Emmering Der Sündenfall

Zwei Seelsorger halten erstmals einen ökumenischen Gottesdienst für Geschiedene. Die Pfarrer gehen mit dieser Premiere nicht nur ein Tabu an. Sie kämpfen gegen den Bedeutungsverlust der Kirche an. Doch in Emmering nehmen nur 15 Gläubige das Angebot wahr

Von Kevin Schrein

Sie haben gepredigt und gebetet, gesungen und geschwiegen, nun stehen Niclas Willam-Singer und Albert Bauernfeind vor dem Altar der Versöhnungskirche in Emmering und warten. Der katholische Dekan und der evangelische Pfarrer warten auf den ersten Gläubigen, der sich erheben und zu ihnen kommen mag. Miriam Walter steht auf. Sie drückt sich aus der Kirchenbank, läuft in kleinen Schritten zu dem typisch kargen evangelischen Altar und stoppt. Willam-Singer und Bauernfeind legen ihr die Hand auf. Der eine rechts, der andere links. Dann beugt sich Willam Singer zu ihr nach vorne und beginnt zu flüstern. Wortfetzen wie "Hoffnung" und "Geist" hallen wieder. Vielleicht denkt Miriam Walter (Name geändert) gerade an ihren Ex-Ehemann oder an die Scheidung vor eineinhalb Jahren. Vielleicht spürt sie Trauer, möglicherweise Erleichterung. Ihre Mimik verrät nichts. Dann löst sich Walter, geht zu einem Tisch und entzündet ein Teelicht. Weitere Menschen treten vor. Am Ende leuchten sechs Kerzen. Sechs Lichter in einem ökumenischen Gottesdienst für Menschen, die eine Trennung oder eine Scheidung erlebt oder hinter sich haben.

Es ist ein sperriger Titel für eine kleine Revolution. Einen solchen Gottesdienst gab es im Landkreis noch nie. Aus gutem Grund: In den Augen der Kirche haben Menschen wie Miriam Walter ein Gebot missachtet, das 6. Gebot, das da heißt: Du sollst nicht ehebrechen. Vor allem die Katholische Kirche urteilt streng. Den Segen für die Ehe gibt es bei ihr nur einmal. Aber auch in der evangelischen Kirche, in der eine zweite Trauung möglich ist, gibt es Pfarrer, in deren Augen Scheidung Sünde ist. Niclas Willam-Singer für die Evangelische und Albert Bauernfeind für die Katholische Kirche sehen, dass das alte Modell Kirche in der heutigen Gesellschaft an manchen - vielleicht an vielen - Punkten nicht mehr greift. Es braucht frische Ideen. Mit dem Gottesdienst in Emmering wollen sie den Menschen zeigen, dass die Kirche eben doch für sie da ist.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Gottesdienst für Menschen mit einer Trennung oder Scheidung zu feiern?

Willam-Singer: Die Regionalbischöfin Susanne Breit Keßler hat uns evangelische Seelsorger vor kurzem besucht. Sie sprach davon, dass wir manche Menschen nicht im Blick haben, dass wir verheiraten, aber Menschen nicht bei einer Trennung begleiten. Da dachte ich, dass ist es, da will ich ansetzen. Herr Bauernfeind hat sich dann schnell dieser Idee angeschlossen.

Lehnen Sie sich mit diesem Gottesdienst nicht gegen die Prinzipien der Kirche auf?

Willam-Singer: Dieser Gottesdienst ist kein großer, kein weltbewegender Schritt. Dekan Bauernfeind und ich, wir wissen, dass wir uns damit nicht in den Kirchenanalen eintragen. Aber wir sind beide davon überzeugt, dass wir das tun sollten, was möglich ist. Und ein Gottesdienst für Menschen mit einer Trennung ist möglich.

Bauernfeind: Das hier ist kein Tabubruch. Wir machen Menschen in einer schwierigen Situation ein Angebot. Ein Tabubruch wäre es, wenn ich einer zweiten Ehe meinen Segen geben würde.

Die Zahl der Scheidungen in Deutschland ist hoch: Wieso sind solche Gottesdienste nicht längst Standard?

