Hospizbegleiterin "Nein, es wird nicht wieder gut"

"Ich habe Zeit für Sie": Mit diesem Versprechen wendet sich Michaela Pelz an die Menschen in der Palliativstation.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Michaela Pelz, 55, ist ehrenamtliche Hospizbegleiterin. Die Ebersbergerin besucht schwer und unheilbar kranke Patientinnen und Patienten auf der Palliativstation der Kreisklinik

Interview von Johanna Feckl

Die Palliativstation der Kreisklinik in Ebersberg hat acht Betten. Fast immer liegt in jedem dieser Betten ein schwerkranker Mensch, von denen die meisten in naher Zukunft sterben werden. Seit zehn Jahren besucht Michaela Pelz diese Patientinnen und Patienten. Sie ist Hospizbegleiterin beim Christophorus Hospizverein. An mindestens einem Tag pro Woche ist die Moderatorin, Texterin und Dozentin für Lese- und Sprachförderung in der Kreisklinik; an zwei weiteren Tagen kommen eine Kollegin und ein Kollege. Mit der SZ Ebersberg hat die 55-Jährige über ihr Ehrenamt und ihre Besuche auf der Palliativstation gesprochen.

SZ: Frau Pelz, wie bereiten Sie sich auf Ihre Besuche in der Palliativstation vor?

Michaela Pelz: Darauf kann ich mich gar nicht richtig vorbereiten. Wenn ich komme, dann bespreche ich mich als erstes mit den Pflegekräften und Ärztinnen, welcher der Patienten oder Angehörigen heute jemanden gebrauchen könnte. Dann gehe ich in das entsprechende Zimmer und sage: "Guten Tag, mein Name ist Michaela Pelz. Ich bin eine Ehrenamtliche vom Hospizverein und ich habe Zeit für Sie." Die Betroffenen können sich dann entscheiden, wie sich das Gespräch entwickelt. Jeder so, wie er es braucht.

Lehnen manche Menschen Ihre Hilfe ab?

Es gibt Menschen, die im Vorfeld schon sagen, dass sie keinen Besuch von Hospizbegleitern möchten. Die Vorbehalte sind oft, dass wir da reinkommen und über den Tod reden wollen, dass die Patientinnen und Patienten über etwas sprechen müssen, obwohl sie es nicht möchten - das ist aber gar nicht der Fall. Ich dränge mich da nicht auf. Es gibt natürlich auch Tage, da ist jemandem einfach nicht nach reden. Manchmal biete ich in solchen Fällen an, dass ich mich ans Bett setzen kann. Dann halte ich vielleicht eine Hand und sitze nur da, ohne dass irgendetwas passiert. Das tut manchen Menschen auch gut.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob jemand Altes oder Junges vor Ihnen sitzt?

Bis zu einem gewissen Grad ja. Einmal hatte ich eine fast 100-jährige Dame, die sagte zu mir: "Wissen Sie, ich habe mein Leben gelebt. Ich kann jetzt eigentlich auch sterben." Wenn da nun eine Frau Anfang 30 sitzt, die zwei kleine Kinder hat, das nimmt mich natürlich dann schon mehr mit. Das Lebensalter an sich macht aber gar nicht so sehr einen Unterschied. Ich saß auch schon neben einem alten Mann und habe mitgeweint, weil er so sehr noch einmal in seinem Garten sitzen und die Vögel zwitschern hören wollte. Wir wussten beide, dass er das nicht mehr erleben würde. Der Mann war zwar alt, aber er wollte eben noch nicht gehen. Letztlich habe ich für so jemanden ja trotzdem keine Alternative. Ich kann dem Menschen aber anbieten, dass er nicht alleine sein muss, dass ich das mit ihm aushalte, dass wir das gemeinsam tragen. Ich sage nicht, dass alles wieder gut wird. Nein, es wird nicht wieder gut.

Ist das nicht auch die Aufgabe eines Krankenhausseelsorgers?

Wir und die Krankenhausseelsorger greifen das auf, was von den Patientinnen und Patienten kommt. Ich würde sagen, wir ergänzen uns. Manchmal knüpfen wir zum Beispiel an religiöse Themen an, über die die Betroffenen tags zuvor mit dem Krankenhausseelsorger gesprochen haben. Zum Beispiel: Warum prüft mich der Herrgott so?

Was antworten Sie auf solch eine Frage?

Darauf habe ich keine Antwort, ich weiß es nicht. Das sage ich den Menschen auch so.

Man könnte also sagen, dass Sie als Hospizbegleiterin Anteil am Leid der Betroffenen nehmen und versuchen, es durch dieses Mitgefühl zu lindern. Ablenkung wäre also das falsche Hilfsmittel?

Nicht unbedingt. Ablenkung ist dort gut, wo sie gewünscht wird. Vor einigen Jahren etwa hat ein Kollege einen Mann begleitet, der so gerne noch einmal ins Kino wollte. Der Mann war auf ein riesiges Sauerstoffgerät angewiesen, man musste also dafür sorgen, dass man mit dem Auto eng ans Kino heranfahren konnte, damit der Mann nicht zu lange ohne Sauerstoffgerät sein würde, bis er es im Kinosaal wieder anstecken konnte. Mein Kollege hat den Kinobetreiber angerufen und alles geregelt. Das ist schon Jahre her, aber ich weiß immer noch, wie er das erzählt hat. Das war so ein Gänsehautmoment für mich! Und da geht's natürlich nicht um Mitgefühl. Da geht es darum, dass man noch etwas möglich macht, was sich der Betroffene wünscht.

