Senioren am Steuer Langsam, aber meistens sicher

Auch wenn ältere Menschen manchmal im Verkehr auffallen: Problematischer ist laut Polizei das Fahrverhalten junger, aggressiver Fahrer.

Von Erich C. Setzwein

Sollen Menschen über 80 Jahre noch Auto fahren, sollen sie sich regelmäßig untersuchen lassen oder ab einem gewissen Alter den Führerschein zurückgeben müssen? Die Entrüstung ist groß, nachdem der Hamburger Innensenator Michael Neumann (SPD) einen Gesundheitscheck für Autofahrer gefordert hat. Doch die Diskussion über die Fahrtauglichkeit kommt nicht von ungefähr und beginnt jeden Tag wieder, wenn etwas passiert ist. So wie zum Beispiel unlängst in Gröbenzell, als ein 82-jähriger Autofahrer beim Rückwärtsfahren vor den Augen der Polizei eine Straßenabsperrung umfuhr. Von Passanten war daraufhin zu hören: Es hätte auch ein Kinderwagen sein können.

Die problematischeren Verkehrsteilnehmer sind nicht die älteren Menschen", sagt Klaus Gründler, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Gröbenzell. Die meisten Probleme bereiteten jene Autofahrer, die sich selbst überschätzten, die aggressiv am Steuer seien. Gründler, der in den Kommunen Puchheim und Gröbenzell Dienst tut, in denen der Altersdurchschnitt verhältnismäßig hoch ist, weiß auch, dass es oft die älteren Verkehrsteilnehmer sind, die durch ihre langsame Fahrweise die Aggression anderer Autofahrer erst auslösen. Denn "langsam" bedeutet für viele Autofahrer über 80 Jahre auch "sicher".

Sie sehen vielleicht nicht mehr so gut, mit dem Hören ist es so eine Sache und die Reaktionsfähigkeit ist auch nicht mehr die beste. Das führt, insbesondere im Gebiet der Gröbenzeller Polizeiinspektion, zu vielen Kleinunfällen, die erst dadurch eine gewisse Bedeutung bekommen, weil die Verursacher einfach weiterfahren. "Nicht selten sind es ältere Menschen, die für die Verkehrsunfallfluchten in Frage kommen", sagt Gründler. Meist gehen Rempler so glimpflich ab, wie an jenem Morgen auf der Gröbenzeller Bahnhofstraße, als ein 82-jähriger Mann mit seinem Wagen langsam zurücksetzte, bis er eine breite Straßenabsperrung touchierte. Den Moment des Anstoßes schien er nicht wahrzunehmen, fuhr weiter im Rückwärtsgang, bis die Absperrung wie in Zeitlupe zu Boden krachte. Der Mann wurde sofort angehalten von den Beamten, die direkt daneben standen. Der 82-Jährige sei offensichtlich in sehr schlechter körperlicher Verfassung gewesen, er habe sich beim Rückwärtsfahren nicht umdrehen können. "So etwas melden wir dem Landratsamt."

Nach Angaben des Landratsamtes geht die Führerscheinstelle den Berichten von Polizei und Gerichten nach und prüft, ob die Autofahrer erst einmal eine Stellungnahme abgeben sollen oder gleich fachärztlich untersucht werden müssen. Differenziert wird in der Statistik dabei nicht, ob es sich um einen alten oder einen jungen Verkehrsteilnehmer handelt.

147 Meldungen über die Fahreignung hat die Führerscheinstelle im vergangenen Jahr erhalten. Haben die Mitarbeiter der Führerscheinstelle nach einer sorgfältigen Analyse dann ausreichend Anhaltspunkte, können sie eine Fahrprobe anordnen. Das heißt, der Autofahrer muss eine Prüfung machen, die wie die praktische Führerscheinprüfung abläuft. 2011 haben 43 Fahrer, gegen die ein Verfahren lief, ihren Führerschein freiwillig zurückgegeben, elf von ihnen waren über 60 Jahre alt. Insgesamt wurden vergangenes Jahr 92 Führerscheine eingezogen. Derzeit klagt ein älterer Autofahrer vor dem Verwaltungsgericht gegen das Landratsamt, weil sein Führerschein konfisziert wurde. Ein solcher Rechtsstreit sei der jährliche Durchschnitt, teilte das Landratsamt mit.

Nicht berücksichtigt wird in den Statistiken freilich, welche Konsequenzen der Entzug der Fahrerlaubnis für die älteren Menschen hat: Ihre Mobilität wird laut Klaus Grünler noch mehr eingeschränkt, man sperre alte Menschen quasi ein. "Da kollidieren hohe Güter", sagt der Gröbenzeller Polizist. Die Sicherheit aller gegen die Freiheit einzelner sei abzuwägen und angesichts des steigenden Altersdurchschnitts "gesellschaftlich neu einzuordnen".