Brucker Kulturnacht 2014 Das Glück des Überangebots

In der Erlöserkirche sind Licht-Installationen von Georg Trenz zu sehen.

(Foto: Günther Reger)

Theater, Musik, Zauberei und Museumsführung - Die Kulturnacht konzentriert sich im Klosterareal. Die Fülle der Veranstaltungenmacht die Auswahl schwer, ist aber wichtig. So bekommen auch noch unbekannte Künstler Aufmerksamkeit.

Von Viktoria Großmann

An diesem Samstag hat Bruck ein wahrhaft münchnerisches Problem. Es hat aber nichts mit überhöhten Mieten und überlasteten S-Bahnen zu tun. Es ist das erfreuliche Problem des - beinahe - Überangebots an Kultur. In der Neuen Bühne Bruck wird pantomimisch die Erfindung des Tierhaarvertikutierers dargestellt, durch Haus 10 traben vier in Frischhaltefolie gewickelte Pferdeskulpturen, hinter denen ein Musikerduo, das sich (übersetzt) Schwindler aus Podol nennt, traurige russische Lieder singt, im Stadtmuseum wird gezaubert, im Hof getanzt - und das ist nur das Kloster. Insgesamt an 14 Spielorten feiert die Brucker Kulturnacht ein Fest der Musik, der Kunst, der gehobenen Unterhaltung, der langen Sommernacht.

Da kommt es schon mal vor, dass nicht jeder Ort gut besucht ist. Das Haus für Bildung und Begegnung scheint den Besuchern etwas zu abgelegen zu sein. Allein das Angebot im Klostergelände ist so groß, dass viele Besucher es kaum von hier weg schaffen. Dabei gehen regelmäßig Shuttlebusse zu Lesungen und Konzerten am Jexhof und in der Furthmühle. Auch beim Halt-Festival auf der Lände kann man gut und gerne den ganzen Abend verbringen. Aber spricht das gegen die Fülle von Veranstaltungen? Nein, es spricht für sie. Manchmal ist es die Masse, die glücklich macht. In dieser Form sind Veranstaltungen möglich, für die allein nicht so viele Menschen vom Sofa aufstehen würden. Hier können sich Musiker oder Dichter präsentieren, die noch keinen Namen haben, aber vielleicht einen verdienen.

Wer jedenfalls denkt, er könne den Abend mit dem Veranstaltungsheftchen in der Hand planvoll angehen, sieht sich vermutlich getäuscht. Denn der Charme liegt gerade darin, dass man - an einem quietschpinkfarbenen Rotebeete-Brot kauend - gebannt von der jungen Sängerin Eva Klein im Haus 10, stehen bleibt, wo man gedrängt zwischen den Werken der aktuellen Ausstellung "Schnur" zum Rhythmus ihres Kontrabassisten mitwippt, bis der Wein aus dem Glas schwappt.

Lauschen und auf Details schauen: Der Posaunenchor spielt im Klosterareal.

(Foto: Günther Reger)

Und dann kommt man natürlich zu spät zum Improvisationstheater in der Neuen Bühne. Bekommt aber gerade noch mit, wie ein Windrad in Einzelteilen verschenkt werden soll. Im Hof tanzen Erwachsene und Kinder in Mittelalterkostümen Reigentänze. Die Clowness Glucks verzaubert einen vorwitzig im Vorbeieilen. Der Maler Reinhard Fritz zieht im Kunsthaus ein Besuchergrüppchen hinter sich her wie der Rattenfänger von Hameln. Zu jedem Werk der Ausstellung "Oberbayern konkret" erklärt er nicht nur Hintergründe, sondern setzt dazu auf seiner Renaissanceflöte an, der konkreten Kunst noch ein paar Töne hinzuzufügen.

Auf dem Weg zu Zauberer Nicolai Des Coudres lassen sich nicht wenige von der Dauerausstellung im Stadtmuseum aufhalten, dabei ruft ihnen die Museumswärterin zu: "Beim Zauberer ist es immer recht voll." Zwischen den Gemälden von Selma und Adolf Des Coudres gehen Besucher auf Zehenspitzen herum oder lehnen sich - was ja sonst im Museum undenkbar ist - gegen Stellwände, denn gerade spielt das Duo Brise Parisienne ein melancholisches jiddisches Liebeslied im Tangorhythmus - wie gemacht für das Künstlerpaar, dessen Werke hier gezeigt werden.

Gegen 22 Uhr ist die Klosterkirche so voll, als würde es in Strömen regnen. Als würden nicht zugleich unter sternenklarem Himmel Artisten im Klosterhof Feuer speien, sitzen selbst Kinder auf den Bänken, um ihren Chorleiter, den Organisten Christoph Hauser, zu hören, der die ja ebenfalls ziemlich weltliche Gold- und Puttenpracht der Kirche mit der ganzen Pracht von Wolfgang Amadeus Mozarts Kleiner Nachtmusik erfüllt - und nachher seinem Publikum kaum Zeit lässt, zu applaudieren, sondern begeistert Zugabe um Zugabe schenkt und die Orgel klingen lässt, als hätte er sich bald ein kleines Bläserensemble, bald ein Tanzorchester auf die Empore gestellt. Und im Dämmerlicht der Kirche scheinen die Putti den grünen steinernen Vorhang über dem Altar zu einem kaiserlichen Festsaal zu öffnen.

Wer anschließend auf dem Heimweg noch an der Erlöserkirche vorbeiläuft, sieht auf diese in Lichtbuchstaben einen Auszug aus der Kirchenchronik projiziert. Drinnen spielt Ulrich Lisson auf dem Landstreicherinstrument Mundharmonika ergreifend geistliches, Künstler Georg Trenz ergänzt mit einer weiteren Installation, die in einem Lichtrund in Großbuchstaben verheißt: Die Nähe zu Gott ist mein Glück.

Auch eine Kultursommernacht die jedem Besucher beweist, wie froh es machen kann, einer jungen Frau mit Gitarre zu lauschen, eine Lichtinstallation anzustaunen oder über einen Clown zu lachen, ist ein Glück.