Unglück auf dem Heimweg In der Dunkelkammer des Lebens

Der Germeringer Spitzentriathlet Andrej Heilig liegt nach einem Fahrradunfall seit zwei Monaten im Koma. Seine Freunde haben für ihn und seine Familie im Internet eine Spendenseite eingerichtet

Von Christian Hufnagel

Die Welt kann noch so schön sein, sie ist trotzdem kein Trost, wenn die Wirklichkeit unbarmherzig ist. Dem schönen Schein mag man zunächst also erliegen, während man sich mit Slavi Heilig auf ihrer Terrasse in Planegg unterhält. Inmitten einer asiatisch anmutenden Atmosphäre, die an diesem sonnenüberfluteten Sommertag idyllischer nicht sein könnte: Hibiskus und Oleander blühen, ein Brunnen plätschert beruhigend vor sich hin, ein lebensgroßer Terrakota-Krieger wacht im Garten, neben einem leuchtend gelben kleinem Gebäude, in der sich ihre "Praxis für Schönheit, Gesundheit und Vitalität" verbirgt. Die Umgebung wäre also die passende Einstimmung für ein entspanntes Gespräch über die therapeutische Wirkung von Klangschalen, wenn die Protagonistin der Szene nicht immer wieder abrupt abbrechen müsste, es ihr die Stimme verschlägt und die Tränen in die Augen treibt. Denn die Gabe, die sich die Therapeutin zuspricht, nämlich als eine Art Energie-Medium den Menschen helfen zu können, versucht sie derzeit verzweifelt auf einen Menschen zu konzentrieren, der leider sehr, sehr fern ist: Ihr Sohn liegt seit 15. Juni im Koma. Seit 59 Tagen wartet die Mutter darauf, dass er aufwacht.

Das Schicksal von Andrej Heilig hat vor allem die Sportwelt im Landkreis Fürstenfeldbruck erschüttert. Der 36-Jährige gehört in der Amateurszene zu den dominierenden Triathleten in Südbayern, startet in dieser Ausdauerdisziplin für den TSV Unterpfaffenhofen-Germering und den TuS Fürstenfeldbruck. Seine Mutter beschreibt ihn als "sehr zielstrebig", was leicht nachzuvollziehen ist, wenn sich ein Mensch neben seinem Beruf als Lebensmittelwissenschaftler einer solchen Ausdauerdisziplin auf höchstem Wettkampfniveau verschrieben hat. Doch Ehrgeiz und Wille ist die eine Seite seines Charakters, Fairness, Hilfsbereit- und Kameradschaft die andere. "Durch seine Art ist er sehr beliebt", bestätigt Maximilian Krumm, der an seinem Freund dessen "Optimismus" schätzt: "Er ist extrem positiv eingestellt." Umso mehr war für den Triathleten vom Wörthsee die Nachricht ein Schock: "Es ist unvorstellbar, dass jemanden wie ihm so etwas Schlimmes passieren konnte."

Das Unvorstellbare geschah an jenem 15. Juni an einer Kreuzung in Raleigh. Ein Stipendium hatte Heilig zum Umzug in die Hauptstadt von North Carolina bewogen, mit seiner Ehefrau und den drei Jahre und sechs Monate alten Kindern. Der Familienvater war an jenem Abend mit dem Rad auf dem Heimweg von einem Wettkampf und kam an eine mehrspurige Kreuzung. Was dann passierte, schildert seine Mutter anhand einer Skizze der örtlichen Polizei: Ein kleines Quadrat kennzeichnet den Zusammenstoß des Radfahrers mit einem Auto, das offensichtlich mit nicht zu geringem Tempo von rechts über die Kreuzung fahren wollte. Der Aufprall war so heftig, dass Andrej Heilig ans andere Ende der Kreuzung katapultiert wurde. Dort ist jedenfalls ein liegendes Strichmännchen eingezeichnet: "Sehen Sie, wie weit er geflogen ist", kommentiert Slavi Heilig leise die nüchterne Zeichnung, die das Grauen dieses Augenblicks auch ohne schreckliche Unfallbilder vor Augen bringt. Vor allem die Folgen: Der 36-Jährige zog sich so schwere Kopfverletzungen zu, dass er das Bewusstsein nicht wieder erlangt hat.

