Gewalt gegen Frauen Übermächtiger Wunsch nach Versöhnung

Viele Frauen werden geschlagen und missbraucht, doch kaum eine will ihren Partner anzeigen. Und wenn doch, nehmen viele am nächsten Tag alles zurück. Diese Frauen brauchen Schutz, nicht Strafe - deswegen bringt ein Hausverbot oft mehr als eine Anzeige.

Von Ronen Steinke

Arno Helfrich hat diesen Moment schon viele hundert Mal erlebt, doch mit jedem Mal ist sein Respekt noch gewachsen, sein Bewusstsein dafür, wie leicht man etwas kaputt macht, wenn man von außen in eine fremde Wohnung hineinkommt und so etwas wie Ordnung mitbringen will. "Das ist ein sehr sensibler Moment", sagt Helfrich, der im Münchner Polizeipräsidium das Kommissariat 105 leitet, zuständig für häusliche Gewalt.

Geschrei dringt aus einer Wohnung, die Beamten rasen herbei, sie treffen auf blankes Chaos. Weinende Kinder, brüllende Erwachsene, Scherben auf dem Boden. Die Polizisten versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen, zum Beispiel wenn der Satz "Ich bring' dich um!" gefallen ist. "Das kann eine rein verbale Ausfälligkeit sein", sagt Helfrich, "oder eine ernste Bedrohung."

Die Polizisten müssen entscheiden, unter enormem Druck und mit immenser Verantwortung. Wenn sie den Mann mitnehmen, ihn seiner Wohnung verweisen, ist dies für das Familienleben stets eine scharfe Zäsur. "Ein zwischenmenschliches Gefüge, das sich vielleicht über Jahre verfestigt hat, wird binnen Sekunden radikal verändert. Die Karten werden völlig neu gemischt", sagt Helfrich.

Dieser Einschnitt kann die Beteiligten überfordern, wenn sie dafür nicht bereit sind. Oft verspürt die Frau dann am nächsten Tag Reue, nimmt alles wieder zurück. "Dann kommt es vor, dass wir als Polizei zu gewissen Tatorten immer wieder gerufen werden", sagt Helfrich. Und dass die Täter trotzdem nie bestraft werden.

Das ist schwer zu begreifen: So beunruhigend Gewalttaten in der Familie sind, so sehr sie empören - der juristische Sturm bleibt nachher regelmäßig aus. Der Wunsch nach Versöhnung ist bei den geprügelten Frauen oft übermächtig. So wie viele Frauen gar nicht erst die Polizei rufen - Helfrich geht davon aus, dass nur jeder vierte oder fünfte Fall überhaupt angezeigt wird -, so beschleichen viele Frauen auch später im Verfahren Zweifel. Die Polizei ist inzwischen zwar geübt darin, schnell Beweise zu sichern, bevor es zu spät ist. Aber wenn die Frau später nicht aussagen will, macht das eine Bestrafung dennoch schwierig.

Schmerzhafte Einsicht

Lange gaben Frauenrechtlerinnen der Justiz die Schuld für ihre schlechte Bilanz. Lange nahm die Justiz das Thema häusliche Gewalt nicht recht ernst. Inzwischen aber, sagt die Kieler Kriminologin Monika Frommel, hätten sich manche Kritikerinnen auch zu einer schmerzhafteren Einsicht durchgerungen: Die betroffenen Frauen wollen oft selbst keine Bestrafung, "sie wollen eine sinnvolle, zukunftsorientierte Intervention, und die erhalten sie nicht über eine Bestrafung, sondern über familiengerichtliche Schutzanordnungen".

Frauen wollten Schutz, nicht Strafe, sagt Frommel - und beides sei keineswegs dasselbe. Vor allem wollten die Frauen Selbstbestimmung, auch gegenüber den staatlichen Behörden. Seit 2000 gibt es in Deutschland ein Gesetz, das diesem Wunsch nachkommt: das Gewaltschutzgesetz. Danach können prügelnde Männer - in 95 Prozent aller Fälle sind es Männer, sagt der Polizist Helfrich - präventiv ihrer Wohnung verwiesen werden, für die Dauer mehrerer Monate.

Die Frau kann diesen Zustand jederzeit wieder beenden. Sie bekommt so ein wenig Kontrolle zurück. Und vor allem: Sie wird nicht gezwungen, Strafanzeige zu erstatten. Sie kann Hilfe bekommen, die rein präventiv ist, nicht repressiv. Eine Erfolgsgeschichte, sagt die Forscherin Frommel.