Strittige Verdichtung Da könnte ja jeder kommen

So wie derzeit in Ebersberg beim Amtsgericht entstehen in vielen Kommunen neue Häuser. Bei den Anwohnern sind solche Verdichtungen oft unbeliebt.

(Foto: Christian Endt)

Überall im Landkreis Ebersberg entstehen neue Häuser und Wohngebiete, nicht unbedingt zur Freude der Nachbarn. Diese ziehen vors Verwaltungsgericht, beschweren sich im Rathaus oder drohen mit Bürgerentscheiden - mit mäßigem Erfolg.

Runde Zahlen werden immer gerne gefeiert, so auch vor einem knappen Jahr im Ebersberger Landratsamt. Die Nummer damals lautete 140 000, auf so viele Bewohner war der Landkreis gewachsen. Inzwischen dürften es wieder einige mehr geworden sein, laut Prognose ziehen pro Jahr etwa 1000 Neubürger in den Landkreis, der damit zu den am stärksten wachsenden Regionen Bayerns zählt.

Zum Vergleich: In knapp 50 Jahren hat sich die Bevölkerung im Landkreis nahezu verdoppelt, 1970 wurden gerade einmal 73 000 Ebersberger gezählt. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Kommunen und deren Ortsbild. Kaum eine Gemeinde oder Stadt, wo nicht laufend neue Wohngebiete entstehen und auch innerorts massiv nachverdichtet wird. Eine Entwicklung, die nicht nur bei Umweltschützern auf Kritik stößt, auch mit den Nachbarn gibt es zunehmend Konflikte. Einige Beispiele:

Zorneding

Eigentlich wollte man in Zorneding diesmal alles richtig machen. Denn über Jahre waren vor allem Häuser im Luxussegment entstanden, den Bau bezahlbarer Wohnungen hatte man völlig vernachlässigt. Und so kündigte die Gemeinde im Oktober vergangenen Jahres stolz eine Gegenmaßnahme der Superlative an: ein Areal mit 200 Wohnungen für 500 Zornedinger. "Ein Vorzeigeprojekt", frohlockte man im Rathaus des Orts, in dem neun von zehn Wohngebäuden Ein- oder Zweifamilienhäuser sind. Aber die Gegenmaßnahme, mit der man nach dem Prinzip der sozialgerechten Bodennutzung auch erstmals vergünstigten Wohnraum abschöpfen will, erhält seitdem vor allem Gegenwind. Und was für einen.

Zu hoch, zu dicht, zu unterversorgt, monieren die direkten Anwohner, die aus ihrer Doppelhaussiedlung noch auf ein unbebautes Feld schauen - und nach wie vor mit einem Bürgerbegehren drohen, sollten ihre Gegenvorschläge im Gemeinderat keinen Anklang finden. Dort herrscht vor allem Unverständnis über die Forderungen der Gegner. Diese monieren aber nicht nur ein verändertes Ortsbild und unkluge Verkehrsführungen, sondern fordern auch proportionales Wachstum von Infrastruktur wie Kindergärten und Einkaufsmöglichkeiten und eine einheitliche Gesamtplanung: Themen, die auch Pöringer jenseits der Wimmerwiese bewegen, wie eine vollgepackte Veranstaltung der Gegner im April zeigte. Dort kündigte der Wortführer abermals an: "Letzter Ausweg Bürgerbegehren." Der Showdown im Gemeinderat steht noch aus.

Vaterstetten

Die Großgemeinde hat eigentlich viel Erfahrung mit Bevölkerungswachstum. In den Ortsteilen an der Bahn entstand seit den 1950er Jahren ein Neubaugebiet nach dem anderen, seitdem hat sich die Zahl der Vaterstettener nahezu verfünffacht. Doch im vergangenen Jahrzehnt gibt es eine neue Entwicklung, die vielen in der Gemeinde Sorgen bereitet: die zunehmende Nachverdichtung. Schließlich galt Vaterstetten trotz seiner Wachstumsraten lange Zeit als "Gartenstadt", also mit viel Grün durchsetzt. Das ändert sich allerdings gerade - oder hat sich schon geändert. In vielen Straßen ist dies zu beobachten, die alten Häuser mit großzügigen Gärten verschwinden zulasten großer Häuser - oft ohne Gärten, dafür mit großzügigen, voll gepflasterten Garagenhöfen.