Dass ihr Sohn bei Rot über die Ampel gefahren sein soll, wie die Insassen des Autos behaupten, kann die Mutter nicht glauben: "Niemals hat Andrej das gemacht. Er ist so professionell." Die Klärung der Schuldfrage belastet sie nun zusätzlich, denn etwaiges Schmerzensgeld würde der Familie des Verunglückten wenigstens die finanziellen Belastungen lindern helfen. Diese wachsen mit jedem Tag: Die Ehefrau ist mit ihren kleinen Kindern nach Duisburg zu ihren Eltern gezogen: Ihre finanzielle Existenz ist nach dem Ausfall des Ernährers vollkommen unsicher. Wenigstens ihren Mann hat sie nun in der Nähe, denn Andrej Heilig wurde inzwischen von den USA ausgeflogen und in die Wedaukliniken in Duisburg verlegt. Welch hohe Kosten auf die junge Familie noch zukommen, ist nicht abzusehen.

Deshalb haben die Freunde um Maximilian Krumm im Internet eine Spendenseite unter https://andrej-heilig.spendet.org eingerichtet. "Wir wollen seine Frau Kathrin und seine beiden kleinen Kinder Marlena und Emil so gut wie möglich unterstützen", heißt es dort, "indem wir Rehamaßnahmen oder Hilfsgerätschaften finanzieren oder der Familie aus einer schwierigen Situation helfen." Der Sozialdienst Germering koordiniere und kontrolliere die Spenden und deren zweckgebundene Verwendung , erklärt Krum zudem.

Über diese Hilfsbereitschaft ist Andrej Heiligs Mutter sehr froh. Trotzdem stößt sie in ihrer Sorge psychisch an ihre Grenzen. Sie fährt so oft es geht nach Duisburg, um bei ihrem Sohn zu sein. Sie vertraut darauf, dass er "meine Energie empfängt - meine physische Anwesenheit, meine Worte, meine Wärme, die ihm suggerieren sollen: Du schaffst es." Dass den Komapatienten liebevolle Zusprache und Berührung zurück ins Leben bringen, davon ist sie überzeugt. "Wenn ich ihm eine Hand auf den Kopf lege, die andere ans Herz, dann ist er so entspannt", erzählt Slavi Heilig und legt ein Foto auf den Terrassentisch, das diese Hoffnung unzweifelhaft nährt. Unter ihrer schützenden Hand liegt der Kopf ihres Sohnes, eingebettet in einem Kissen trägt sein Gesichtsausdruck einen so friedlich-gelösten Ausdruck, als ob er jeden Moment ausgeschlafen hätte und seine Augen öffnen würde.

Aber so barmherzig ist die Wirklichkeit noch nicht. Da können der Duft der Blumen, das Plätschern des Brunnens und die Strahlkraft der Sonne noch so betörend sein. Slavi Heilig kann sich davon nicht blenden lassen: "Andrej hat schwerste Verletzungen an beiden Gehirnhälften. Es wird sehr, sehr lange dauern." In diesem bangen Warten will die Mutter wenigstens Hoffnung aus dem Charakter ihres Sohnes schöpfen. Er gilt als Kämpfernatur, wovon auch sein letzter Eintrag in seinem Blog am 27. Dezember 2012 zeugt. Nach seinem für ihn eher durchwachsenen Ironman in Hawaii macht sich der Triathlet selbst Mut und formuliert für sich und seine Freunde die nächsten Ziele: "Das Feuer wiederfinden. Man muss halt weiterkämpfen."