Freising Lautlose Himmelsstürmer

Beim "1. Attachinger Drachenfest" erobern sich die Bewohner des Dorfes so ganz nebenbei den Luftraum über ihren Köpfen zurück. Dass Wetter und Wind nicht ganz mitspielen, stört niemanden

Von Maximilian Gerl, Freising

Jetzt ist es also doch soweit. Jahrelang haben die Attachinger gegen die dritte Startbahn am Münchner Flughafen gekämpft, haben eine Bürgerinitiative gegründet, Demonstrationen organisiert, Pressekonferenzen gegeben, sogar vor Gericht sind sie gezogen. Doch das alles scheint an diesem Sonntag Makulatur zu sein. Denn auf einmal ist der Himmel über Attaching voll von Flugobjekten, die hier eigentlich gar nicht hingehören.

Zum Glück für die Anwohner sind es allerdings keine Flugzeuge, die da über dem Attachinger Sportplatz kreisen: Es sind Drachen. Denn zusammen mit dem Aktionsbündnis Aufgemuckt hat die Bürgerinitiative zum "1. Attachinger Drachenfest" geladen. Keine Demo mit Plakaten soll es werden, sondern vielmehr eine "fröhliche Herbstveranstaltung für Kinder und Junggebliebene" - so wünschen es sich jedenfalls die Organisatoren.

Dem Aufruf zum Drachensteigen folgen an diesem grauen Sonntagmittag die Attachinger gern. Obwohl es schon kurz getröpfelt hat, sind zum Beginn des Festes um 13 Uhr bereits einige Fluggeräte in der Luft. Die Familie Schmidt hat zum Beispiel einen gut 40 Zentimeter großen Drachen mit langem gelben Schwanz dabei. In der Mitte prangt ein großes Herz. "Selbst gebastelt", erklärt Mandy Schmidt, ein paar Kunststoffstäbchen und Drachenplane genügten. "Wir wundern uns, dass er so gut fliegt", sagt sie und lacht. Wie zum Gegenbeweis sackt der Drachen prompt ab. Der Wind ist heute eigensinnig, mal gibt es einen kräftigen Stoß, dann ist wieder Flaute. Ihren Töchtern Laura und Paula ist es egal, sie freuen sich trotzdem und starten gleich den nächsten Anlauf, um den Drachen zurück in luftigere Gefilde zu befördern.

Ein paar Meter weiter steht Franz Spitzenberger von der Bürgerinitiative Attaching. Er freut sich, dass so viele seiner Nachbarn hier sind, obwohl das Wetter nicht ganz ideal ist. Plötzlich erfüllt lautes Brausen die Luft, nur wenige Hundert Meter entfernt setzt ein Flugzeug zur Landung an. So nah ist es, das man genau die Luftverwirbelungen erkennen kann, wie ein Schweif zieht es sie hinter sich her. Ein fast surreales Bild: Vorne lassen Kinder fröhlich bunte Drachen steigen, knapp dahinter landet unter Getöse ein Flieger. "Makaber", sagt Spitzenberger und schaut nach oben. Sollte die dritte Startbahn kommen, wäre der Attachinger Sportplatz nicht mehr benutzbar, da er genau in der geplanten Einflugschneise liegt. Wo heute also noch die Drachen fliegen, könnten es bald tatsächlich Flugzeuge sein.

So verwundert es wenig, dass es irgendwie auch um Politik geht an diesem Nachmittag. Die Bürgerinitiative etwa hat ihren eigenen Wunsch kurzerhand ignoriert und ein paar Tore zu Plakathaltern umfunktioniert. "Bayern braucht keine 3. Startbahn", ist nun dort zu lesen, oder: "Ein Flieger kennt keinen Unterschied." Ein paar Politiker sind natürlich ebenfalls gekommen, aber in privat. Die Freisinger beanspruchen den Luftraum über ihren Köpfen für sich selbst - das ist das Bild, das sich unwillkürlich ergibt.

Für die meisten Teilnehmer geht es beim Drachenfest trotzdem allein um den Spaß an der Freud. Inzwischen sind mehr und mehr Anwohner hinzugekommen, mehr und mehr Drachen erobern den Himmel. Fledermäuse, Adler, Schmetterlinge: Ein buntes Sammelsurium vor grauen Wolken, obwohl der Wind immer noch nicht der beste ist. "Wenn er aber mal oben ist, geht es gut", versichert Klaus Bullok und lässt seinen Drachen in die Höhe steigen. Dann reicht er die Leine an Enkelin Magdalena weiter und erklärt ihr, wie sie sich verhalten soll, wenn der Wind nachlässt oder anzieht.

Auch die anderen Kinder rundherum haben sichtlich Spaß. Dabei kommt Drachensteigen heute schnell wie etwas aus einer anderen Welt daher: Ein Stück Papier im Wind, mehr gibt es nicht, keine Elektronik, kein Display, keine Technologie. "Es geht eben auch ohne Laptop", sagt Bullok und schaut Magdalena zu, wie sie mit dem Drachen spielt. Noch ist er ja frei für solche Späße, der Himmel über Attaching.