Unsichtbare Gefahr aus der Luft Feinstaub-Partikel muss man zählen

Ein Experte aus Mainz erklärt der Bürgerinitiative Freising, warum die FMG behauptet, nicht für die erhöhten Feinstaubwerte am Flughafen verantwortlich zu sein. Nun will man ein Messgerät für Ultrafeinstaub anschaffen.

Von Sophie Vondung, Freising

Der Feinstaub-Spezialist Wolfgang Schwämmlein aus Mainz war am Montag bei der BI Freising zu Gast, um den Startbahngegnern aktuelle Messungen zum Thema "Ultrafeinstaub durch Flugverkehr" vorzustellen. Mit Nachdruck versicherte dabei die BI-Vorsitzende Eva Bönig, dass sie glaube, der jahrelange Kampf der Startbahngegner werde Erfolg haben und die dritte Startbahn werde nicht gebaut. Oswald Rottmann von der Bürgerinitiative Freising sagte am Dienstag auf Nachfrage, das Gebiet um den Flughafen Frankfurt sei besonders stark vom Feinstaub betroffen und die Bürgerinitiative kämpfe dort seit Jahren gegen den Ausbau des Flughafens. Deshalb sei die Mainzer Bürgerinitiative mit ihren Messungen ein Vorreiter und ein Vorbild für Freising. Schwämmlein erklärte dann anschaulich, was Ultrafeinstaub überhaupt ist und welche Gefahren er birgt. Viele Messungen basierten auf dem Gewicht der Partikel, sagte er. Dabei falle der winzige Ultrafeinstaub jedoch im wahrsten Sinn nicht ins Gewicht und werde bei den Messungen übersehen. Das sei besonders fatal, zumal die kleinsten Partikel den größten Schaden anrichteten, warnte er. Denn je kleiner die Feinstaubteilchen seien, desto tiefer könnten sie in den Körper eindringen und den Organismus von innen schädigen. Die einzige Möglichkeit, die wirklichen Gefahren abzuschätzen, sei, die Partikel zu zählen, ohne ihre Größe zu beachten. Zur Veranschaulichung zeigte Schwämmlein eine Münchner Studie aus dem Jahr 2011. Man habe die Feinstaubpartikel am Flughafen zunächst nach Gewicht gemessen und versucht, sie dem Verursacher zuzuordnen. Diese Untersuchung habe ergeben, dass 90 Prozent der Partikel aus dem Umland stammten und nur zehn Prozent vom Münchner Flughafen selbst.

Eine mobile Messstation hat bislang nur die FMG. Nun will die BI Freising auch ein Messgerät kaufen.

(Foto: Einfeldt)

Messe man jedoch die Anzahl, sei das Ergebnis genau umgekehrt: 90 Prozent der Partikel würden dann vom Flughafen verursacht und nur zehn Prozent kämen aus der Umgebung. Die größeren Schmutzpartikel von Baustellen oder Straßenverkehr hätten den Ultrafeinstaub bei der ersten Messung überlagert, erklärte er. Eine eindeutige Zuordnung an den Verursacher sei wichtig, werde von Startbahnbefürwortern doch immer wieder die These genannt, der Flughafen sei nicht der Grund für erhöhte Feinstaubwerte, sagte Schwämmlein. Nach einigen Streitigkeiten habe sich die Bürgerinitiative Mainz schlussendlich selbst ein teures Messgerät gekauft, um die Anzahl der Ultrafeinstaubpartikel genau zu bestimmen. Schwämmlein zeigte ein Video von einer Messung in Mainz . Von 24 000 Partikeln pro Kubikzentimeter Luft stieg die Anzahl vor den Augen der ungläubigen Zuhörer auf das 1,5-fache, nachdem die Messstation von einem Flugzeug überflogen wurde. Messungen im Mainzer Ortsteil Hechtsheim ergaben eine Kurve, die die Partikelanzahl je nach Uhrzeit beschreibt. Zwischen den Hochpunkten, bei denen reger Flugbetrieb herrschte, war die Zahl der Partikel plötzlich rapide gesunken, als am Vormittag ein Wechsel der Flugrichtung erfolgte und eine Stunde lang kein Betrieb herrschte. "So sind die Erhöhungen eindeutig dem Flugbetrieb zuzuordnen", sagt Schwämmlein.

Die unsichtbare Gefahr

Feinstaub ist ein Gemisch aus festen und flüssigen Partikeln. Er wird nach der Größe in Fraktionen eingeteilt: Ein PM10-Teilchen beispielsweise hat einen maximalen Durchmesser von zehn Mikrometern. PM steht für "Particulate Matter" und bedeutet auf deutsch nichts anderes als Feinstaub. Ab einer Größe von einem Mikrometer abwärts zählen Partikel zum Ultrafeinstaub. Rußpartikel aus Flugzeugmotoren waren im Jahr 1970 noch über der Lichtwellenlänge und damit sichtbar, erklärt Wolfgang Schwämmlein. Deshalb zogen Flugzeuge, die man beim Starten und Landen beobachtete, braune Rußwolken hinter sich her. Mit den moderneren Triebwerken und der verbesserten Verbrennung hat sich die Lage jedoch keinesfalls verbessert. Denn je moderner die Triebwerke wurden, desto gefährlicher wurde auch ihr Ausstoß. Gerade dass man sie nicht sehen kann, ist das Gefährliche an den Ultrafeinstaub-Partikeln. Sie können bis ins Lungengewebe und in den Blutkreislauf vordringen und so zu Reizungen und Entzündungen führen. Über die Blutbahn kann der Ultrafeinstaub sogar bis ins Gehirn gelangen. Laut einer Studie des Amsterdamer Flughafens Schiphol steigt die Sterberate um drei bis sechs Prozent, wenn sich die Partikelanzahl um 1000 pro Kubikzentimeter erhöht. Um die Feinstaubbelastung eines Ortes festzustellen, muss man zuerst die Hauptwindrichtung messen. Anschließend werden die Betriebsrichtungen des Flughafens festgestellt, das heißt die Flugrichtung bei Start und Landeanflug. Es lässt sich dann darstellen, welche Windböen vom Flughafen kommen und aus welcher Richtung die meisten Feinstaubpartikel kommen. Für ihre μMessungen wollen die Freisinger Aktivisten bis zum Winter abwarten, weil im Sommer oft starke Thermik herrscht und die Feinstaubpartikel in die Höhe trägt, sodass sie nicht mehr messbar sind. Sie kündigen an, mit den Messergebnissen künftig mehr Druck auf die Politik zu machen, die im Ultrafeinstaub bislang wenig Gefahr für die Gesundheit ausmacht. sovo

"Auch wir in Freising wollen uns ein solches Messgerät anschaffen", sagt Rottmann. Nur die FMG habe im Moment Messstationen im Landkreis. Der Flughafen richte sich jedoch nur nach den gesetzlichen Grenzwerten, sagte Rottmann. Er darf am Tag höchstens 50 Mikrogramm pro Kubikmeter an PM10-Feinstaub freisetzen. Die Grenzwerte gebe es aber nur für Feinstaub, nicht für Ultrafeinstaub.