Verhindern lässt sich diese Entwicklung kaum. Klagen von Nachbarn gehen ebenso regelmäßig beim Verwaltungsgericht ein, wie sie von diesem abgewiesen werden. Auch die Gemeinde selbst - obwohl im Fall Vaterstettens sogar ihre eigene Baugenehmigungsbehörde - kann nur sehr begrenzt gegen Nachverdichtung vorgehen (s. unten). In einigen besonders sensiblen Bereichen, wo der alte Gartenstadtcharakter noch weitgehend erhalten ist, versucht der Gemeinderat, den Status Quo durch nachträgliche Bebauungspläne zu bewahren. Was allerdings nicht so einfach ist: Streng genommen wird dadurch die Bebaubarkeit der Grundstücke eingeschränkt, sie werden also für die Besitzer weniger wert. Unter Umständen könnten die Grundeigentümer daher Entschädigung von der Gemeinde verlangen.

Hohenlinden

Für die Gemeinderäte ist es ein Beitrag gegen die Wohnungsnot, für manche Anwohner eine Frechheit. Das südlich der Ahorn- und Buchenstraße geplante Neubaugebiet "In den Reuten III". Dort soll von der Gemeinde vergünstigtes Bauland angeboten werden, geplant ist, dass auf den Parzellen vor allem Doppelhäuser entstehen. Allerdings würden diese deutlich größer ausfallen, als die bestehenden Nachbarhäuser, beispielsweise am Ahornweg. Diese durften eine Wandhöhe von vier Metern nicht überschreiten, bei den neuen Häusern sollen es bis zu 5,8 Meter werden. Auch etwas enger wird es im neuen Wohngebiet werden, die kleinste Parzelle dort misst 526 Quadratmeter, in den anliegenden Siedlungen sind die Grundstücke mindestens 100 Quadratmeter größer.

Von dort gab es dann auch prompt Kritik an den Plänen der Gemeinde. Die dichtere und höhere Bebauung führe zur Verschattung ihrer Grundstücke, beklagten die Anlieger. Außerdem befürchtet werden Verkehrsprobleme, etwa mangelnde Parkplätze und verstopfte Zufahrtsstraßen. Auch das Heransiedeln an die Umgehungsstraße wurde kritisiert, dies würde für die künftigen Bewohner des Neubaugebietes erhebliche Lärmbelastung bedeuten. Der Gemeinderat ließ sich davon indes nicht umstimmen, Anfang Mai beschloss das Gremium, die aktuelle Planung weiterzuverfolgen.

Poing

In Poing ist Wachstum ohnehin seit Jahrzehnten Programm; dass an den neuen Wohngebieten im Norden zügig weitergebaut wird, ist seit langem beschlossene Sache. 2000 Menschen sollten ursprünglich in den neuen Wohngebieten W7 und W8 Platz finden. Weil aber überall in der Landeshauptstadt und auch im Umland dringend günstiger Wohnraum gesucht wird, entschloss sich der Poinger Gemeinderat im Frühjahr 2017 zu einem weit reichenden Schritt: Statt wie ursprünglich geplant 2000 sollen 4000 Menschen in den neuen Wohngebieten Platz finden.

Nicht nur Einfamilien- und Reihenhäuser für Bewohner mit mindestens mittelgroßem Geldbeutel sollen entstehen, sondern auch günstige Wohnungen in bis zu vierstöckigen Mehrfamilienhäusern. Was künftige Bewohner erfreuen wird, sehen einige, die jetzt schon in Poing leben, mit Bedenken: Vor allem die zusätzliche Verkehrsbelastung, die die Verdopplung der Einwohnerzahl in W7 und W8 mit sich bringt, wird von manchen skeptisch gesehen. Die Gemeinde will daher die Bürger bei den anstehenden Entscheidungen möglichst stark einbeziehen: Am Freitag, 8. Juni, findet beispielsweise von 14.30 Uhr in der Grundschule am Bergfeld eine Veranstaltung zum geplanten Mobilitätskonzept statt.

Missmutig im Speckgürtel

Wer sich beschwert, dass zu viele neue Nachbarn zuziehen, sollte sich vielleicht lieber gleich im Bayerischen Wald nach einer Bleibe umsehen Von Karin Kampwerth mehr...