Gewalt in der Partnerschaft Hilfe in der Not - und danach

Der Frauennotruf in Ebersberg bietet eine Anlaufstelle für Opfer häuslicher Gewalt. Doch die Hilfe im akuten Fall ist nur eine Seite - wichtig wären "mutige Konzepte der Politik", sagen die Mitarbeiterinnen

Von Theresa Parstorfer, Ebersberg

Wenn eine Frau zuhause nicht mehr sicher ist, weil sie von ihrem Partner bedroht wird, muss es meist schnell gehen. Die Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs in Ebersberg, für viele Betroffene die erste Anlaufstelle in einem solchen Fall, wenden sich dann meist an das Frauenhaus Erding. Denn hier können auch Frauen aus dem Landkreis Ebersberg Zuflucht finden. Ebersberg finanziert die Einrichtung auch mit. Als Anfang März jedoch wieder einmal die Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs in Erding anrufen wollten, stießen sie auf unerwartete Schwierigkeiten: Niemand hatte den Ebersbergern die neue Telefonnummer des Frauenhauses mitgeteilt. Kein idealer Start nach dem Trägerwechsel, den der Erdinger Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) im Alleingang und aus finanziellen Gründen in die Wege geleitet hatte.

Auf eine "hervorragende Zusammenarbeit mit den Erdingern" konnten die Leiterinnen des Notrufs Silvia Bothe und Birgit Dimotsios in der Vergangenheit vertrauen. Beide sehen den Wechsel der Trägerschaft vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) zum BRK, der zum 1. März erfolgt ist, kritisch. "Natürlich wünschen wir den jungen Kolleginnen nur das Beste und das bei Weitem nicht nur, weil wir eng mit ihnen zusammenarbeiten", sagt Bothe, aber erschreckend fanden beide, wie die Übergabe vonstatten ging. "Das könnte man schon Dumping nennen, wenn der Träger, der das günstigste Angebot macht, den Zuschlag bekommt", sagt Dimotsios. Eine sehr bedenkliche Entwicklung im sozialen Bereich sei es, "wenn es nicht mehr um die Qualität der Leistungen geht, sondern darum, dass der Landkreis möglichst wenig für diese Leistungen zahlen muss", fügt sie hinzu.

Von einem überschaubaren Budget können die beiden Sozialarbeiterinnen ein langes Lied singen. Seit mehr als 25 Jahren gibt es den Frauennotruf in Ebersberg. Eine einzige Vollzeitstelle wurde bisher finanziert. Die teilen sich Dimotsios und Bothe, und ohne die Arbeit von zwölf Ehrenamtlichen wäre überhaupt nichts auszurichten. "Wir müssen uns auf das Nötigste beschränken", sagt Dimotsios, "denn wenn wir alles umsetzen würden, was wir uns vorstellen könnten, dann wäre die eine Stelle gleich dreimal weg." Das Nötigste heißt in diesem Fall, Opfern häuslicher Gewalt eine Anlaufstelle zu bieten. "Notruf ist vielleicht nicht der passende Begriff, weil dadurch der Eindruck entsteht, wir säßen nur am Telefon", sagt Bothe.

Wenn sie Zuflucht vor gewalttätigen Partnern suchen, wenden sich viele Frauen erst einmal an den Frauennotruf.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Ein Großteil der Arbeit jedoch besteht tatsächlich im persönlichen Gespräch im Büro des Notrufs in der Von-Feury-Straße in Ebersberg. "Viele Frauen rufen erst einmal an, um sich zu informieren, oft spielen sie die Gewalt zuhause zuerst herunter", weiß Dimotsios zu berichten. Erst durch beständiges Nachfragen werde dann klar, wie ernst die Lage tatsächlich ist. Einen pauschalen "Beratungsfahrplan" gibt es dabei nicht. Für jede Frau und jede Situation muss nach einer individuellen Lösung gesucht werden. Frauenhäuser seien bei Weitem nicht die einzige Möglichkeit, einer Frau zu helfen. Deshalb würden die beiden ein eigenes Ebersberger Frauenhaus, wie es die SPD kürzlich forderte, auch nicht pauschal als perfekte Lösung bezeichnen.

"Es gibt zu wenig Frauenhausplätze, das ist klar. Aber nicht jede Frau will oder kann in ein Frauenhaus", sagt Bothe. Und auf Dauer dort bleiben sollte eigentlich auch niemand. Nicht nur, weil es wichtig ist, dass die Frauen wieder auf eigenen Beinen stehen, sondern auch, weil Plätze nicht übermäßig lang besetzt werden sollten. "Aber völlig ungeklärt ist in vielen Fällen, was danach passiert", sagt Dimotsios. Bei den aktuellen Mietpreisen sei es für viele Frauen einfach unmöglich, auf dem freien Markt etwas zu finden. Sie erwähnt Konzepte beispielsweise in Berlin, bei denen soziale Träger zusammen mit der Stadt Wohnraum anmieten, um ihn Betroffenen billiger zur Verfügung zu stellen. Verbunden damit ist oft das Angebot weiterer Betreuung.

Einen ebenso wichtigen Baustein für die Arbeit des Notrufs stellt das Gewaltschutzgesetz von 2002 dar. Dort wird die Möglichkeit formuliert, dass nicht das Opfer, sondern der Gewalttäter die gemeinsame Wohnung verlassen muss. Besonders bedeutsam ist das auch im Zusammenhang mit Kindern. "Es kann sehr problematisch sein, Frauen und Kinder aus ihrem sozialen Gefüge herauszureißen", sagt Dimotsios. In der eigenen Wohnung bleiben zu können, sei oftmals ein sicherheitsspendender Trost. Gleichzeitig müsse in diesen Fällen aber sichergestellt werden, dass sich der Partner nicht mehr nähern darf, was Absprachen mit der Polizei erfordert.

Brigitte Dimotsios und Silvia Bothe teilen sich eine Vollzeitstelle, unterstützt werden sie von vielen Ehrenamtlichen.

(Foto: Christian Endt)

Über all diese Möglichkeiten informieren Bothe und Dimotsios sowohl in der individuellen Beratung, als auch in Aufklärungs- und Präventionsarbeit in öffentlichen Veranstaltungen an Schulen und Fachstellen.

Viel gibt es also zu tun im Kampf gegen häusliche Gewalt - das zeigt auch eine Bedarfsanalyse, die Sozialministerin Emilia Müller 2016 in Auftrag gegeben hatte. Als positives Zeichen wird es deshalb gewertet, dass Landrat Robert Niedergesäß (CSU) kürzlich die Aufstockung des Budgets des Frauennotrufs angekündet hat. Jährlich 40 000 Euro und damit eine weitere Stelle mit 30 Stunden pro Woche sollen demnach zur Verfügung gestellt werden. "Wir freuen uns sehr über die Unterstützung und den Zuspruch, die wir im Landkreis von Seiten aller Parteien erfahren", so Dimotsios, allerdings würden sie sich dieses Bewusstsein auch für Länder- und Bundesebene wünschen. Denn für die Beseitigung struktureller Problem, bessere Prävention, Aufklärung oder bezahlbaren Wohnraum, dafür seien auch weiterhin "mutige Konzepte der Politik" nötig.

Um ein Hilfskonzept für misshandelte Frauen und Kinder geht es an diesem Mittwoch, 21. März, auch im Sozialausschuss des Kreistags. Entsprechende Anträge der Grünen und der SPD werden hier behandelt. Beginn ist um 15 Uhr im Hermann-Beham-Saal im Landratsamt.