20 Jahre Hospizverein Lebensbegleitung bis zum Ende

Gabi Heigl und Bruno Geßele vom Freisinger Hospizverein wollen die spezialisierte ambulante Hospizversorgung in Freising ausbauen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Hospizgruppe Freising feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Bruno Geßele, der langjährige Vorsitzende, und die Hospizbegleiterin Gabi Heigl berichten im Gespräch mit der SZ über ihre Erfahrungen - und wie man sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzt.

Von Gudrun Regelein, Freising

Sie sind bis zum letzten Augenblick ihres Lebens wichtig und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben können." Diese Worte von Cecily Saunders, Gründerin der Hospizbewegung, sind für die Hospizgruppe Freising eine Verantwortung, sagt deren langjähriger Vorsitzender Bruno Geßele. In diesem Jahr feiert der Verein sein zwanzigjähriges Bestehen. Die Freisinger SZ sprach mit Bruno Geßele und der Hospizbegleiterin Gabi Heigl über die Hilfe am Ende des Lebens.

SZ: Herr Geßele, was kann Palliativmedizin in Ihren Augen leisten?

Bruno Geßele: Erst einmal die Angst vor einem unwürdigen, einem qualvollen Sterben nehmen. Palliativmedizin bedeutet neben Schmerztherapie und medizinischer Betreuung auch den sorgsamen Umgang mit dem Patienten. Palliativmedizin will schützen, sie ummantelt den Patienten. Es ist vielleicht noch nicht in der Wahrnehmung der Menschen angekommen, aber es gibt bereits gute Angebote - sowohl psychosoziale, spirituelle als auch in der Pflege, bei denen der Mensch in seiner Gesamtheit gesehen wird. Der Patient erlebt, dass er nicht alleine ist, er wird so, wie er ist, wahrgenommen und ernst genommen. Wir sprechen übrigens nicht von Sterbebegleitung, sondern von einer Lebensbegleitung: Einer Begleitung bis zum Ende des Lebens.

Frau Heigl, Sie begleiten seit 13 Jahren Menschen am Ende ihres Lebens - wieso machen Sie das ?

Gabi Heigl: Ich habe vor vielen Jahren für meine damals schwerkranke Mutter jemanden gesucht, der sie für einige Stunden betreuen würde, jemanden, der sich nicht fürchtet. Die Caritas hat mich an die Hospizgruppe verwiesen. Wenn mir jemand etwas Gutes tut, dann vergesse ich das nicht. Ich bin dann Mitglied im Verein geworden und habe später eine Hospizhelferausbildung angeboten bekommen.

Was lernt man, wie wird man vorbereitet?

Gabi Heigl: Es sind sehr intensive Seminare an vier Wochenenden. Man setzt sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinander, mit dem Tod, der Trauer. Daneben geht es um Kommunikation, um die Gesprächsführung. Bei einem Praktikum lernt man dann, wie man mit einem fremden Menschen ins Gespräch kommt und wie man wieder Abschied nimmt. Und bei zehn weiteren Themenabenden gibt es noch viele nützliche Informationen, beispielsweise von einer Krankenschwester zum Thema Mundpflege.

Sie werden immer wieder mit dem Tod konfrontiert: Wie halten Sie das aus?

Gabi Heigl: Ich kann es nicht genau sagen, aber ich halte es aus und es ist gut so. Ich habe mir Rituale zugelegt, um damit umgehen zu können. Und dann gibt es noch Hilfe für uns Helfer durch eine Supervision und durch die Rückendeckung unserer Koordinatorinnen Sabine Czerny und Petra Hanrieder. Das ist sehr wichtig.

Bruno Geßele: Wichtig ist, dass die Balance zwischen Geben und Nehmen stimmt - dann passt es. Außerdem bieten wir allen Helfenden eine Supervision an, sie werden unterstützt, wenn es ihnen zu viel oder belastend für sie wird. Unsere Einsatzleitung koordiniert alles, schaut, welcher Patient zu welchem Hospizbegleiter passen könnte. Aber dieser hat auch die Freiheit zu sagen, dass er einen Fall nicht übernehmen möchte oder dass er eine Pause braucht. Es ist eine freiwillige Entscheidung.

