Bunte Einwohnerschaft In afrikanische Gesänge einstimmen

Beim Fest der Kulturen ist zu erleben, wie Menschen aus unterschiedlichen Nationen im Brucker Westen zusammenleben. Für Willi Dräxler, den Integrationsbeauftragten der Kreisstadt, dient die Begegnung der Pflege der Stadtgemeinschaft

Von Gerhard Eisenkolb, Fürstenfeldbruck

"Wir wollen singen, zusammen mit euch", fordert einer der Flüchtlinge und Musiker der Trommelgruppe "Diappo" die im Halbrund vor der kleinen überdachten Bühne in der Heimstättenstraße im Brucker Westen stehenden Zuhörer auf. Und er beginnt kräftig vorzusingen: "Bebe jo, abebe jola". Einige stimmen zaghaft ein. Das Publikum beim "Fest der Kulturen" ist bunt gemischt. Afrikaner fallen mit ihren langen bunten Gewänder noch am meisten auf, Araber schon weniger, wenn es nicht gerade Frauen sind, die Kopftücher tragen. Die Zuhörer stammen aus den gleichen Ländern wie die ehrenamtlichen Helfer, die kulinarische Spezialitäten aus Südamerika, Asien und den Ländern anbieten, aus denen die Schutzsuchenden stammen, die nun im Westen der Kreisstadt leben, oder diejenigen, die für Initiativen und Hilfsprojekte werben. Jeder, der am Sonntagnachmittag an einem der 30 Stände etwas kauft oder sich beraten lässt, könnte ebenso gut auf der anderen Seite des Tisches stehen. Und es gibt Bierbänke und Sonnenschirme wie bei jedem anderen Fest auch. Nur dass schon am ersten Sonnenschirm gegenüber der Kirche Sankt Bernhard ganz viele tunesische Fahnen hängen.

Zugreifen und genießen. Die Qual der Wahl haben die Besucher beim Fest der Kulturen. Die feilgebotenen Spezialitäten aus Syrien und dem Orient, Afrika, Asien und Südamerika sind so vielfältig wie die im Brucker Westen lebenden Menschen.

(Foto: Günther Reger)

Ein Ehepaar tanzt zu den immer schneller werdenden Rhythmen der Trommler. Text und Melodie sind einfach, wichtiger ist der Rhythmus. Die Gruppe mag sich die Seele aus dem Leib trommeln, aus den Zuhörern wird kein kräftig antwortender Chor, der sich spontan zusammengefunden hat und mit Feuereifer bei der Sache ist. Schließlich hebt der Animateur etwas vorwurfsvoll den Zeigefinger und sagt: "You don't want to sing with us". (Sie wollen nicht mit uns singen.) Dazu lacht er herzlich, ganz ernst kann das also nicht gemeint sein.

Hawa Taper-Boehner bietet Schmuck aus ihrer Heimat Liberia an.

(Foto: Günther Reger)

Die Trommler sind eine von zehn Gruppe, die, ebenso wie die Jugendbläser der Stadtkapelle, bis zum Abend auftreten, ohne eine Gage zu erhalten. Auf die Trommler folgt eine spontane Einlage. Adama Mako aus Togo spielt die tragende Rolle einer Mutter in einem Sketch. Sie spricht Französisch und zeigt, wie es jemandem geht, der neu in Fürstenfeldbruck ist, niemanden kennt, kein Deutsch spricht und die Praxis eines Kinderarztes sucht, der ihr Kind behandeln soll. Die gespielten Missverständnisse auf beiden Seiten sind groß - und nicht nur zum Lachen. Wie der Mutter aus Togo ergeht es einer Gruppe Jugendlicher, die in einem zweiten Sketch nach dem Weg zur vom Fliegerhorst mit einem Zaun abgegrenzten Flüchtlingsunterkunft fragen. Sie können so oft Camp oder Heim sagen wie sie wollen, verstanden werden auch sie nicht. Dafür erfahren sie, dass es in Fürstenfeldbruck keinen Campingplatz gibt. Einige der Laienschauspieler leben seit Jahren oder Jahrzehnten in Fürstenfeldbruck und haben Deutsch gelernt. Deshalb könnte es verhängnisvoll werden, an dem Nachmittag jemanden danach zu fragen, aus welchem Land er kommt. Viele, die fremdländisch aussehen, sind hier geboren. So merkt denn auch Willi Dräxler, der Integrationsbeauftragte der Stadt verschmitzt an, viele, die beim Fest mitmachen, leben in der zweiten oder dritten Generation hier.

Die Jugend der Stadtkapelle lieferte die musikalische Untermalung zum Festtag.

(Foto: Günther Reger)

Auch wenn die Stadt beim vom Brucker Forum organisierten Fest der Kulturen Mitveranstalter ist, wäre es ein Fehler, das Ereignis mit dem Altstadtfest zu verwechseln. Beim Altstadtfest bieten kommerzielle Händler ihre Waren an, "es geht um den Konsum", sagt Dräxler. Im Brucker Westen werde dagegen die Stadtgemeinschaft gepflegt. Um Integration gehe es schon lange nicht mehr, "die ist von gestern", beteuert der Integrationsbeauftragte. Ob Dräxler nun anstrebt, die Bezeichnung seines Referats zu ändern, lässt er offen.

Viele, die zum Fest der Kulturen kommen, sind sozial engagiert. Der Geschäftsführer vom Brucker Forum spricht deshalb von einem Fest fürs Gemeinwohl und für die Stadtkultur. Alles, was die Initiativen erlösen, dürfen sie für ihre ehrenamtliche Arbeit verwenden. Um Spenden und Aufmerksamkeit werben unter anderem GEW-Vertreterinnen, die helfen wollen, eine Berufsschule im syrischen Kobanê wieder aufzubauen. Die Brucker Afrikahilfe ist in der Heimstättenstraße ebenso vertreten wie das Sozialforum Amper und die Griechenlandhilfe, die Medikamente und Geld für ein unter dem Spardiktat leidendes Land sammeln, in dem Mütter in zwei Athener Krankenhäusern ihre Neugeborenen zurücklassen, weil ihnen einfach die Mittel fehlen, um ihre Kinder zu ernähren und zu versorgen.