Porträt Sein Antrieb heißt Gerechtigkeit

Klaus Frank hilft Menschen und setzt sich auch für die Bewahrung der Natur ein, die ihm am Herzen liegt - hier am Mammendorfer See.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Germerings früherer Polizeichef Klaus Frank ist Mitglied der Hilfsorganisation Weißer Ring und kümmert sich auch im Pensionsalter weiter um Opfer von Gewalt

Von Gerhard Eisenkolb, Fürstenfeldbruck/Aufkirchen

Im Mai vor einem Jahr haben zwei junge Männer in einem Arbeiterwohnheim in Wenigmünchen so brutal auf einen 22 Jahre alten slowakischen Mitbewohner eingeprügelt und eingetreten, dass dieser starb. Die Schläger ließen den Schwerstverletzten liegen, ohne einen Arzt zu rufen. Wenn nun im kommenden Mai den mutmaßlichen Tätern am Landgericht München der Prozess gemacht, sitzt auch Klaus Frank im Gerichtssaal. Der ehemalige Polizist, der zuletzt 13 Jahre lang die Inspektion in Germering leitete, betreut die Witwe des zu Tode Geprügelten und verfolgt die Verhandlung als deren ehrenamtlicher Prozessbegleiter. Sie ist Nebenklägerin, ein Anwalt steht ihr zusätzlich zur Seite.

Seit der Pensionierung vor viereinhalb Jahren betreut der Aufkirchener Frank Opfer von Straftaten, um acht Fälle gleichzeitig kümmert er sich momentan. Er tut das, weil er eine solche Hilfe für unverzichtbar hält. Die Aufklärung von Straftaten ist zwar nicht mehr seine Aufgabe. Aber als Mitglied des Vereins Weißer Ring - einer Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer - kann er für die Betroffenen zumindest die Folgen etwas erträglicher machen und dabei von seiner Berufserfahrung bei der Polizei profitieren. Der Pensionär räumt ein, immer eine soziale Ader und Empathie für Opfer gehabt zu haben. Als prägendes Erlebnis seiner Polizeiarbeit bezeichnet er einen Einsatz, bei dem er bei Landsberg die nackte Leiche einer achtjährigen, entführten Schülerin aus dem Lech zog.

Alle Fälle, für die er die Rolle eines "Wegbegleiters und Weichenstellers" übernimmt, haben eines gemeinsam: Sie sind mit dem Schicksalsschlag überfordert. Wie die junge Witwe, die, als ihr Mann in Wenigmünchen totgeschlagen wurde, hochschwanger war und inzwischen ein Kind zur Welt gebracht hat. Wer Gewalt erfahren hat oder einen Angehörigen durch Totschlag verliert, ist oft traumatisiert, verunsichert, verliert den Boden unter den Füßen und hat plötzlich Probleme, das Leben zu meistern. Dazu können berufliche, finanzielle oder familiäre Schwierigkeiten kommen. Zudem haben Gewaltopfer Angst, den Täter wiederzusehen. Deshalb müssen sie auf die Gerichtsverhandlung vorbereitet werden.

Schon ein Wohnungseinbruch kann seelische Probleme nach sich ziehen. So berichtet Frank von einem Paar, das nachts aufwachte und einen Einbrecher erblickte, der neben dem Ehebett stand. Seit die Frau schlaftrunken den maskierten Täter erblickte, kann das Paar nicht mehr in dem Haus leben. Frank ist auch in solchen Fällen gefragt. Und er hat Verständnis für die Reaktion des Paares, erlebte er doch früher nach Einbrüchen wiederholt, welche Folgen dieses Eindringen in die Privatsphäre hat. Als Hauptgrund für sein Engagement führt der Helfer Frank das "Recht auf Opferschutz" an, das in Deutschland nur unzureichend gewährleistet sei. Es sei zwar ein Verdienst des Weißen Rings, dass die Bedeutung von Opferhilfe und Opferschutz erkannt worden sind. Trotzdem hapere es noch mit der Umsetzung einer entsprechenden Richtlinie der Europäischen Union. Solange das der Fall sei, müssten sich Mitglieder von Vereinen wie dem Weißen Ring um diese "staatliche Aufgabe" kümmern. Als verwerflich und abscheulich bezeichnet er das Verhalten eines ehrenamtlichen Lübecker Mitarbeiters, der des sexuellen Missbrauchs von ihm betreuter Opfer beschuldigt wird. So etwas gehe nicht, auch nicht der Versuch, das zu vertuschen, so Frank. Dass ein einzelner mit seinem Verhalten die Arbeit von 3000 Ehrenamtlichen diskreditiert hat, ärgere ihn maßlos.

Mit seinem früheren Beruf habe die Tätigkeit beim Weißen Ring nichts zu tun, beteuert der 66-Jährige. Er räumt aber ein, dass bestimmte Qualifikationen, wie das juristische Wissen eines Polizisten, durchaus hilfreich seien. Ist er von etwas überzeugt, lässt er sich in die Pflicht nehmen. Das war so, als ihn ehemalige Kollegen baten, beim Weißen Ring mitzuarbeiten, oder als er sich als 18-Jähriger in seinem kleinen Wohnort in der Oberpfalz für die Polizei werben ließ.

Die Grundanständigkeit der Jugendzeit strahlt der Pensionär noch immer aus. Er drängt sich nicht auf, wirkt aber wie jemand, dem man vertrauen kann. Das Vertrauen traumatisierter Kriminalitätsopfer zu gewinnen, ist nicht einfach. Wie Frank beteuert, sei es umso wichtiger, sich einfach hinzusetzen und aktiv zuzuhören. "Das Opfer muss den Eindruck haben: Mir hört jemand zu und hilft." Gefragt ist auch Geduld, schließlich seien viele überzeugt, es gebe sowieso keine Gerechtigkeit mehr. "Da muss man lange reden und immer wieder erklären", berichtet der Opferbetreuer.

Kommt es zu keiner Anklage oder Verurteilung, versucht er zumindest Verständnis dafür zu wecken, dass es in einem Rechtsstaat nicht immer einfach ist, jemanden vor Gericht zu bringen. So erlebte er, wie für eine von einer Freundin erpresste Frau die Welt zusammenbrach, weil die über-führte Täterin straffrei blieb. Es kam zu keinem Prozess, weil die Angeklagte nicht verhandlungsfähig war. Meist fassen die von ihm Betreuten wieder Lebensmut, wenn sie begreifen, welche Rechte und Möglichkeiten sie haben und von wem sie Hilfe erwarten können.

Die wenigsten Menschen, für die Klaus Frank sich einsetzt, verfügen über die Finanzmittel, sich aus eigener Kraft ihr Recht zu erstreiten. Dass es ihm gut geht, ist für den Pensionär Ansporn, dazu beizutragen, dass andere, denen es schlechter geht, eine gewisse soziale Gerechtigkeit erfahren.

Neben seinen Mitmenschen - Frank bereitet gerade einen Vortrag zu betrügerischen Kaffeefahrten vor und gehört im Landkreis dem Runden Tisch häusliche Gewalt an - liegen ihm auch Flora und Fauna am Herzen. So zählt er bei Radtouren seltene Vögel, meldet überfahrene Igel und hilft zwei Biologen mit anderen Ehrenamtlichen, die Flora des Ampermooses und des Ammerseegebiets zu kartieren. Und er stellt schon mal Menschen zur Rede, die in einem Naturschutzgebiet Motorrad fahren oder grillen.