Start der "Sommer-Kultur-Nächte" Bunt inszenierte Tragödie

Das Leid von Dido und Aeneas tanzt auf der Bühne eindrucksvoll das Tangopaar Patrizia und Michael Kronthaler.

(Foto: Marco Einfeldt)

Bei der Premiere von Dido und Aeneas im Renaissancehof auf dem Domberg klappt alles, sogar die Medusenhäupter halten - nur Chorleiter Gunther Brennich muss seine Augen überall haben.

Von Marlene Krusemark, Freising

Rot-orangefarbene Scheinwerfer strahlen von der Empore, die Gruppe Youkali wird von unten in lila Licht getaucht. Rechts neben der im Renaissancehof aufgebauten Bühne bereitet sich das Barockorchester "La Banda" vor, der Asamchor bezieht Stellung auf der Empore. Es ist ein lauer Sommerabend, nur wenige Wolken ziehen träge am Himmel über dem Domberg entlang. Bis direkt vorm Auftakt warten Menschen an der Abendkasse, um noch ein Ticket für die erste Aufführung der "Sommer - Kultur - Nächte" zu ergattern. Die Stuhlreihen sind restlos belegt.

In einem ausgestellten weißen Kleid begrüßt Claudia Pfrang, Direktorin der Stiftung Bildungszentrum, das Publikum im "ältesten Arkadenhof nördlich der Alpen". Die Oper von Henry Purcell, die hier am Samstag und Sonntag aufgeführt wurde, stammt aus dem England des späten 17. Jahrhunderts - und spiegelt in ihrer Tragik eine gewisse Melancholie wider, die damals aus Kriegen, Seuchen und Klimaverschlechterungen entstanden sein mag.

Die Geschichte spielt nach dem Trojanischen Krieg in Karthago. Dido, die stolze, aber unglückliche Königin, wird im Sopran von Katharina Heißenhuber gesungen. Sie hat sich in den trojanischen Helden Aeneas verliebt, den es nach seiner Flucht an die karthagische Küste verschlagen hat. Dido ist zerrissen, die Begriffe "grief" und "sorrow" prangen auf den Shirts ihrer Begleiterinnen - schließlich hat sie ihrem verstorbenen Mann ewige Treue geschworen. Aeneas, gesungen im Bariton von Benedikt Eder, trägt heldentypisch ein blutverschmiertes Hemd. Mit seinem Erscheinen verschwindet Didos Schwermut: "Grief" ist nicht mehr auf der Bühne zu sehen.

Der Hof wird unterdessen von den Scheinwerfern abwechselnd in grünes, rotes und blaues Licht getaucht. Tangotänzer, Barockorchester und Asamchor liefern sich einen lebendigen Schlagabtausch. Gunther Brennich, Chorleiter des Asamchors, dirigiert die verschiedenen Ensembles energetisch, Leben kommt nach Karthago und in den Renaissancehof.

Doch wie es die Tragödie so will, wendet sich das Blatt: Mit den Hexen, angeführt von Alexandra Simons, übernimmt das Böse die Bühne und ändert den Verlauf der Geschichte. Die Hexen hassen die Königin Karthagos, "wie alle, die im Glücke leben". Kein geringerer als Zeus beziehungsweise Jupiter hat seine Hände im Spiel, als es darum geht, das junge Glück zu zerstören. Das Scheitern der Liebesgeschichte zwischen Dido und Aeneas wird in dieser Erzählung auch als Anfang der Feindschaft zwischen Rom und Karthago beschrieben.

Donner rollt durchs Orchester, der Renaissancehof verdunkelt sich, der Asamchor spannt Regenschirme auf - auch ein Symbol für die Gefahr, auf welche die Frischverliebten zusteuern. "Kaum hat sie mir ihr Herz geschenkt, da bin ich schon gezwungen, sie zu verlassen", klagt Äneas, das Tangopaar Patrizia und Michael Kronthaler schreitet leidvoll getragen über die Bühne. Sich seiner Heldenpflichten bewusst, tauscht Aeneas den schwarzen Anzug, den er im Königshaus getragen hatte, wieder gegen seine Rüstung. Als Dido ihn küsst, revidiert er seine Entscheidung - doch die stolze Königin schickt ihn weg, begeht Selbstmord und liegt in der Abschlussszene aufgebahrt im Kreise ihres Gefolges.

Es dauert eine Weile bis das Publikum zu klatschen beginnt - man akzeptiert ein derart tragisches Ende nur langsam als solches. "Der radikale Liebestod von Dido ist mit das interessanteste am Stück. Im Schlusslamento wird deutlich, dass sie über ihr Leiden in Erinnerung bleiben will", so Regisseur Robert Leutner. Die Freude über die gelungene Premiere ist groß, gemäß Theatergesetz war in der Generalprobe noch nicht alles glatt gelaufen. "Vieles haben wir erst Donnerstag und Freitag proben können, aber im Orchester sitzen wirklich Profis", so Gunther Brennich.

Seine persönliche Herausforderung sei räumlicher Art gewesen: Gleichzeitig den Chor links oben auf der Empore und das Orchester rechts unter den Arkaden zu koordinieren. "Da muss man seine Augen überall haben." Hauptdarstellerin Heißenhuber ist ebenfalls erleichtert über die gelungene Premiere, Kostümbildnerin Hedi Ostermaier freut sich, dass kein Medusenhaupt heruntergefallen ist - und auch das Publikum lässt sich weder von Didos tragischem Schicksal, noch von den Stechmücken bedrücken, dafür ist diese Nacht dann doch zu schön.