Willam-Singer: Ich denke, viele Kollegen wissen, dass sie an der ein oder anderen Stelle noch etwas bewegen könnten. Aber sie haben auch Familie, sie wollen etwas Zeit für sich, mal ein Glas Wein trinken. Denn passt man nicht auf, frisst einen der Job auf. Und so einen Gottesdienst vorzubereiten, kostet immens viel Zeit, eine Predigt fällt nicht vom Himmel. Vielen Kollegen fehlt einfach die Zeit dazu.

Bauernfeind: Vielleicht auch, weil Herr William-Singer und ich uns zusammengesetzt und gemeinsam gefragt haben: Wo sind Menschen, die unseren Zuspruch benötigen? Zu zweit sieht man besser, wo man helfen könnte, wo Bedarf bei der Seelsorge besteht.

Die Gottesdienstbesucher in der Versöhnungskirche singen zu Klavierbegleitung: "Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich." Willam-Singer mit hoher, Bauernfeind mit tiefer Stimme unterstützen nach Kräften: "Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich, wandle sie in Heimat."

Doch für immer mehr Menschen ist Kirche mehr fremder Planet denn Heimat. Scheidungen, gleichgeschlechtliche Paare: Die Kirche verändert sich nur sehr langsam. Vielleicht zu langsam für eine Gesellschaft, deren Bürger alles und zu jeder Zeit haben können. Willam-Singer und Bauernfeind versuchen mit ihrem Gottesdienst Schritt zu halten. Sie wollen zeigen, dass ihr Arbeitgeber auch anders kann. Doch ihre Bemühungen stehen im Schatten fragwürdiger Praktiken, oft auf Seiten der katholischen Kirche. Es gibt Fälle, da feuern Priester ihre Angestellten, weil die sich haben scheiden lassen. Statt zu stützen, tritt die Kirche noch mal nach. Sie verstört so Mitglieder wie Kirchenferne - und macht die Arbeit von Willam-Singer und Bauernfeind nur noch schwerer, wenn sie einen Aufbruch wollen und neue Dinge wie diesen Gottesdienst versuchen.

Es gibt Fälle, da wurden Mitarbeiter von der Katholischen Kirche gefeuert, weil sie sich geschieden hatten. Zeigt das nicht, wie weit der Weg der Kirche in die Moderne noch ist?

Bauernfeind: Ich glaube, die Katholische Kirche hat verstanden, dass sich die Lebenswirklichkeit der Menschen verändert hat. Die Scheidung eines Kirchenangestellten muss nicht gleich die Kündigung bedeuten. Die Kirche beginnt, solche Fälle differenzierter zu betrachten. In der Erzdiözese sind wir auf einem guten Weg.

Kann denn Scheidung Sünde sein? Der evangelische Pfarrer Willam-Singer (links) und der katholische Dekan Bauernfeind sehen das differenzierter.

(Foto: Günther Reger)

Willam-Singer: Es gibt das Kirchenrecht. Und wenn es schon Meinungsverschiedenheiten zwischen Mitarbeiter und Kirche gab, zieht man gerne mal das Kirchenrecht hervor, um im Falle einer Scheidung einen Mitarbeiter loszuwerden. Aber ich kenne auch Fälle, da arbeiten Menschen trotz Scheidung für die Katholische Kirche. Der Pfarrer der jeweiligen Gemeinde spielt da eine wichtige Rolle.

William-Singer lebt nach einem Motto, er hat es von seinem Studienprofessor: In der Kirche wird mit den Füßen abgestimmt. Soll heißen, kommt keiner, hat das Programm nicht getaugt. In der Versöhnungskirche murmeln gerade die fünfzehn Besucher das Vater Unser. Über ihnen spielen die Kirchenglocken. Fünfzehn Stimmen gegen den Schalldruck von oben. Die Glocken gewinnen.

