlichsten appellierte Ernst Weidenbusch, Landtagsabgeordneter und Vize-Landrat des Landkreises München, an die Katholiken, dem Aufschwungs von AfD, Fremdenfeindlichkeit und gesellschaftlicher Spaltung entgegenzuwirken: "Es wird nicht genügen, die moralische Keule zu schwingen. Wir brauchen eine sachliche Auseinandersetzung über Gerechtigkeit in der Gesellschaft", so der CSU-Politiker. Wenn sich gerade Rentner und Einkommensschwache zunehmend abgehängt fühlten, müssten Kirchen und Politik das gemeinsam zum Thema machen. "Das Schlimmste ist wegzuschauen", sagte Weidenbusch.

So gesehen war die Verleihung der Pater-Rupert-Mayer-Medaille, die der Katholikenrat jedes Jahr vergibt, zugleich ein Weckruf an das eigene katholisch-christliche Selbstbewusstsein. Denn ausgezeichnet wurde mit der Bahnhofsmission eine Einrichtung, deren Tagesaufgabe es seit 120 Jahren ist, sich um die Ausgestoßenen und Verlierer der Münchner Gesellschaft zu kümmern. "Sie ist ein Ort, an dem der Satz des Grundgesetzes, Die Würde des Menschen ist unantastbar, Realität wird", so der bischöfliche Regionalreferent Roland Gruber in seiner Laudatio. Er arbeitete selbst mehrere Jahre in der Einrichtung, die von der evangelischen und der katholischen Kirche gemeinsam getragen wird. Immer sei die Bahnhofsmission ein Raum, in dem allen Menschen auf Augenhöhe begegnet und geholfen werde. Sie sei ein "Seismograf, der mit ganz feiner Nadel die Veränderungen im sozialen Gefüge der Stadt feststellt", so Gruber.

Nimmt man die aktuellen Zahlen, welche die beiden Leiterinnen Bettina Spahn und Barbara Thoma vorstellten, ist einiges schief in diesem Gefüge. Allein im vergangenen Jahr kümmerte sich die Bahnhofsmission um mehr als 100 000 Menschen, 130 000 Mal gab sie Tee und Brot an Bedürftige aus, die rund 100 ehren- und hauptamtlichen Helfer leisteten 90 000 persönliche Beratungen und Betreuungen. Am Beispiel dieser Einrichtung zeige sich, wie Gläubige konkret der Gesellschaft helfen könnten, das sei "gelebte Kirche vor Ort", sagte Bettina Spahn. Ihre Kollegin Barbara Thoma verwies auf Papst Franziskus, der den Gläubigen aufgetragen habe, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen: "Und diese Ränder befinden sich unmittelbar in der Mitte unserer Stadt."

Am Rand der Gesellschaft bewegen sich auch Asylbewerber, die lange auf ihren Bescheid warten und in der Zeit nicht arbeiten dürfen. Beim Jahresempfang des Katholikenrats der Region München zeigte sich auch, dass in der CSU der Ruf nach einer Aufhebung des strengen Arbeitsverbots von Asylbewerbern lauter wird. Nach dem früheren Parteivize und Münchner Bundestagsabgeordneten Peter Gauweiler fordert nun auch der Landtagsabgeordnete und Vize-Landrat Ernst Weidenbusch ein Ende der rigiden Praxis. "Ein unbedingtes Arbeitsverbot ist Unsinn, weil es die Probleme vermehrt, anstatt sie zu beseitigen", sagte der CSU-Politiker unter dem Applaus von fast 400 Gästen. Asylbewerber bräuchten feste Tagesstrukturen; wer den ganzen Tag nur herumsitze, komme zwangsläufig auf dumme Gedanken - "das wäre bei deutschen Jugendlichen auch nicht anders", so Weidenbusch. Angesichts der niedrigen Arbeitslosigkeit in der Region München sei ein Arbeitsverbot nicht nachvollziehbar. Die Kirchen in Bayern fordern seit langem eine Lockerung der rigiden Praxis.