Germering Der Bandwurm

Eine kanadische Besucherin ist die Schnellste und Andrej Heilig kündigt im Rollstuhl sein Comeback an - Eindrücke vom Germeringer Stadtlauf

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

Oberbürgermeister Andreas Haas (CSU) drückte die Startpistole mehrmals ab, doch auf einen Knall warteten die 380 Läuferinnen und Läufer beim Germeringer Stadtlauf vergebens. "Na, dann los", rief Haas statt eines Schusses und der Läuferbandwurm setzte sich zur Zehn-Kilometer-Runde - wieder vorbildlich organisiert vom SV Germering - durch die Stadt in Bewegung. Nach einer Stadionrunde franste der Bandwurm bereits aus. Bis zum Freibad zur Hälfte der Strecke blies den Läufern der Wind ins Gesicht, ehe er vom Starnberger Weg an für die Teilnehmer zum angenehmen Rückenwind wurde. Erster im Ziel war ein Jurist und bei den Frauen ein Läuferin aus Kanada.

Sieger Alexander Hirschberg arbeitet in der Bayerischen Staatskanzlei in München, zuvor war er als Staatsanwalt und Richter in Kempten tätig. Früher war Hirschberg Bahnläufer gewesen. "Dann habe ich die Lust daran verloren, im Kreis zu laufen", meinte der heute 35-jährige Allgäuer, der nach 34:51 Minuten mit großem Vorsprung ins Ziel kam. Beim Stadtlauf hatte er sich nach einem Kilometer bereits von seinen Verfolgern abgesetzt. Hirschberg ist Berglaufspezialist und läuft schon mal beim Zugspitzlauf oder auch beim Nebelhornlauf. Margot Doucet, die Siegerin bei den Frauen, war früher passionierte Eishockeyspielerin gewesen. Bei einer gebürtigen Kanadierin, die jetzt in Stuttgart lebt, ist das keine Überraschung. "Dauerlaufen war mein Nebentraining", erzählt sie. Doucet, 29, ist mit ihrem Freund in Germering zu Besuch gewesen und hatte das Plakat mit der Stadtlauf-Ankündigung gelesen. "Da bin ich heute einfach zum Lauf gekommen." Gekommen und gewonnen in 39:14 Minuten vor Freja Wagner, einer erst 17-jährigen Triathletin aus Germering, die drei Minuten länger brauchte.

620 Teilnehmer gehen in diesem Jahr in Germering auf die Strecke.

(Foto: Günther Reger)

Viele Teilnehmer ließen es ganz gemächlich angehen, um die zehn Kilometer durchzustehen. Trotzdem wollten sie auch testen, wie es ist, mit Startnummer und Zeitnahme zu laufen. Das richtige Tempo zu finden, ist das Grundproblem fast aller Läufer. "Der erste Kilometer ist bei einem Rennen über zehn Kilometer immer der zweitschnellste", empfiehlt der US-amerikanische Laufguru Jeff Galloway: "Der letzte soll dann der schnellste sein." Um diese Renneinteilung zu verwirklichen, sind einige Jahre und viele Trainingskilometer nötig. Kamen doch viele Germeringer Stadtläufer quasi auf dem Zahnfleisch ins Ziel und rangen schwer nach Luft. Doch alle schienen körperlich einigermaßen gut vorbereitet gewesen zu sein, jedenfalls kollabierte niemand, so dass die Sanitäter vom BRK erfreulich arbeitslos blieben.

Auch Julia Lichtl absolvierte die zehn Kilometer ohne Probleme. Ihre persönliche Ambition: "Ich wollte unter einer Stunde bleiben." Das schaffte sie in 55:47 Minuten spielend. "Schneller wäre es nicht gegangen, aber länger hätte ich noch laufen können", meinte die Erzieherin. Lichti, 40, läuft jeden Morgen mit ihrer Freundin vor der Arbeit 40 Minuten lang. Vorher macht sie noch ihre drei Kinder schulfertig. Seit zwei Jahren läuft sie regelmäßig und hat ihren Sport gefunden: "Das tut mir einfach gut." So wie es der großen Laufgruppe des SC Unterpfaffenhofen-Germering oder der Firma Docuware samt Chef Jürgen Biffar gut tut. Auch der Kindergarten Benjamin, genauso wie das Kinderhaus Jonathan oder das Kinderhaus Allnest sind mit vielen Kindern und Erwachsenen wieder dabei. Um den Nachwuchs muss sich der Stadtlauf keine Sorgen machen. 123 Kinder waren unter den insgesamt 620 Teilnehmern, die über die diversen Streckenlängen von 900 Metern bis zehn Kilometern gingen.

Unter großem Beifall begrüßt wird Andrej Heilig, Stadtlauf-Sieger von 2010, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt.

(Foto: Günther Reger)

Karl-Heinz Michalsky hebt sich von den Laufanfängern erheblich ab. Der Olchinger ist inzwischen 55 Jahre alt und ein Laufphänomen. Er blickt auf mehr als drei Jahrzehnte Dauerlaufen zurück. Der Sieg in seiner Altersklasse M 55 war Michalsky (38:32 Minuten) nicht zu nehmen. Obwohl inzwischen an beiden Knien am Meniskus operiert, lässt er sich nicht aufhalten. Er nimmt auch an Deutschen Seniorenmeisterschaften über 800 bis 5000 Meter teil und freut sich über sechste Plätze. Er trainiert immer noch fünfmal in der Woche, schwört aber auch auf Laufpausen von zwei Wochen, damit sich der Körper regeneriert. "Der Altersmalus ist für mich kein Problem", sagt Michalsky und nimmt es nicht so tragisch, wenn er jedes Jahr etwas langsamer wird.

Zufrieden saß Andrej Heilig nach dem Zieleinlauf im Rollstuhl. "Sie haben mich echt gut geschoben", sagte er und dankte Maximilian Krumm und Ralf Lauer, die ihn in etwas mehr als 41 Minuten um den Kurs gerollt haben. Heilig, einst ein Spitzentriathlet, war am Start unter großem Beifall aller Läuferinnen und Läufer begrüßt worden. 2010 hatte er noch den Germeringer Stadtlauf gewonnen. 2013 verunglückte er in den USA, als ihn ein Auto auf dem Fahrrad überfuhr und die Sportkarriere war zu Ende. Nach vielen Wochen im Wachkoma versucht der promovierte Lebensmitteltechnologe seit vier Jahren wieder einigermaßen ins normale Leben zurückzufinden. Die Fortschritte gingen langsam voran, jetzt scheint es schneller zu gehen. "Ich mache gerade eine Reha in Bad Tölz", erzählt Heilig. Sein Sprechen ist schon viel verständlicher geworden. "Das geht viel besser", sagt er auch selbst. Aufmerksam beobachtet er das Laufgeschehen und man spürt seinen Wehmut. Doch der 40-Jährige hat ein ehrgeiziges Ziel: "In zwei Jahren laufe ich hier wieder mit."