Liedermacher zu Gast bei der SPD Mit bittersüßer Stimme

Nicht altersmilde, sondern "altersgrantig" sei er geworden, sagt Liedermacher Konstantin Wecker über sich selbst.

(Foto: Johannes Simon)

Die Sozialdemokraten laden zum politischen Aschermittwoch mit Konstantin Wecker und Kollegen. Am Ende stehen 600 Besucher auf und applaudieren

Von Julia Bergmann, Fürstenfeldbruck

Obwohl an diesem Abend die Bühne ganz eindeutig den Liedermachern gehört, will es sich Michael Schrodi als Fürstenfeldbrucker Kreisvorsitzender der SPD nicht ganz nehmen lassen, beim politischen Aschermittwoch der Liedermacher im Stadtsaal eine Rede zu halten. Schrodi zieht einen Stapel Papier hervor, blättert und blättert - man kann es nur als offene Drohung sehen -, bis er im Kleingedruckten endlich die richtige Stelle findet. Kaum setzt Schrodi zur Begrüßung an, stolpert auch schon Prinz Chaos II. hinter dem Vorhang hervor und entreißt dem Politiker das Wort.

Ermüdende Reden, politische Hau-drauf-Rhetorik, genau das wollte man schließlich an diesem Abend vermeiden. Da nimmt Schrodi den Chaoten zur Seite und setzt zu einem "Flüstern" an: "Jetzt mal ganz unter uns. Es kommt nicht so oft vor, dass wir vor so einem großen Publikum sprechen." Der Rest seiner Worte geht schon im Gelächter der etwa 600 Leute unter, die sich an diesem Abend vom neuen Konzept der Kreis-SPD für ihren politischen Aschermittwoch überzeugen lassen wollen.

Schon vor dem kurzen Schlagabtausch zwischen Schrodi und Prinz Chaos II., hatte der Kreisvorsitzende der Opfer des Zugunglücks in Bad Aibling und gedacht und erklärt, warum man sich in Absprache mit der Bayern-SPD und den Künstlern doch dafür entschieden hatte, die Veranstaltung abzuhalten. Zum einen sei die Veranstaltung in diesem Jahr vorrangig eine kulturelle, zum anderen müsse gerade in diesen Zeiten auch Platz für Heiterkeit und kabarettistische Spitzen sein, so Schrodi.

Und diese Spitzen gibt es zuhauf. Etwa wenn Liedermacher Konstantin Wecker mit der Miene eines Unschuldslamms verkündet, er sei davon ausgegangen dass er bei der USPD zu Gast sei, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschland und nicht bei der Unterbezirks-SPD. "Immerhin", lenkt Prinz Chaos II. ein, "sind die unabhängig genug, dass sie uns einladen". Oder, wie Wecker vermutet: "Vielleicht haben die meine Postings in den letzten zwei Jahren nicht gelesen."

Was Wecker, Prinz Chaos II., Cynthia Nickschas, Roger Stein und Christoph Weiherer da in Fürstenfeld auf die Bühne bringen, ist mehr als gelungen. Da ist einerseits Wecker, der alte Hase, der, wie er selbst betont, mit vorbei ziehenden Jahren nicht altersmilde, sondern "altersgrantig" geworden ist, und da sind andererseits die Jungen wie Cynthia Nickschas, die einen erfreulichen Gegenbeweis zum vielpropagierten Scheiß-egal-Jugendlichen antritt.

Es wird gewitzelt, gestichelt und sich die Seele aus dem Leib gesungen, über die AfD, die Flüchtlinge, Horst Seehofer und die Obergrenze, über die Rolle Deutschlands als Waffenexporteur in Weckers "Waffenhändler-Tango", über den Kapitalismus, "die da oben" und die, die resignieren. Und schließlich über Weckers größte Angst: "Dass meine Söhne aus reinem Trotz zum Militär gehen oder Neonazis werden".

Ein Abend, der unterhält und trotzdem nie seicht wird, der trotz aller Kultur politisch bleibt. Und besonders angenehm: Im großen Saal finden sich lediglich zwei kleinere SPD-Banner wieder, auf allzu viel Rot wurde verzichtet und das tut gut, weil es ungezwungen wirkt und jeglicher Selbstbeweihräucherung entbehrt.

Als besonderen Höhepunkt kündigt Wecker eine junge Liedermacherin als Überraschungsgast an, auf deren "wütenden Text" er im Internet gestoßen sei. Sarah Lesch liest Teile daraus vor, anklagend und scharfzüngig. Worte, die sie nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln niedergeschrieben hat. "Ich bin unter Sexisten aufgewachsen", liest sie und zählt auf: Politiker, Lehrer, Bekannte, Verwandte - überall tauchen sie auf. "Was machen wir mit Sexisten in unserem Land? Kann man die auch abschieben?" Lesch schildert und argumentiert und will immer wieder wissen: Was tun? Was tun gegen die "Stell-dich-nicht-so-an"-Sager, gegen die, die "doch nur Spaß" machen? Am Ende schließt sie: "Ihr wollt anfangen unser Land aufzuräumen? Na dann los, es gibt viel zu tun."

Dann setzt sie an und singt mit der bittersüßesten Stimme aller Zeiten "Der Kapitän". Ihr Lied erzählt von einer Preisverleihung für "den Großvater meines Sohnes", der geehrt wird, weil er Flüchtlinge vorm Ertrinken gerettet hat und dafür gleichzeitig vor Gericht steht. "Was ist das für eine Welt, in der man einen Preis erhält und gleichzeitig vor Gericht steht für das normalste der Welt?", singt sie. "Für die Regierung waren das Illegale, ich denke, dass es Menschen waren". Weil das wahr ist, was Lesch da singt, weil die Geschichte nicht der Feder eines Moralapostels entsprungen ist, berührt es. Als der letzte Akkord verklungen ist, gibt es aus dem Publikum Applaus und - ganz leise - ein beeindrucktes "Boah". Es ist die Konzeption, die Zusammenarbeit und die Performance jedes einzelnen Künstlers, für die am Ende der Vorstellung 600 Menschen aufstehen und applaudieren.