Bestandsaufnahme im Wald Hochkomplex und in Minuten ruiniert

Prof. Carten Lorz, Tobias Mühlbacher und Christian Kölling (von links) von der Landesanstalt Wald und Forstwirtschaft führten den Bodenspaziergang an.

(Foto: Marco Einfeldt)

Bei einem Spaziergang zeigt Christian Kölling von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, wie gefährdet die Böden heute sind. Sie werden vermüllt, vergiftet und mit Dünger und Schadstoffen geschwemmt

Von Alexandra Vettori, Freising

35 Kilometer ist die Erdkruste im Durchschnitt nur dick, von der wiederum der äußerste Meter das Überleben von Mensch und Tier sichert. "Von diesem Meter sind es dann noch mal die oberen zehn Zentimeter, in denen die Musik spielt", erklärt Christian Kölling, Leiter der Abteilung "Boden und Klima" der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft. Und weil die nährende Hülle der Erde so dünn ist, und weltweit so wenig auf sie geachtet wird, haben die Vereinten Nationen 2015 zum "Jahr des Bodens" ausgerufen. Ein Anlass auch für die Landesanstalt, gemeinsam mit der Hochschule Weihenstephan und dem Wasserwirtschaftsamt am vergangenen Wochenende zu einem Spaziergang im Thalhauser Forst zu laden.

Er versalzt, wird vom Wind hinweggefegt, vermüllt, vergiftet, mit Dünger und Schadstoffen geschwemmt, als wäre Boden unendlich. Doch das ist er nicht, wie Kölling betont: "Fruchtbarer Boden ist technisch sehr schwierig herzustellen, und auch die Rekultivierung ist nicht einfach. Er ist hochgradig geschichtet, porös, von vielen Lebewesen besiedelt. Er hat sich in über 10 000 Jahren entwickelt, und man kann ihn in wenigen Minuten ruinieren." Dabei ging es bei dem Spaziergang noch nicht einmal um überdüngten Ackerboden, sondern um den im Wald. So unbelastet, wie der Laie glaubt, ist nämlich auch der nicht mehr. Zwar muss die Forstwirtschaft den Boden so nehmen, wie er ist, und arbeitet, bis auf Kalkzufuhr in bestimmten Gebieten, auch nicht mit Dünger und Schädlingsgift. Dennoch leidet der Waldboden unter der intensiven Bewirtschaftung.

Eines der Probleme auf den 14 600 Hektar Wald im Landkreis ist die Verdichtung, verursacht durch schwere Maschinen. "Das Problem ist, dass der Schaden schon beim ersten Darüberfahren entsteht. Da werden Bodenporen zerquetscht, die Bauwurzeln bekommen nicht mehr genügend Luft und kommen nicht mehr ans Wasser", erklärt Kölling. Ein wenig Abhilfe würde es schaffen, beführen die Forstarbeiter nur wenige Wege dauerhaft. "Doch das", weiß der Abteilungsleiter für Boden und Klima, "erfordert große Disziplin". Ein zweites Problem sei, dass vor allem seit es Holz-Heizkraftwerke gibt, der Wald nach Baumfällungen regelrecht ausgeräumt wird. "Die Nadeln und Äste fehlen dem Boden, in den sie nach ihrer Zersetzung als Nährstoffe wieder übergehen", sagt Kölling. Leider kann dieser Schwund nicht mit der allgemeinen Überdüngung der Böden kompensiert werden. Denn während in südlicheren Regionen die Böden versalzen, im Bayerischen Wald immer noch die Hinterlassenschaften des sauren Regens lagern, sei es im Großraum München die Anreicherung von Stickstoff, die Sorgen mache. "Die Wälder stehen mit ihren Kronen da und nehmen bevorzugt die Stickstoffe aus der Luft auf", erklärt Kölling, Hinterlassenschaften von Industrie, Verkehr und Landwirtschaft. Das sähe man auch bereits: "Da wachsen Pflanzen, die früher nicht da waren."

Den Boden des Jahres stellte er auch noch vor: den Staunässe-Boden. Den mögen zwar weder Bauern noch Förster, weil die unterirdischen Pfützen, die sich auf darunter liegenden Lehmschichten bilden, die Bauwurzeln daran hindern, genügend Sauerstoff aufzunehmen. Doch die Juroren haben ihn gekürt, weil er so schön ist - gemustert wie Marmor. Nur eine verträgt den Staunässe-Boden, der rund zehn Prozent der Freisinger Wälder zugrunde liegt: die Tanne.