Bekommen Sie auch etwas zurück von den Menschen, die Sie begleiten?

Gabi Heigl: Ja, ich bekomme viel zurück. Ich mache das gerne, es bringt mir selber viel. Ich habe früher mit behinderten Menschen gearbeitet - bei den Kindern wusste ich zunächst nicht, was wichtig ist. Bis mir eine Erzieherin eines Tages sagte, es sei wichtig, Liebe zu geben. So ist es auch hier.

Glauben Sie, dass Sie ihr Engagement in der Hospizgruppe verändert hat?

Gabi Heigl: Ich denke, dass ich einen anderen Umgang mit dem Tod habe, das hat sich zwangsweise ergeben. Vielleicht habe ich mich auch verändert. Ich versuche, mich in den sterbenden Menschen hinein zu denken, versuche, ihn zu verstehen. Der Abschied fällt trotzdem immer schwer. Und wenn Sie mich fragen, ob ich nun keine Angst mehr vor dem Tod habe, muss ich Ihnen sagen, dass auch ich mich fürchte.

Was ist mit den Angehörigen und deren Trauer?

Gabi Heigl: Die Trauer ist ein eigenes Thema. Ich lasse mich gerade zur Trauerbegleiterin ausbilden, um zu lernen, wie man damit umgeht. Es ist wichtig, dass die Angehörigen jemanden haben, dem sie ihr Leid klagen können - jemanden, der es aushalten kann.

Bruno Geßele: Wir wollen auch die Angehörigen stützen und sie nach dem Tod des Patienten eine Zeitlang begleiten. Wir bieten demjenigen, der es wünscht, auch diese Hilfe an. Wir haben Angebote in drei Bereichen: Wir sind in der Palliativstation im Klinikum, die 2002 auch auf Initiative unserer Hospizgruppe entstand, tätig. Daneben arbeiten wir ambulant, besuchen und versorgen die Patienten zu Hause und betreuen Kranke und Sterbende in Altenheimen. Die Betreuung läuft gut. Auch unsere drei festangestellten Care-Schwestern, die in besonders schweren Fällen Hausbesuche machen, werden gut angenommen. Sie können sich das so vorstellen: Die Care-Schwestern übernehmen den palliativ medizinischen und pflegerischen Part, die Hospizbegleiter die psychosoziale Begleitung.

Wie finanzieren Sie Ihre Arbeit?

Bruno Geßele: Überwiegend aus Spenden. Für die Personalkosten - wie die Koordinatorinnen - bekommen wir einen Zuschuss von den Krankenkassen. Das deckt aber nur einen Teil der Kosten, das ist weniger als die Hälfte unseres Gesamtaufwandes.

Ist die palliative Versorgung im Landkreis ausreichend?

Bruno Geßele: Die ganze Hospizbewegung hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren sehr entwickelt. Wir haben 1996 mit neun Hospizbegleitern begonnen, vergangenes Jahr wurden von 47 ehrenamtlichen Begleitern etwa 130 Menschen betreut. Allerdings haben wir in Freising kein Hospiz, die Palliativstation ist manchmal überbelegt, deshalb würden wir gerne die ambulante Versorgung mit einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, kurz SAPV, verbessern. 2007 wurde die gesetzliche Grundlage geschaffen, nach der schwerstkranke und sterbende Menschen zu Hause Anspruch auf besondere palliativ-medizinische Versorgung haben. Die Kosten übernehmen unter bestimmten Voraussetzungen die Krankenkassen. Das ist derzeit unser neues Engagement: Erst letzte Woche hat ein erster Runder Tisch zur Gründung eines Teams für diese SAPV stattgefunden.