Premiere am Roßstall-Theater Zwischenmenschliche Absonderheiten

Willi Hörmann spielt den fiesen Henri nicht nur, er lebt ihn auf der Bühne auch. Hier mit Daniela Maria Fiegel als Constance.

(Foto: Günther Reger)

Das Theater im Roßstall erzählt in "Die Studentin und Monsieur Henri" überzeugend und humorvoll die Geschichte eines alten Kauzes, der mit Hilfe seiner Untermieterin die Schwiegertochter loswerden will

Von Edith Schmied, Germering

So also sieht das vielfach ausgezeichnete französische zeitgenössische Theater aus. "Die Studentin und Monsieur Henri" ist eine Komödie. Aber nicht die Sorte von seichtem Boulevardstück, in dem ziemlich festgelegte Typen ihre Rolle runterspielen und keinen Deut von ihrem Schema abweichen. Der Erfolg des Stückes von Yvan Calbérac am Théatre de Paris und auf einer ausgedehnten Tournee in ganz Frankreich und die Auszeichnung der Akademie Francaise 2013 kommen nicht von ungefähr. Das liegt allerdings nicht unbedingt an der Handlung, die ist relativ einfach gestrickt. Monsieur Henri, in letzter Zeit schon etwas wackelig auf den Beinen, soll auf Drängen seines Sohnes und zu dessen Beruhigung ein Zimmer seiner Wohnung an eine Studentin vermieten. Darin steckt mehr Sprengstoff als man auf Anhieb vermuten würde.

Der Reiz dieses Stückes liegt in den Charakteren, die sich im Laufe der Handlung verändern, wenn man so will menschlicher werden. Und da sind noch die witzigen Dialoge, die beim Publikum im Roßstall ein ums andere Mal Szenenapplaus hervorrufen. Das zeigt welch guten Griff Regisseurin Cecilia Gagliardi mit dem neuen Bühnenstück getan hat. Dazu hat sie mit viel Gespür für die individuellen Fähigkeiten der Darsteller die vier Rollen besetzt.

Allen voran Willi Hörmann als Monsieur Henri. Er spielt den alten Grantler nicht, er ist dieser fiese Typ, dem im Laufe seines 20-jährigen Witwer-Daseins jedwede zivilisierte Kommunikation abhanden gekommen ist. Henri pflegt den Dauerclinch mit seinem Sohn, den er für einen Trottel hält, was aus seiner Sicht ausschließlich an der ungeliebten Schwiegertochter Valerie, "einer Idiotin", liegt. Er hat sich einen Panzer aus Grobheit, die Ursache ist Einsamkeit, zugelegt, nach dem Motto: "Ich krepier' lieber allein als rumzujammern". Ein fürsorgliches "erkälte dich nicht", wenn er seinem Sohn den Schal richtet, ist der emotional größtmögliche Ausdruck an Gefühlen. Henri ist nicht nur schrullig, er ist auch ein Schlitzohr. Mit augenzwinkernden Tricks lässt er die Puppen, beziehungsweise die Studentin Constance, nach seiner Pfeife tanzen. Daniela Maria Fiegel ist ein durchaus ebenbürtiger Gegenpart zu dem Misanthropen. Mit herzerfrischender Unbekümmertheit nimmt sie Henri den Wind aus den Segeln. Henris Abschreckungsmanöver, wie Kakerlaken und Kaltwasser am Gang, zielen ins Leere. Sie will, beziehungsweise braucht, das preiswerte Zimmer weil sie völlig pleite ist. Das ist auch der Grund dafür, dass sie sich auf einen hinterhältigen Deal mit dem Alten einlässt. Für sechs Monate freie Miete ist sie bereit, Paul den Kopf so zu verdrehen, dass er seine Frau verlässt. "Ich bin keine Nutte", wehrt sie ab, aber ihr Auftritt im knallroten, tief dekolletierten, eng anliegenden Kleid ist schon sehr überzeugend. Da geht jeder noch so gefestigte Mann in die Knie. So unbekümmert und leichtfertig wie es scheint ist Constance nicht. Sehr glaubwürdig vermittelt Daniela Maria Fiegel ihre Zerrissenheit, die zaudernde Suche nach ihrer eigentlichen Rolle im Leben.

Anja Neukamm wirbelt als Valerie auf die Bühne, ein fleischgewordenes, wandelndes Pünktchenmuster. Sie ist ziemlich überdreht und mit einer penetrant guten Laune ausgestattet, kurzum einigermaßen nervig. Chinesische Horoskope sind ihr wichtig, ebenso der sonntägliche Kirchgang, den ihr Mann meidet. "Auf Hostien kriege ich immer Hunger". Der Spruch könnte von seinem Vater stammen, nur lästert der viel krasser über die "gebenedeiten Ärsche". Aber so naiv ist Valerie auch wieder nicht, sie merkt bald was zwischen Constance und Paul läuft. Thomas Leicht vollzieht Pauls Wandlung nicht nur äußerlich. Mittelscheitel, Fliege und korrekten Anzug tauscht er gegen Rockerjacke, sein Wortschatz ist voller Anglizismen.

Der Schluss verläuft anders als es sich die Figuren des Stückes erhoffen. Ohne "Happy end". Das wäre auch zu platt für eine Komödie, die eine ganze Palette von Gefühlen zeigt und doch mit den Seitenhieben auf mitmenschliche Absonderheiten sehr amüsant ist.

Nächste Aufführungen: Freitag, 1. April, und Samstag, 2. April, jeweils von 20 Uhr an und Sonntag, 3. April von 19 Uhr an.