Szenische Lesung Eine düstere Zukunft

Theresa Hannig hofft, irgendwann von der Literatur leben zu können. Momentan schreibt sie vor allem nachts - weil sie Teilzeit arbeitet und sich nachmittags um ihre zwei Kinder kümmert.

(Foto: Johannes Simon)

Die junge Brucker Autorin Theresa Hannig präsentiert ihren Debütroman "Die Optimierer" an der Neuen Bühne Bruck. Darin entwirft sie eine Welt, in der die Menschen durch quasi unendlichen Konsum und ihre Daten kontrolliert werden

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

So recht hatte die Autorin Theresa Hannig schon nicht mehr an den Erfolg geglaubt. Unzähligen Verlagen - wie vielen, das weiß sie selbst nicht mehr genau - hatte sie ihr Manuskript zum Roman "Die Optimierer" schon zugeschickt, die meisten hätten es nicht einmal für nötig gehalten zu antworten. Also hat Hannig eine Lektorin engagiert. Die hat dann auch einige Verbesserungsvorschläge gemacht. "Aber wie es halt so ist, wenn man jung ist. Statt ihr zuzustimmen, habe ich versucht, sie davon zu überzeugen, dass doch alles gut so ist", sagt Hannig. Irgendwann habe sie sich dann entschieden, das mit der Lektorin abzubrechen. "Doch am Tag, bevor ich es ihr sagen wollte, hat sich die Einsicht durchgesetzt."

Hannig ist bei ihrer Lektorin geblieben und hat ihre Geschichte noch einmal komplett neu geschrieben. Mehr als ein Jahr haben diese Arbeiten gedauert, auch weil die 33-Jährige sich tagsüber um ihre zwei Kinder kümmert und einem Teilzeit-Job als Lichtdesignerin nachgeht - geschrieben hat sie also hauptsächlich am späten Abend und nachts. Als sie dann irgendwann im vergangenen Jahr damit fertig war und auch ihre Lektorin mit dem Ergebnis zufrieden, hat Hannig das Manuskript noch einmal eingereicht. Allerdings nicht direkt bei einem Verlag, sondern beim erstmals ausgeschriebenen Stefan-Lübbe-Preis. Ins Leben gerufen wurde er vom Bastei-Lübbe-Verlag in Erinnerung an den 2014 verstorbenen Verleger.

Und tatsächlich, die Science-Fiction-Dystopie der Fürstenfeldbruckerin überzeugte die Jury so nachhaltig, dass diese Hannig zur Siegerin kürte. Als Preis gab es genau das, was sich die 33-Jährige so lange gewünscht hat: Der Verlag bringt ihr Buch heraus. Knapp ein Jahr hat es gedauert - ausgezeichnet wurde Hannig auf der Frankfurter Buchmesse 2016 -, doch nun ist es so weit. Am Samstag, 30. September, stellt die Autorin ihr Werk an der Neuen Bühne Bruck der Öffentlichkeit vor. Nicht mit einer klassischen Lesung, sondern als kleine Aufführung mit den Schauspielern Tina und Alexander Schmiedel. Bereits von Freitag an ist das Werk im Buchhandel erhältlich.

In der Welt, die Hannig in "Die Optimierer" schafft, geht es den Menschen eigentlich wunderbar. Jeder hat den passenden Job, und wenn jemand nicht arbeiten will oder einfach ungeeignet ist, dann ist das auch o. k. Die meiste Arbeit machen im Jahr 2052 Maschinen, Roboter sorgen für die Sicherheit. Deshalb gibt es ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dafür, dass jeder seinen Platz findet, sorgt die nett klingende "Agentur für Lebensberatung", deren Vertreter uneingeschränkten Zugriff auf die in der durchdigitalisierten Welt gesammelten Daten der Menschen haben. Einer der Beamten ist die Hauptfigur Samson Freitag, der plötzlich selbst erleben muss, was es heißt, wenn man in die Mühlen des alles überwachenden Optimierungssystems gerät.

Damit steht Hannigs Buch in bester Tradition mit den großen Dystopien der Literaturgeschichte, Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" und George Orwells "1984". Während in diesen beiden Geschichten die Gesellschaft durch Drogen und Gewalt unter Kontrolle gebracht wird, werden die Menschen bei der Bruckerin einfach mit all dem überflutet, was sie haben wollen.

Einige der Technologien, die Hannig in ihrem 2008 begonnen Text noch als Zukunftsvisionen beschreibt, sind heute sogar mehr oder weniger umgesetzt. Etwa autonomes Fahren, riesige Clouds für die Daten und ein System der "Sozialpunkte", das den Rang eines Menschen anhand dessen bewertet, was er tut. In China wird bereits etwas ähnliches probiert, die Wertung ergibt sich dort aus digital gesammelten Daten und der "Kontrolle" durch die Nachbarn.

Hannig, die Politikwissenschaften studiert und sich eine Zeit lang bei der Piratenpartei engagiert hat, will ihren Roman auch politisch verstanden wissen. Denn sie will zeigen, wohin es führen kann, wenn immer mehr Daten gesammelt werden. "Da geht es ja nicht mehr zurück, es wird ja nicht passieren, dass irgendwelche schon gesammelten Daten gelöscht werden", sagt die Brucker Autorin. Sie glaube nicht, dass sich die Leute bewusst seien, wie viel Freiheit sie bereits jetzt für eine vermeintliche Sicherheit tauschen. Noch sei all das nicht so deutlich, weil die Daten nicht politisch missbraucht werden. Das könne sich aber schnell ändern, wenn eine extremistische Partei plötzlich die Mehrheit bekommt.

Auf ihren Debütroman ist die junge Autorin jedenfalls spürbar stolz. Natürlich hoffe sie, künftig von ihrer Kunst leben und weitere Bücher veröffentlichen zu können. Deshalb tut Hannig viel dafür, dass ihr Erstlingswerk sich so gut verkauft, dass der Verlag weiter mit ihr zusammenarbeiten möchte. Denn als noch unbekannte Autorin bleibt ein Großteil des Marketings an ihr selbst hängen. So war sie in den vergangenen Wochen in den Buchhandlungen des Landkreises unterwegs, um ihr Werk vorzustellen. "Ich stehe natürlich im Portfolio des Verlags, aber das heißt ja nicht, dass alle Buchläden meinen Roman gleich einkaufen", erklärt Hannig. Deshalb hofft sie, dass sie nach ihrer Vorstellungsrunde in möglichst vielen Läden präsent sein wird. Und vielleicht hilft ihr auch der Auftritt, den sie auf der Buchmesse am Stand von Bastei-Lübbe haben wird. Über ihre Erfahrungen als Autorin bloggt sie außerdem unter www.theresahannig.de. Auch das, so hofft sie, helfe, sich und den Roman zu vermarkten und eine gewisse Bekanntheit zu erlangen.

Buchpräsentation "Die Optimierer" von Theresa Hannig, Samstag, 30. September, 18 Uhr, Neue Bühne Bruck. Der Eintritt ist frei, Kartenreservierung unter www.Buehne-Bruck.de