Hertie in München Der große Ausverkauf

Die Warenhauskette Hertie stellt bundesweit den Geschäftsbetrieb ein. Auch die Häuser in Laim, Giesing und Fürstenried schließen - mindestens ein Gebäude wird abgerissen.

Von Bernd Kastner und Wally Smith

Es ist Nachmittag in Giesing. An der Tegernseer Landstraße hockt, links vom Eingang zum Hertie-Kaufhaus, ein Mann am Boden, er trägt eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkten am Arm. Vor sich hat er eine Schale mit ein paar Münzen stehen. Rechts vom Eingang sitzt eine Frau auf einem Hocker, sie will "Biss" verkaufen, die Straßenzeitung von und für Menschen in Not. Zwischen den beiden gehen Menschen hindurch, es sind nicht viele, die rein wollen zu Hertie, einem Kaufhaus in Not.

Gerade eine Stunde ist es her, dass sie in Essen, in der Kaufhaus-Zentrale, das endgültige Aus für alle 54 Hertie-Häuser, verkündet haben, auch für die drei in München: in Laim, in Fürstenried und auch in Giesing. Das Haus hinter der Heilig-Kreuz-Kirche soll sogar abgerissen werden.

Drinnen stehen ein paar Verkäuferinnen an der Kasse, sie reden leise miteinander, vor ihnen liegen rote Tüten, auf denen steht: "Zum Glück gibt's Hertie." Man würde gerne wissen, wie es den Mitarbeitern jetzt geht, da sicher ist, dass sie ihre Stellen verlieren werden. Aber alles, was eine zu sagen wagt, ist: "Wir haben Anweisung von unserem Chef. Kein Kommentar. Leider." Man kann überlegen, was sie mit leider meint. Dass sie nichts sagen darf, oder dass in ein paar Wochen Schluss ist. Vermutlich beides.

Kunden dagegen dürfen reden, und wen man trifft, jeder ist traurig, weil man hier halt alles bekomme, von der Socke bis zum Zollstock. Eine Frau steht am Hosen-Ständer, ihren Sohn hat sie dabei und erzählt, dass sie immer aus Grünwald hierher fahre, ist so praktisch, weil es das nächstgelegene Kaufhaus ist.

Es ist wahrlich kein Einkaufstempel, es hat nur zwei Etagen, und unten, im Keller, steht eine junge Frau zwischen Haushaltsutensilien und lobt Hertie; weil man hier auch Sachen finde, die Penny oder Aldi nicht haben. Hertie ist kein Einkaufsparadies, ist nicht mehr das, was die Münchner unter diesem Namen kannten, als es noch das Haus am Hauptbahnhof gab. Das aber heißt längst Karstadt. Das Ambiente in Giesing hat etwas Verstaubtes, aber so, dass es schon wieder reizvoll wirkt in Zeiten des Luxus-Konsums.

Auch das Gebäude ist in die Jahre gekommen, ebenso das in Laim. Deshalb droht den beiden Stadtteil-Kaufhäusern an der Tegernseer Landstraße und an der Fürstenrieder Straße nun die Abrissbirne. Beide Objekte sind nach Ansicht der neuen Inhaber "weder schön noch praktisch".

Die Filialen in Laim und Giesing wurden im Dezember 2008 weiterverkauft: an die Münchner Firma Bucher Properties GmbH und an die Development Partner AG in Düsseldorf. Nach einer Analyse der Bausubstanz "erscheint ein Erhalt des Giesinger Gebäudes nicht sinnvoll", erklärt Martin Bucher. Eine Sanierung lohne sich nicht mehr. Deshalb lasse man es abreißen und durch einen Neubau ersetzen. Auch Georg Wäsler von der Gewerkschaft Verdi räumt ein, dass "die Häuser zum Teil in einem miserablen Zustand sind". Sie hätten einen Standard wie vor 15 Jahren.

Was mit der Hertie-Filiale in Laim passiert, haben die neuen Inhaber noch nicht entschieden. Sie schwanken zwischen Umbau und Sanierung oder Abriss und Neubau. Auf jeden Fall wolle man in Giesing und Laim wieder einen großflächigen Einzelhandel ansiedeln, versicherte Development-Sprecher Ralf Bettges, vielleicht ein Warenhaus oder die Filiale einer Mode- oder Lebensmittelkette.

Das Hertie-Haus in Fürstenried hingegen wird wohl als Gebäude stehen bleiben. "Es gibt bisher keine Abrisspläne", erklärt eine Sprecherin der Siedlungsgesellschaft Bavaria, der die Immobilie an der Züricher Straße gehört. Derzeit habe die Bavaria einen Mietvertrag nicht mit Hertie, sondern mit Karstadt. Man müsse daher abwarten, was weiter passiert.

Für die zirka 120 Mitarbeiter in den drei Stadtteil-Kaufhäusern geht indes das Zittern weiter. Gewerkschafter Wäsler befürchtet, dass die Hertie-Leute ihren Arbeitsplatz verlieren könnten. Nach dem Konzept des Insolvenzverwalters sollen in allen Filialen voraussichtlich zwei Monate lang Schlussverkäufe stattfinden.

Im Sommer werden die Häuser dann dicht gemacht. Paradox ist: Alle drei Münchner Hertie-Filialen hätten schwarze Zahlen geschrieben, wie Hertie-Geschäftsführer Günter Dechant aus Fürstenried noch vor wenigen Wochen betonte. Trotzdem ist für Gewerkschafter Wäsler der bundesweite "Todesstoß nichts Überraschendes". Mit dazu beigetragen habe auch die Sortimentspolitik.

Im Hertie-Keller in Giesing hängt eine Verkäuferin ein Schild auf, um Ventilatoren anzupreisen, 17,99 Euro nur, das Schild baumelt im künstlichen Wind. Im Erdgeschoss quengelt ein Kind, weil die Mama gerne den blauen Roller kaufen will, das Kind aber will ihn in Pink.

Ein paar Meter weiter sind Stützstrumpfhosen runtergesetzt, von 7,95 auf fünf Euro. Draußen hat jetzt, da der erste Tag der Hertie-Endzeit langsam vergeht, der blinde Bettler Feierabend gemacht, und auch die Biss-Verkäuferin ist weg.