Braucht es spezielle Eigenschaften, um Hospizbegleiter oder -begleiterin zu sein?

Man muss offen sein und auf Menschen zugehen wollen. Das ist die Grundvoraussetzung. Dazu gehört auch, dass man ein Stück von sich selber einbringt. Ich setze mich da nicht nur hin und höre zu, sondern wenn es passt, dann berichte ich auch einmal von mir. Ansonsten kann nie ein ehrliches Gespräch entstehen.

Sprechen die Betroffenen mit Ihnen über andere Dinge, als mit ihren Angehörigen?

Ja. Wir kennen uns in der Regel nicht, deshalb ist die Hemmschwelle nicht so sehr da. Die Patienten und Angehörigen wollen sich gegenseitig nicht das Leben schwer machen. Das heißt, dass sie manchmal Themen ausklammern oder Phasen haben, in denen sie verzweifelt sind oder einfach nichts mehr sagen können, wütend sind. Das alles bei einer neutralen Person loswerden zu können, die natürlich dieselbe Schweigepflicht hat wie die Ärzte und das Pflegepersonal, das kann für viele befreiend sein. Ich hab's erlebt, dass mir eine Frau sagte, sie müsse mir jetzt etwas erzählen, was sie noch keinem Menschen zuvor erzählt hat. So wie sich auch wildfremde Leute im Zug Dinge erzählen.

Wie verarbeiten Sie denn solche Geheimnisse und die vielen Schicksale dahinter? Mein Mitgefühl ist sicherlich genauso wie am ersten Tag. Aber es ist genau wie beim medizinischen Personal: Wenn man bei jedem Fall persönlich mitleidet, dann würde man wahnsinnig werden. Manche Sachen gehen mir natürlich nach, klar. Aber tatsächlich kann ich die meisten Fälle in der Klinik lassen, weil ich das Gefühl habe, dass ich das, was in meiner Macht steht, getan habe.

Hat sich durch Ihre Arbeit auch Ihr persönliches Denken über den Tod verändert?

Auf jeden Fall! Es bleibt ja nicht bei den Besuchen auf der Palliativstation: Seitdem die Leute wissen, dass ich das mache, fragen sie mich um Rat und suchen das Gespräch mit mir. Von daher bin ich viel häufiger mit dem Thema konfrontiert und beschäftige mich gedanklich damit. Mittlerweile habe ich auch schon Leute sterben sehen und es war nicht schlimm. Falls ich also jemals Angst gehabt habe vor dem Sterben, dann hat sich das deutlich verringert. Ich habe auch die Bedeutung von Dingen begriffen wie einer Vorsorgevollmacht oder einer Patientenverfügung, dass man Dinge regeln sollte, solange es einem noch gut geht. Wenn man erst einmal in einer gesundheitlichen Extremsituation ist, und das kann manchmal sehr schnell gehen, dann sitzt man da und muss all diese Entscheidungen treffen. Das ist schade, denn die verbleibende Zeit sollte man anders nutzen.

Sie und ihre Kollegen und Kolleginnen halten auch Vorträge an Schulen. Wie sieht das genau aus?

Seit ungefähr sechs Jahren bieten wir an, dass wir in Schulen kommen und von unserer Arbeit erzählen. Vorher bekommen wir Fragen von den Schülern, die wir dann versuchen zu beantworten. In Workshops können die Kinder das Ganze in Form von Rollenspielen vertiefen. Die zusätzliche Zeit für die Schulen nehme ich mir gerne, weil ich das für sehr wichtig halte. Ich möchte die Kinder ermuntern, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und es nicht mehr einfach auszuklammern. Früher haben Kinder, die auf dem Land groß geworden sind, noch vor dem Schulalter mindestens einen Toten gesehen, der in einem Wohnzimmer aufgebahrt war. Das ist heute alles so strikt getrennt. Deshalb sage ich auch immer, wenn mich Menschen fragen, ob sie ihr Kind mit zu einer Beerdigung nehmen sollen: Ja, klar! Es sei denn, es weigert sich partout, dann natürlich nicht.

Und wie erklären Sie die Wichtigkeit Ihrer Aufgabe als Hospizbegleiterin?

Es ist ja so: Wenn Sie einen schwerkranken Angehörigen haben, dann wollen sie meist die noch verbleibende Zeit gemeinsam verbringen. Wenn die Abschiedszeit aber nicht nur zwei Tage dauert, sondern zwei Wochen oder zwei Monate, gehen Sie auf dem Zahnfleisch. Da gibt es Angehörige, die haben während mehrerer Wochen in Folge kaum geschlafen und können nicht mehr. Wenn ich so jemandem sagen kann "so, jetzt bin ich da, jetzt setze ich mich zu Ihrem Vater, Sie brauchen keine Sorge haben", dann merke ich, dass das eine Entlastung ist, die Menschen brauchen können und die sie dann auch in Anspruch nehmen sollten. Ich glaube fest daran, dass man große Themen wie schwere Krankheit, Abschied, Sterben und Tod besser bewältigt, wenn man jemanden an seiner Seite hat. Es gibt diesen Spruch: "Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen." Genauso braucht es für mich auch ein Dorf, um jemanden gut in den Tod zu begleiten, damit derjenige, der gehen muss und diejenigen, die zurückbleiben, das nicht alleine aushalten müssen.