Verwesung als Teil der Kunst Angelaufenes Edelmetall

Martina Frey stellt die Radierungen von David Gnandt in ihrer Galerie aus. Der Künstler studiert in Freiburg und promoviert in Theoretischer Chemie.

(Foto: Günther Reger)

David Gnandt ist Chemiker und benutzt als Künstler die Kaltnadeltechnik für seine Radierungen. Er setzt auch oxidierendes Silber ein und zeigt in Germering, wie sich seine Bilder mit den Jahren verändern

Von Valentina Finger, Germering

1990 platzierte Damien Hirst einen Kuhkopf in einem gläsernen Käfig, ließ Fliegen den Verwesungsprozess vorantreiben und nannte es "A Thousand Years". Kunst ist das, aber nicht für jeden. Doch bereits der Name verweist auf die Idee, die den britischen Künstler zu der Installation bewegte: Alles, was ist, vergeht auch. Nun kann man sich mit dem Thema Vergänglichkeit auch weniger drastisch auseinandersetzen. Veränderlichkeit als Grundlage des Lebens steht im Zentrum des Werks von David Gnandt. Die Bilder, die er in der Ausstellung "Hinter Fassaden" in der Germeringer Galerie Frey zeigt, sind, anders als Hirsts visuelle Konzepte, allerdings eines: hübsch anzusehen.

David Gnandt ist Chemiker. Derzeit promoviert er in Freiburg in Theoretischer Chemie. Seine Kunstwerke sind die praktische Umsetzung seines Wissens über Stoffe und Konsistenzen. Sie bauen, wie er sagt, sozusagen eine Brücke zu seinem Studium. Gnandt macht Kaltnadelradierungen, eine Technik, bei der zwischen dem ersten zeichnerischen Entwurf und der fertigen Platte in der Druckerpresse mehrere Produktionsschritte liegen.

Seine reinen Radierungen sind schlicht. Die filigranen Linien ergeben beispielsweise eine Serie von Warnhinweisen. "Notaus" ist am 8. November vergangenen Jahres entstanden, dem Tag, an dem Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde. "Für mich war das einer der Momente, in denen etwas Gravierendes passiert und man sich wünscht, die Welt kurz anhalten zu können", sagt der 33-Jährige.

Was mit "Hinter Fassaden" gemeint ist, das Offenlegen eines Inneren, zeigt eine andere Werkgruppe. Die architektonischen Elemente in jenen Bildern trotzen jeder realistischen Perspektive. Gebäude liegen in der Horizontalen; dort, wo sie einst im Grund verankert waren, klafft eine Leere. Man kann hineinblicken in die Häuser, deren Wände die Blicke von außen eigentlich abwehren sollten. Der Gedanke dahinter ist stark. Optisch verlieren jene Radierungen mit den seichten Pastelltönen, die die Linien ergänzen, jedoch gegen die kraftvollen Collagen, die den Großteil der Ausstellung ausmachen.

Die Zeichnung ist auch hierfür die Grundlage. Doch wird diese mit Metallen verfeinert. Elf Einzelbilder ergeben den Zyklus "Getöse". Im Mittelpunkt steht stets dasselbe Objekt: ein Bauwerk, an das ein kryptischer Trichter, ähnlich einem Blechblasinstrument, angeschlossen ist. Mal sind einzelne Elemente oder die Umrisse des Gebäudes, ein anderes Mal geometrische Flächen im Hintergrund metallisch hervorgehoben. Für diese Akzente verwendet Gnandt Silber, Blattkupfer oder Messing. Niemals ist es Gold, auch wenn viele Stellen gülden glänzen: "Als sehr edles Metall oxidiert Gold oberflächlich nicht, es ist beständig. Doch mir geht es darum, dass Fassaden sich verändern."

Der Chemiker weiß, was die Zeit mit Metallen macht. In einigen Bildern von 2013 ist das Silber bereits angelaufen. Auch bei den neuen Werken wird das noch passieren. "Meistens macht es keinen Unterschied, wann ich mir ein Kunstwerk ansehe. Doch diese verändern sich und illustrieren damit ihren eigenen Alterungsprozess", sagt Gnandt. Weder für den Künstler noch für den Menschen in ihm ist Vergänglichkeit zwingend schlecht. Denn das Prinzip verspreche, so Gnandt, dass auch Unangenehmes irgendwann vergeht.

Kennt man diesen Gedankengang, gewinnen die Werke an Wertigkeit. Man muss sich der Idee des Veränderlichen allerdings nicht bewusst sein, um sie schlichtweg schön zu finden. Aus einem Trichter sprudeln metallische Flocken wie schimmernde Konfetti. In einem anderen Bild ranken Kupferkrallen wie Wurzeln in den Boden. Durch eine Collage schweben Kreise wie Lampions in einem Kontrastspiel zwischen zarter Linie und hartem Metall. Auch ihre Strahlkraft wird sich mit den Jahren verringern. Für den Effekt, den Gnandt erzielen möchte, ist das gut. Doch aus der Perspektive eines Liebhabers hübscher Bilder betrachtet, ist es traurig.

"Hinter Fassaden", Galerie Frey, Otto-Wagner-Straße 14, Germering, geöffnet Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 14 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung geöffnet; bis 12. März.