Kunst  Die Wurzeln eines Künstlers

Ein Netz aus biografischen Erlebnissen und eine Verbindung zu zwei Heimaten - der Deutsch-Rumäne und Maler Radu-Anton Maier hat sich jahrelang mit der Frage nach seiner Herkunft beschäftigt. In der Galerie Raduart in Fürstenfeldbruck lässt sich das Ergebnis auf Leinwand begutachten.

(Foto: Günther Reger)

Der Maler Radu-Anton Maier verließ in den Siebzigerjahren Rumänien und ließ sich in Fürstenfeldbruck nieder. In seiner neuesten Kunstserie thematisiert er die innere Zerrissenheit zwischen Fremde und Heimat

Von Julia Huss

Rumänien in den Siebzigerjahren. Radu-Anton Maier ist gerade dabei sich einen Namen als Maler zu machen, als er einen herben Rückschlag verkraften muss. Ein 42 Quadratmeter großes Fresko des Künstlers wird aufgrund eines Beschlusses der kommunistischen Parteiführung über Nacht abgedeckt. Die Begründung: Die darin enthaltenen Elemente stellten eine Feindschaft gegen die Arbeiterklasse dar. Maier entschließt sich, seine Heimat zu verlassen. "Ich verließ das Land aus Protest und habe mich endgültig hier in Deutschland niedergelassen", erzählt er. Später fängt der heute 84-Jährige an, die radikale Entwurzelung und die darauffolgende Verwurzelung zu verarbeiten, auch künstlerisch. 15 Jahre lang setzt er sich mit dieser Thematik in seiner Kunstserie "Entwurzelung und Verwurzelung" auseinander. Kürzlich hat Maier die Werke fertig gestellt und stellt sie nun aus.

Nachdem Maier in den Siebzigerjahren sein Herkunftsland hinter sich gelassen hat, verschlägt es den Künstler in die Heimat seines Vaters, nach Deutschland. Nach seiner Ankunft begibt sich der gebürtige Rumäne auf die Suche nach einer kreativen Arbeitsstelle. Zuerst war der 84-Jährige als Grafiker, danach als Kartenzeichner bei der Regierung von Oberbayern tätig. "Das war eine interessante Herausforderung für mich und hat meine Kreativität angestachelt", erzählt Maier. Nach diesen Tätigkeiten widmet sich der Künstler komplett seiner Leidenschaft, der Malerei. Nachdem er angefangen hat, mit Galerien Verbindung aufzunehmen und an Gruppenausstellung teilzunehmen, steigert sich sein Bekanntheitsgrad in Europa. Maier organisiert Einzelausstellungen auf der ganzen Welt - in New York, Venedig, Bern. In seinen zahlreichen Ausstellung wird deutlich, dass der Künstler seit Jahren mit Kontrasten arbeitet und auf bestimmte Leitmotive in seinen Werken setzt. Das ist auch der Fall in seiner neuesten Kunstserie, in der er für die jeweiligen Werke bis zu acht übereinanderliegende Schichten von Farben und Isolierlack verwendet hat. Dominante Wurzelelemente in dunklen Brauntönen, aufgespaltene Baumrinden, surreale Sonnenuntergänge und Reflexionen dieser Elemente bilden den Mittelpunkt. Eine Farbexplosion aus tiefen Blautönen, leuchtenden Rotnuancen und eine strahlende Gelbfärbung schaffen eine Verbindung zwischen den Farben und Objekten. In vielen seiner Gemälde bilden eingezäunte Bäume und herausstechende Wurzeln die zentralen Motive. Diese Elemente sind verschmolzen mit fiktiven Symbolen, grafischen und geometrischen Komponenten - dadurch entsteht eine Paarung von surrealer Ästethik mit einem realistischen Eindruck. Speziell sein Kunstwerk "Himmelswurzeln" von 2015 spiegelt eine Entwicklung und Verschmelzung von naturalistischen Wurzeln zu einem fiktiven Universum wider. Der dunkelblaue Hintergrund des Bildes lässt die gelben, orangefarbenen und goldenen Farben aufleuchten.

Maier hat dieses Projekt allerdings nicht nur genutzt, um die surreale Ästhetik von Landschaften, Bäumen und Wurzeln auf die Leinwand zu bringen, sondern auch, um den langjährigen Prozess der Entfremdung von seinem Heimatland und der darauffolgenden Eingewöhnung in Deutschland zu verarbeiten. "Die Tatsache, dass wir, meine Frau und ich, das Thema vertieft haben, hat uns in unserem Prozess der Anpassung sehr geholfen", sagt Maier. Die Grenzen zwischen der Ent- und der Verwurzelung sieht der Künstler als relativ unscharf, da er stets noch Sehnsucht nach seiner Heimat empfinde, sich aber trotzdem in Deutschland heimisch fühle. "Es ist ein unkontrollierbarer Prozess, deshalb betrachte ich den Vorgang auch noch nicht als abgeschlossen", betont Maier. Trotzdem kann er Deutschland mittlerweile als seine Heimat bezeichnen. Geholfen hat ihm dabei vor allem seine Kunstserie. Die Inspiration dafür hat der Maler vor allem auf seinen zahlreichen Reisen gesammelt. Diese unternahm er, gemeinsam mit seiner Frau, unter anderem nach Tunesien und in die Türkei. "Wir haben den Kontakt mit der Natur gesucht und aus diesem Kontakt haben wir die besonderen atmosphärischen Momente herausgefiltert", sagt Maier. Diese Momente präsentiert er in seinen Werken aber niemals so wie sie eigentlich sind und das zeichnet seinen Stil besonders aus. "Ich habe mich stets bemüht, es so darzustellen, wie wir befürchten, dass es sich entwickeln könnte oder so wie wir hoffen, dass es sich regenerieren wird - aber nie so wie es ist. So entstehen meine Landschaften der besonderen Art", erzählt der Künstler.

Maier ist einerseits begeisterter Künstler, dennoch bezeichnet er sein Künstlerdasein nicht als reine Passion. "Es ist für mich eine Kombination aus Leidenschaft und aus einer unausweichlichen Notwendigkeit", lautet sein Resümee über sein Schaffen.