Poing Mosaikstein für die Integration

Theatermacher Jean-François Drozak hat in Poing schon häufig Workshops in Schulen organisiert.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

In Theaterworkshops sollen in Poing lebende Flüchtlinge das Leben in Bayern kennenlernen. Gleichzeitig richtet sich das Projekt an einheimische Jugendliche und soll Vorurteile gar nicht erst entstehen lassen

Von Barbara Mooser, Poing

Es klingt anspruchsvoll, anstrengend und aufwendig - aber auch spannend: In einem bayernweit einzigartigen Pilotprojekt will Poing einheimische Jugendliche und junge Flüchtlinge zusammenbringen; zwei Jahre lang sollen sie einander in Workshops und auf der Theaterbühne kennen lernen, am Ende soll im Idealfall die Gründung einer neuen Jugendorganisation stehen. "Wir wollen erreichen, dass die Jugendlichen gar nicht mehr empfänglich sind für Vorurteile gegen Flüchtlinge - einfach, weil sie viele von ihnen kennen und wissen, wie sie wirklich sind", erläutert Omid Atai, SPD-Gemeinderat und Jugendbeauftragter in Poing. Er war einer der Mitinitiatoren des Projekts, gemeinsam mit Theatermacher Jean-François Drozak, der schon häufiger zu Workshops an den Poinger Schulen war. Realisiert wird das Vorhaben in Kooperation mit dem Landesjugendwerk der Arbeiterwohlfahrt.

Der Gemeinderat hat in seiner jüngsten Sitzung bereits dem Projekt zugestimmt, zu dem Poing etwa 10 000 Euro, das ist ein Drittel der Kosten, beisteuern wird. Mitwirken können alle Poinger Jugendlichen, die Altersgrenze wird etwa bei 14 Jahren liegen - sollten aber auch 13-Jährige sehr gern mitmachen wollen, so Jugendreferent Michael Krach, werde man da sicher aufgeschlossen sein. Angesprochen werden die Jugendlichen über die Poinger Schulen. Auf der anderen Seite sollen mit dem Projekt junge Flüchtlinge angesprochen werden, die jetzt in Poing leben. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind derzeit hier nicht untergebracht, deshalb wird sich der Altersschnitt der Flüchtlinge wohl zwischen 18 und 27 Jahren bewegen.

Gemeinsam will Drozak die jungen Leute erst einmal auf die Bühne holen, das soll auch Sprachbarrieren überwinden helfen und einen Dialog auf Augenhöhe unterstützen. Im Rahmen der "szenischen Agenda", wie es der Schauspieler und Theatermacher nennt, soll auch ein so genanntes "Werte-Wapperl" entwickelt werden. Das ist ein Aufkleber, den Eigentümer von Lokalen, Praxen und Institutionen in den Eingangsbereichen ihrer Lokalität anbringen können. Auch aufs Auto oder die Haustür könnte man das Wapperl kleben. "Damit bekennen sie sich zu einer sachlichen und konstruktiven Diskussion rund um das Thema Asyl. Sie signalisieren zudem ihre Bereitschaft, Asylbewerber genauso zu behandeln wie andere Personengruppen", heißt es in der Projektbeschreibung.

Die "szenische Verortung" schließlich wäre dann Phase zwei des Projekts. Sie dient dazu, kontroverse Standpunkte und Perspektiven zum Thema Asyl mit Poinger Lokalitäten zu verknüpfen. Mit einer ausrollbaren Bühne, die nicht mehr ist als eine 25 Quadratmeter große Gewebemappe, sollen die Jugendlichen durch Poing ziehen und an verschiedenen Orten Theaterszenen aufführen, die auch speziell für den Ort - beispielsweise den Bahnhof, die Schule, die Turnhalle oder das Rathaus - gemacht wurden.

Am Ende schließlich, in der dritten Phase des Projekts, geht es darum, dass die Jugendlichen eine "Orientierungs-Stadtkarte" erarbeiten, die jungen Neuankömmlingen mit Fluchterfahrung helfen soll, in Poing schnell Fuß zu fassen. Gerade bei der Erstellung dieser Karte sollen die Erfahrungen der jungen Flüchtlinge einfließen können, die Teil des Projekts sind. Die Veröffentlichung der Karte soll durch eine szenische Talkshow begleitet werden. Sie soll den Jugendlichen auch helfen, nach zwei Jahren für sich selbst Bilanz zu ziehen, ihre Erfahrungen und die verschiedenen Perspektiven zusammenzufassen.

Im Gemeinderat äußerten sich die meisten Vertreter durchaus positiv über das Projekt - jedenfalls, nachdem ihnen der Jugendreferent die doch recht sozialpädagogisch-sperrige Sitzungsvorlage in verständliches Deutsch übersetzt hatte. Krach räumte ein, er habe zunächst Vorbehalte gehabt, zum einen wegen des Altersunterschieds der beiden Gruppen, an die sich das Projekt wende, zum anderen wegen der Fluktuation, die zwangsläufig zu erwarten sei. Inzwischen sei er aber der Überzeugung, dass die Chancen überwiegen, sagte Krach.

Bärbel Kellendorfer-Schmid (SPD) hingegen äußerte sich uneingeschränkt begeistert: Das Projekt sei eine gute Möglichkeit, mit Jugendarbeit gegen Ressentiments und Rassismus vorzugehen. Eva-Maria Saam (CSU) stimmte zu, sie regte zudem an, auch andere Gemeinden zu beteiligen. Deutliche Kritik äußerte allein Wolfgang Spieth (FDP), der letztlich gegen das Vorhaben stimmte. Er sagte, in Poing gebe es auch jetzt schon so viele Menschen, die sich tatkräftig und engagiert für ein gutes Zusammenleben einsetzten. Nun auch noch ein "Werte-Wapperl" draufzusetzen, sei eine Geringschätzung der bisher geleisteten Arbeit und nicht notwendig.

Bürgermeister Albert Hingerl (SPD) wies diese Kritik ausdrücklich zurück und sagte, alle Initiativen seien "Teil eines großen Mosaiks". "Jeder tut sein Bestes", sagte Hingerl.