Sexueller Missbrauch Verhängnisvolles Schweigen

Ellen und Siegfried Rachut bei ihrem Vortrag über Opfer von sexueller Gewalt im Landratsamt.

(Foto: Günther Reger)

Die Opfer von sexueller Gewalt können zumeist kaum über das Erlebte sprechen, weil sie sich schuldig fühlen. Abhilfe schaffen könnte die Bereitschaft der Gesellschaft, nicht auch noch zu stigmatisieren - ein Vortrag einer Betroffenen

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck

Mehr als 90 Prozent der Fälle von sexuellem Missbrauch ereignen sich in der Familie, im Freundes- oder Bekanntenkreis. Viele Fälle bleiben unentdeckt, weil die Opfer schweigen. Sexueller Missbrauch ist strafbar. Sexueller Missbrauch "ist ein geplantes Verbrechen", ruft eine Frau in den Großen Sitzungssaal im Landratsamt. Man solle nicht den Opfern die Last auferlegen, sich schützen zu müssen. Die Gesellschaft sei hier gefordert, denn die Verantwortung liege bei den Tätern. Damit fasste die Besucherin zusammen, was zuvor der Inhalt eines zweistündigen Vortrags gewesen war, zu dem die Gleichstellungsstelle des Landkreises anlässlich des internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen eingeladen hatte.

Warum Opfer von sexueller Gewalt schweigen anstatt sich jemandem anzuvertrauen oder Hilfe zu holen, erklärten Ellen und Siegfried Rachut. Dem Ehepaar aus der Nähe von Hannover, 76 und 73 Jahre alt und beide ehemalige Realschullehrer, ist es ein Anliegen, auf das Thema aufmerksam zu machen, denn die Opfer litten gerade auch an der Tabuisierung des Themas in der Gesellschaft. Stattdessen erzeuge die Gesellschaft Schuld- und Schamgefühle bei den Opfern. Ellen Rachut hat als Kind und als Jugendliche selbst sexuelle Gewalt erlebt. Als sie Kleinkind war, war es "der liebe Onkel Max", wie sie heute sagt, später ihr Musiklehrer, "der meine Liebe zum Klavierspiel ausnutzte". Erst im Alter von 52 Jahren beginnt sie, den Missbrauch mithilfe einer mehrere Jahre andauernden Gesprächstherapie aufzuarbeiten. Der Wunsch, anderen Betroffenen zu helfen, führt zu ihrem ersten Buch, "Durch dichte Dornen", später schreibt sie zusammen mit ihrem Ehemann ein zweites mit dem Titel "Folgen sexueller Gewalt " . Mit Lesungen, Tagungen und Ausstellungen versucht das Ehepaar, dem Thema Öffentlichkeit zu verschaffen.

Ellen und Siegfried Rachut sitzen vor ihrem Laptop an der Stirnseite des Sitzungssaals und erläutern ihre Thesen. Sie lassen einander dabei abwechselnd zu Wort kommen, sie beziehen das Publikum ganz bewusst mit ein und fordern es auf, mitzudenken und mitzureden. Bisweilen entsteht dabei eine beklemmende Atmosphäre angesichts des Themas, das so betroffen macht schon beim bloßen Zuhören. Dass sich die meisten Menschen beim Thema sexuelle Gewalt verschließen würden, ist auch die Erfahrung von Annemarie Fischer, der Gleichstellungsbeauftragten für den Landkreis Fürstenfeldbruck. Aber, warnt Fischer: Es dürfe nicht passieren, dass nicht darüber gesprochen werde. Denn je mehr das Thema aus der Tabuzone rücke, desto schwieriger werde es für die Täter, ihre Opfer einzuschüchtern, bestätigt Johann Wieser, der als Stellvertreter des Landrats die beinahe 50 überwiegend weiblichen Gäste begrüßte.

Zentrale Frage sei nicht, warum die Opfer nichts sagen, sondern warum die Opfer nichts sagen könnten, betonen die Referenten gleich zu Beginn. Die Gesellschaft, die Scham und Schuldgefühle erzeuge, sowie die Täter, die dem Opfer die Schuld zuweisen würden, sorgten dafür, dass Betroffene nicht den Mut fänden, über das Geschehene zu sprechen. Ellen und Siegfried Rachut zeigen auf, wie Sprache und Medien, wie die Kirche (die sexuelle Handlungen außerhalb der Ehe als Sünde bezeichne), wie eine geschlechtsspezifische Erziehung dazu beitragen, dass ein Klima entsteht, dass Opfer von sexuellem Missbrauch stigmatisiere und vorverurteile. Auch Anja Blobner, Sozialpädagogin beim Fürstenfeldbrucker Verein "Frauen helfen Frauen", bestätigt, dass "das Umfeld oft extreme Reaktionen zeigt", woraufhin Betroffene "ganz schnell wieder schweigen". Etwa 20 Prozent aller Frauen, die beim Verein Hilfe suchten, kämen wegen sexuellen Missbrauchs im Kindesalter und Vergewaltigungen im Erwachsenenalter.

Dass die Opfer schweigen, habe auch mit den Tätern zu tun, die "immer mit der gleichen Taktik" vorgingen, sagt Ellen Rachut. Täter suchten sich ihre Opfer gezielt aus: Kinder, die leicht zu manipulieren seien, kein gutes Verhältnis zu ihren Eltern hätten, wenig Freunde. Die Täter erzeugten im Opfer Hilflosigkeit, machten aus der Tat ein Geheimnis ("Wenn du das laut sagst, zerstörst du meine Familie!"), sie redeten dem Opfer ein, es habe aus eigenem Antrieb mitgemacht, und, ja, sie schüchterten auch ein. "Ich hatte immer Angst, dass er was sagen würde", erinnert sich Ellen Rachut. Der Täter indes musste das nicht befürchten, die Einschüchterung funktionierte: "Ich hätte nie etwas gesagt." Man lebe "den ganzen Tag in diesem Doppeldenken, dass andere das bloß nicht mitbekommen", so Rachut. Es sei eine "Frage der Macht, es geht nicht um den Sexualtrieb".

Wie kann man Kinder überhaupt davor schützen, wenn Täter so perfide vorgingen? "Kinder stark machen", sagt Ellen Rachut: "Ihre Gefühle ernst nehmen und die Kinder aufklären."