Interview "Uns ging es darum, das Leben der Geiseln zu retten"

SZ: Und dann gab es den Druck des IOC, namentlich durch Avery Brundage, der seine Spiele retten wollte...

Fürstenfeldbruck, dpa

Der ausgebrannte Hubschrauber, in dem in Fürstenfeldbruck ein Teil der Geiseln ums Leben kamen

(Foto: Foto: dpa)

Merk: Nun, das hat uns wirklich nicht interessiert. Brundage kam zwar zu uns in den Krisenstab, weil er glaubte, er sei immer noch Herr der Lage. Wir haben seine Haltung, dass die Spiele weitergehen müssten, zur Kenntnis genommen, aber Herrn Brundage wieder hinauskomplimentiert. Ob die Spiele weiter gehen oder nicht, war uns in diesem Moment egal. Uns ging es nur darum, dass Leben der Israelis zu retten.

SZ: Wann hat sich das Drama dann entscheidend zugespitzt?

Merk: Gegen 17 Uhr erhoben die Terroristen plötzlich die Forderung, binnen zwei Stunden ausgeflogen zu werden. Die Geiseln seien damit angeblich einverstanden, erklärten sie. Damit war alles, was bisher an Einsatzmöglichkeiten geplant und vorbereitet war, auf einen Schlag Makulatur. Jetzt musste, wieder unter unglaublichem Zeitdruck, völlig neu geplant werden. Zur Minimierung der Risiken wollte der Krisenstab den Zugriff zur Befreiung der Geiseln starten, sobald die Terroristen mit ihren Geiseln den Unterkunftsbereich verlassen, also in den Katakomben des olympischen Dorfes. Nur hilfsweise sollte ein Einsatz in Fürstenfeldbruck vorbereitet werden.

SZ: Sie mussten damit rechnen, dass die Geiselnehmer die Hubschrauber nach Riem dirigieren könnten.

Merk: Sicher, auch damit mussten wir rechnen. Es galt, innerhalb der dann auf vier Stunden verlängerten Frist Einsatzplanung, Bereitstellung und Einweisung von Kräften für verschiedene Einsatzorte zu bewältigen. Selbst mit erfahrenen Kräften, die es damals nicht gab, wäre ein Einsatz unter solchen Bedingungen angesichts der Entschlossenheit der Attentäter nicht unblutig verlaufen.

SZ: So etwas wie die GSG 9 gab es seinerzeit nicht?

Merk: Natürlich nicht. Die Diskussion um den finalen Schuss (Nach einem Banküberfall mit Geiselnahme in München, d. Red.) war noch in vollem Gang. Automatische Waffen für die Polizei waren immer noch verpönt, und geschlossene Einsätze zum Niederkämpfen terroristischer Anschläge standen noch nicht einmal konzeptionell in den Ausbildungsplänen für die Polizei.

SZ: Die Attentäter wollten nach Kairo ausgeflogen werden. Dort wollten sie angeblich die Geiseln freilassen. Sie gingen zum Schein darauf ein.

Merk: Es gab keine Zusage aus Ägypten, auch wenn das später einmal behauptet wurde. Auch andere arabische Staaten erklärten nur, sie wollten mit der Sache nichts zu tun haben.

SZ: Dem Krisenstab und der Polizei wurde nach dem Attentat vorgeworfen, der Einsatz in Fürstenfeldbruck sei stümperhaft gewesen. Zu wenig Scharfschützen, keine Koordinierung. . .

Merk: Also, fehlende Ausbildung und Erfahrung der Polizei zum Vorwurf zumachen, ist einfach unfair. Die GSG 9 und andere Spezialkräfte wurden erst als Konsequenz von München aufgestellt und trainiert. Im Übrigen ist es entweder bösartig oder wirklichkeitsfremd, zu behaupten oder zu glauben, die Polizei müsse im Kampf gegen Verbrecher immer siegen, sofern sie keinen Fehler mache. Es gibt weltweit genügend Beispiele, die das Gegenteil beweisen, sogar bei den Israelis, denen man wirklich Können und Erfahrung im Anti-Terror-Kampf bestätigen muss.

SZ: Sie haben nach den Ereignissen Ihren Rücktritt als Innenminister angeboten. War das ein Schuldeingeständnis?

Merk: Nein, das war die persönliche Konsequenz eines misslungenen Rettungsversuchs. Ich hatte die verfassungsrechtliche Verantwortung. Es blieb keine andere Wahl - aber Ministerpräsident Goppel hat das Rücktrittsgesuch nicht angenommen.

SZ: Das Attentat von München war also eine nicht zu voraussehende neue Dimension des damals wachsenden internationalen Terrors?

Merk: Nehmen sie die Anschläge vom 11. September in Amerika vor nunmehr gut vier Jahren. Amerika war völlig überrascht. Vier Flugzeug konnten zeitgleich gekidnappt werden. Sogar die Ausbildung als Flugzeugführer hatten die Attentäter in den USA gemacht. Heute weiß jeder, dass niemand Anschläge mit Sicherheit verhindern kann. Diese Erkenntnis muss endlich auch für München gelten.

SZ: Welche Schlüsse ziehen Sie heute aus dem Attentat von München - und aus dem Spielberg-Film?

Merk: Rächende Gewalt ist keine Lösung. Auch der Krieg gegen den Terror kann diesen nicht besiegen, solange nicht mit mindestens gleicher Energie versucht wird, die Quellen zum Versiegen zu bringen, aus denen er seine Kräfte bezieht. 1972 hat man es versäumt, nach Ursachen des Anschlags zu fragen. Man war zufrieden, die Schuld für den Tod der Geiseln zu klären. Dass dabei auch noch an den Holocaust erinnert wurde (Es gab Schlagzeilen wie: "Wieder tote Juden auf deutschem Boden", Anm. d. Red.) war geschmacklos. Es wäre besser gewesen, den Ursachen nachzugehen und Konsequenzen zu ziehen. Vielleicht hätte das der Welt die dramatische Eskalation des Terrors ersparen können.

SZ: Sie finden, der Westen konzentriert sich immer noch zu einseitig auf den Kampf gegen den Terror mit gewaltsamen Mitteln, mit Krieg?

Merk: Ja. Aber Terror ist doch kein Zeitvertreib gelangweilter Zeitgenossen. Er hat Ursachen. In der Regel ist er der letzte Ausweg für Menschen, die sich - zu Recht oder zu Unrecht - hilflos, rechtlos und verlassen fühlen, aber nicht resignieren. Der aus dem Gefühl der Ohnmacht wachsende Hass schlägt bei Ihnen dann in blinde Gewalt um.

SZ: Und München war ein erster, trauriger Höhepunkt in dieser Entwicklung.

Merk: Seit den 60er Jahren hat sich der Terrorismus erkennbar verschärft und gesteigert - sowohl in der Wahl seiner Mittel wie in der Brutalität seiner Ausführung. Das Münchner Attentat war ausgelöst durch die schon zu lange schwelenden Probleme zwischen Israel und Palästina. Bis heute hat man sich damit begnügt, nach der Schuld an dem Tod der israelischen Sportler zu fragen, und war zufrieden, sie bei der deutschen Polizei festmachen zu können. Dass sich die Polizei damals in der Lage eines biederen Landarztes befand, der plötzlich eine schwierige Notoperation vornehmen soll, hat niemand interessiert.