Erinnerung Sechs neue Stolpersteine

Ende Oktober berät der Stadtrat über eigenes Gedenkprojekt

Von Jakob Wetzel

Es ist wenig bekannt über Otto Karl Weis, und dieses Wenige stammt aus den Akten seiner Mörder. Weis wurde am 24. September 1877 geboren, er war katholisch getauft, arbeitete als Tiefbautechniker und wohnte zuletzt an der Pestalozzistraße in der Isarvorstadt. Und er war offenbar schwul. Das genügte den Nationalsozialisten, um ihn umzubringen. Mehrmals wurde Weis ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Am 15. Juli 1941 schließlich brachten ihn die Nazis in die Tötungsanstalt Schloss Sonnenstein bei Pirna. Dort wurde er wohl noch am selben Tag ermordet.

An diesem Samstag, mehr als 76 Jahre später, erhält Weis nun eine bleibende Erinnerung - und angesichts der Diskussionen in München muss man betonen, dass niemand grundsätzlich etwas dagegen hat. Dass den Opfern der Nazis gedacht werden soll, und zwar dezentral, ist weitgehend Konsens. Doch die Art und Weise, wie das an diesem Samstag geschieht, ist höchst umstritten.

Denn Weis ist einer von insgesamt sechs Männern, für die der Kölner Künstler Gunter Demnig erneut Stolpersteine verlegen wird, auf Privatgrund. Auf öffentlichem Boden ist das in München verboten. Der Stadtrat hat zuletzt vor zwei Jahren entschieden, ein eigenes Münchner Gedenkprojekt erarbeiten zu lassen. Statt Stolpersteinen soll es Stelen, Wandtafeln und ein zentrales Mahnmal geben: Niemand solle die Namen der Opfer mit Füßen treten können. Doch das Projekt zieht sich hin. Seit Monaten wird hinter verschlossenen Türen diskutiert, am 26. Oktober sollen die Entwürfe endlich öffentlich im Kulturausschuss des Stadtrats beraten werden. Die "Initiative für Stolpersteine in München" aber legt derweil vor.

52 Stolpersteine gebe es in München bereits, alle auf Privatgrund, sagt der Vereinsvorsitzende Terry Swartzberg. Am Samstag kämen sechs hinzu, mit etwas Glück käme man bald auf 100 Steine, trotz des Widerstands. Bei Hausbesitzern stoße man immer häufiger auf Unterstützung. Und es gebe mehrere Premieren: Am Samstag werden erstmals in München Steine für Homosexuelle verlegt, zudem erstmals welche für politische Widerständler. Der Stolperstein für Weis wird an der Pestalozzistraße 36 liegen. Ein weiterer Stein wird dem homosexuellen Georg Fischler gewidmet, er liegt künftig an der Baumstraße 4. Ein Stein trägt den Namen von Nathan Schütz, eines jüdischen Münchners, er kommt an die Landwehrstraße 20. Und drei Steine liegen künftig an der Augustenstraße 98, sie gelten den Kommunisten Wilhelm und Willy Olschewski sowie Otto Binder.

"Wir wollen keinen Streit, sondern nur, dass den Opfern gedacht wird", sagt Terry Swartzberg von der Stolperstein-Initiative. Doch deren Vorgehen fordert Kritik heraus. An die Toten müsse man erinnern, das Vorgehen aber sei ignorant und undemokratisch, urteilt Gabriella Meros. Man müsse doch die Entscheidung des Stadtrats respektieren. Meros leitet den Verein "Respect & Remember Europe", der sich für ein Gedenken auf Augenhöhe einsetzt, nicht im Straßenbelag. "Keine Fußtritte mehr", fordert sie. Stattdessen müsse man Inhalte vermitteln, die Geschichten der Toten erzählen, um Empathie zu wecken. Mit dem künftigen Projekt könne München Vorbild sein für würdiges Gedenken, hofft sie. Doch dass es überhaupt eine Alternative zu Stolpersteinen geben soll, das sei unter den Hausbesitzern wegen des intransparenten Wettbewerbs der Stadt offenbar kaum bekannt.

Swartzberg will darauf nicht eingehen. "Ich finde die Stelen auch toll und hoffe, dass das Projekt funktioniert", sagt er. Vor allem aber seien er und seine Mitstreiter froh, nichts mehr mit der Politik zu tun zu haben: "Wir sind glücklich. Und wir tun jetzt, was wir immer wollten."