Die vielen freien Bänke müssen ein gewohntes Bild für Willam-Singer und Bauernfeind sein. Egal ob evangelische oder katholische Kirche: In beiden Häusern stampft schon länger kaum mehr einer mit den Füßen. Es sind schlicht keine Füße da, die poltern könnten. Willam-Singer predigt sonntags vor rund 60 Besuchern - seine Gemeinde fasst 2800 Kirchenmitglieder. Bauernfeinds Bilanz ist nicht besser. Doch sie wollen nicht aufgeben. Neben dem aktuellen Gottesdienstprojekt haben sie schon drei Mal am Valentinstag für Verliebte gepredigt. Da seien zuletzt etwas mehr Besucher gekommen. Wenn sie von ihren Projekten erzählen, wirken sie ein wenig wie Don Quijote im Doppelpack. Immer wieder stürmen sie auf die Windmühlen, in der Hoffnung, sie mögen irgendwann weichen. Doch jeder Angriff kostet Kraft. Und so lässt sich bei beiden Seelsorgern ein gewisser Frust nicht verbergen.

Sie versuchen neue Wege. Trotzdem laufen Ihnen die Mitglieder davon. Haben sie nicht das Gefühl, gegen Windmühlen zu laufen?

Willam-Singer: Wir müssen ganz klar neue Dinge ausprobieren, wenn wir an der Situation der Kirche etwas ändern wollen. Aber, ja, manchmal frustriert mich die Situation schon. Neulich hatte ich wieder einen Kirchenaustritt zu verkraften. Es gab einen Trauerfall in einer Familie, ich hatte mich intensiv um die Familie bemüht, viele Gespräche geführt. Und dann tritt nach der Beerdigung plötzlich eine Angehörige dieser Familie aus der Kirche aus. Da war ich richtig sauer.

Bauernfeind: Es ist frustrierend. Die Zahl der Kirchenaustritte ist gleichbleibend hoch. Das Problem ist auch: Wer aus der Kirche austritt, macht das anonym beim Standes- oder Meldeamt. Wir bekommen dann lediglich die Mitteilung, dass jemand ausgetreten ist. Natürlich schreibe ich dann einen Brief an die Person und bitte um eine schriftliche Begründung, gerne auch ein Gespräch. In 98 Prozent der Fälle kommt aber nichts zurück. Wir würden gerne die Kritik hören, bekommen sie aber nicht.

Liegt es aber vielleicht auch an dem Angebot der Kirche, das Teile der Gesellschaft nicht mehr anspricht?

Willam-Singer: Das mag zum Teil der Fall sein. Vielleicht ist die Kirche ja ein Auslaufmodell. Wenn das so ist, müssen wir das akzeptieren und nicht zum Taliban werden, mit der Bibel um uns schlagen und sagen, ihr müsst doch glauben. Wir müssen uns verändern, unser Modell Kirche an die Wünsche der Gesellschaft anpassen. Dieser Gottesdienst ist ein Versuch, das zu erreichen.

Bauernfeind: Da stimme ich zu. Die Gesellschaft hat sich gewandelt, Beziehungen haben sich verändert. Nur können wir als Pfarrer nicht etwas erzählen, was wir aufgetragen bekommen haben. Unser Auftrag ist es, von Gott zu berichten. Aber wir können die Art der Präsentation verändern. Viele Menschen können mit Begriffen wie Gnade oder Barmherzigkeit nur noch wenig anfangen. Da sollten wir ansetzen und diese Begriffe in die heutige Zeit übersetzen, damit die Menschen wieder verstehen, um was es uns Seelsorgern geht.

In der Sakristei der Versöhnungskirche. Der Gottesdienst ist vorüber. Willam-Singer und Bauernfeind ziehen sich rasch um, sie wollen noch bei einem Glas Wein mit den Besuchern plaudern. "Drei Besucher kannte ich nicht", frohlockt Willam Singer. "Im nächsten Jahr machen wir das wieder", sagt Bauernfeind.

Nach einem Glas Weißwein verlässt auch Miriam Walter, jene Frau, die sich die Hand hat auflegen lassen, die Kirche. Ihre Trennung ist schon eineinhalb Jahre her, trotzdem hat sie der Gottesdienst berührt: "Die Worte des Pfarrers haben mir gut getan."