Michael Lerchenberg alias "Bruder Barnabas" über den Colt von Seehofer, eine Riesensauerei und den Grauen-Panther-Aufstand in der CSU.
SZ: Herr Lerchenberg, die CSU ist vom Sockel der Allmacht gestoßen, die Politik steht geschockt vor dem Finanzdebakel - das ist Stoff für zig Bußpredigten. Sehen Sie vor lauter Bäumen überhaupt noch den Wald?
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: Lerchenberg predigt als "Bruder Barnabas". (© Foto: dpa)
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Lerchenberg: Nein. Die Fülle ist tatsächlich unser Problem. Christian (Ko-Autor Christian Springer, Anm. d. Red.)) und ich versuchten vor ein paar Tagen, die Stoffmenge zu kanalisieren und zusammenzufügen. Wir mussten zehn Seiten wegschmeißen.
SZ: Von wie vielen?
Lerchenberg: In etwa von 25 Seiten. Nicht weil sie schlecht gewesen wären. Wir merkten einfach, dass Themen, die uns vor einem Monat noch wahnsinnig gut gefallen haben und in aller Munde waren, jetzt keinen mehr kratzen.
SZ: Zum Beispiel Mehdorn?
Lerchenberg: Genau. Wer regt sich heute noch darüber auf, dass Herr Mehdorn Lokführer und Rangierer bespitzelt hat? Im Prinzip eine Riesensauerei.
SZ: Die Ereignisse überschlagen sich im Wochenturnus. Minister gehen, Banken wanken, selbst der Papst gerät unter Beschuss. Wie oft haben Sie Ihre Rede schon umgeschrieben?
Lerchenberg: Oft. Es gibt auch jetzt nur eine Im-Moment-Fassung, und wir wissen genau, dass in dieser Fassung, die nach unsrem Dafürhalten zu lang ist, noch etwas fehlt. Bestimmte politische Ereignisse zum Beispiel. Es ist in der Tat so, dass man locker zwei oder drei Predigten schreiben könnte.
SZ: An der Finanzkrise werden Sie wohl nicht vorbei kommen.
Lerchenberg: Die ist wahrlich komplex. Neulich saßen wir drei Stunden mit einem Top-Banker zusammen und ließen uns erklären, was diese Bankenkrise eigentlich ist.
SZ: Und, sind Sie klüger geworden?
Lerchenberg: Nach drei Stunden haben wir einen Riesenschädel aufgehabt, aber es ist uns vieles klarer geworden. Nur: Das in die relativ einfachen Worte einer Fastenpredigt zu fassen, ist sehr schwierig. Es schafft ja kaum ein Politiker oder Journalist, die Bankenkrise so darzustellen, dass der normal begabte Zeitungsleser oder Radiohörer versteht, was da an Aberwitzigem eigentlich passiert ist. Im Prinzip wirft die Krise fundamentale gesellschaftspolitische und staatsphilosophische Fragen auf.
SZ: Die glühenden Verehrer des Kapitalismus haben Federn lassen müssen.
Lerchenberg: Wir sehen in der Tat klarer, dass es einen Kapitalismus gibt, der in dieser liberalisierten Raubtierform das Staats- und Wirtschaftssystem überholt hat. Auf der anderen Seite gibt es einen Sozialismus oder Kommunismus, der sich in seiner existierenden beziehungsweise gewesenen Form auch als nicht lebbar herausgestellt hat. Trotzdem hat Marx als Volkswirtschaftler in seiner Analyse recht. Das ist das Gespenstische und geradezu Geniale. Er müsste eigentlich posthum den Nobelpreis bekommen. Vor 150 Jahren erkannte er genau die Mechanismen.
Lesen Sie im zweiten Abschnitt: Der Vorteil der Predigtkanzel und schmutziges Gewerbe.
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