Gebundene Gedichte Reiserouten zum Regenbogen

Bernhard Winters neuer Lyrikband "Kurz und glücklich" enthält 40 zauberhafte Mantras

Von Rita Baedeker

Das Wort "Glück" erwähnt Bernhard Winter in seinem neuen Gedichtband "Kurz und Glücklich" mit keinem Wort. Dafür nennt er - Lyriker, Psychotherapeut, von 2002 bis 2011 Bürgermeister von Markt Schwaben und Initiator der Reihe "Sonntagsbegegnungen" - drei geistige Haltungen, die geeignet sind, Herz und Sinne für das Glück zu öffnen. Die drei Tugenden heißen Lassen, Lernen und Lieben. Sie bilden auch die Kapitel seiner kurzen Anleitung zum Glücklichwerden: In vierzig (sehr knappen) Mantras offenbart Winter Beobachtungen und Erfahrungen, die keine erhabenen Weisheiten verkünden, aber dennoch die Welt bedeuten, von Erlebnissen und Erkenntnissen erzählen, die jeden angehen. Wer die Zeilen mehrmals liest, dem zaubern sie ein Lächeln ins Gesicht.

Winters Gedichte sind voller Charme, Witz und überraschender Wendungen. "statt unsere Kinder /herzwärts hauchend / zu beatmen /vermaßen wir sie /hirnwärts zerrend /zu beamten". Winter spielt liebevoll mit der Sprache, bringt Bilder zum Klingen, weckt Assoziationen, stellt logische Zusammenhänge auf den Kopf: "Wer A sagt, muss auch B sagen, das ist nicht die ganze Wahrheit", erklärt er. Vielmehr heißt es auch: "Wer B schweigt, darf auch A schweigen." Mal gleicht seine Sprache einem fliegenden Teppich, mal einem scharfen Messer, das alles Überflüssige aus dem Satzgefüge herausschneidet.

"Kurz und Glücklich" von Bernhard Winter.

(Foto: Neue Stadt Verlag/oh)

Präsentiert wurde das neue, im Verlag Neue Stadt erschienene, Enkelin Laura und Hans-Jochen Vogel gewidmete Buch nun im Benediktinerkloster St. Bonifaz in München. Kinder der Musikschule Markt Schwaben haben die Lesung mit Geigen, Harfen, Klavier und Kontrabass kraftvoll untermalt. Die Idee zu dem Band entstand bei einem Besuch der Frankfurter Buchmesse. Enkelin Laura, damals noch keine zwei Jahre alt, habe sich, so Winter, mit Begeisterung auf ein Buch der in Wasserburg am Bodensee lebenden Malerin Miri Haddick gestürzt. Haddick malt Tiere und Pflanzen, sehr farbig, sinnlich, großäugig, auf Grundformen stilisiert und doch mit jeweils besonderem Charakter. Die Begegnung zwischen Haddick und Winter - ein glücklicher Zufall - führte zu dem Buch, das Haddick illustriert hat.

Zur Lesung in St. Bonifaz sind einige der Originale ausgestellt, auch die Malerin selbst ist gekommen. Zu dem Odilo Lechner gewidmeten Gedicht "Du bist der Berg" zum Beispiel gehört das Bild einer pummeligen Amsel, die - so kommt es dem Betrachter vor - halb furchtsam, halb neugierig einen mit Rosen bepflanzten Berg anstaunt. Der Text selbst ist schlicht, aber voller Tiefe: Er besagt, dass Kraft und Größe nicht alles sind im Leben.

Doch Glück ist eben nicht nur unberechen-, sondern auch undefinierbar. Jedes Individuum muss seinen eigenen Weg finden zum Regenbogen. Bernhard Winters Mantras eröffnen da zahlreiche Reiserouten. Der kürzeste Weg, das kürzeste Gedicht, besteht nur aus zwei Worten: aus einem fett und gesperrt gedruckten "Nein" und einem kursiv-mageren "Ja!" darunter. Es ist das erste Mantra in dem Buch, und die Wahl der Druckbuchstaben kein Zufall: Ein "Ja" ist oft leise, unscheinbar, ein Kontrast zum viel zu oft und laut heraus geschrienen "Nein". Der Weg zu einem guten, mithin glücklichen Leben, so Winter, beginne mit einem Ja, einem Ja zum Prinzip des "Lassens", der Befreiung vom ewigen "Nein". Dieses Nein zum eigenen Leben erlebt Winter immer wieder in seiner therapeutischen Praxis. Das "Ja" kann, wie im Gedicht "mein blauer baum" ausgedrückt, auch bedeuten, dem Kommando der eigenen "Schlauigkeit", zu entfliehen und Gedanken oder Fantasien zuzulassen, welche die Ratio verbietet.

Der neue Lyrikband von Bernhard Winter, Ex-Bürgermeister aus Markt Schwbaben, kombiniert die sinnlich-fröhliche Malerei von Niri Haddik mit so geistreichen wie charmanten Mantras.

(Foto: Christian Endt)

Die zweite Haltung, die Bernhard Winter empfiehlt, betrifft das "Lernen". Die Inhalte, die er hier vorschlägt, stehen allerdings auf keinem Stundenplan. So geht es etwa darum, was zu tun ist, wenn man einem Wellensittich nicht in dessen Sprache antworten kann, weil man(n) das Pfeifen verlernt hat. Oder sich zu vergegenwärtigen, wozu die Umlaute ö und ü nütze sind.

Im Kapitel "Lieben" schließlich finden sich Mantras voller Gefühl und Hingabe. So lautet die Diagnose eines bekannten körperlichen Zustands (Herzklopfen, Kribbeln) bei Winter "frisch verleibt" und bei vier Dritteln (eines Lächelns) gerät die Mathematik aus den Fugen, was sie aber in der Liebe sowieso tut. Es geht dem Autor allerdings nicht nur um die Liebe zwischen Menschen, sondern ums große ganze "Wir". "Weit wie ein Haus /weit wie ein Dorf /weit wie ein Land /so weit wie die Welt." Und immer wieder entlocken Haddicks Bilder dem Betrachter ein seliges Lächeln. Wie das von der Wölfin, die auf den Mond wartet (auch das Titelbild), oder wie das vom blauen Baum mit seinen vielen Vögeln, die anstatt Laubs die Äste bevölkern.

Einen blauen Baum hat jeder Mensch in seinem inneren Garten. An ihn zu glauben, jenseits allen Wissens, das könnte ein Schritt sein hin zu Momenten des Glücks.

"Kurz und Glücklich" von Bernhard Winter mit Bildern von Miri Haddick, Verlag Neue Stadt, 80 Seiten, ISBN 978-3-7346-1160-5. Die nächste Lesung findet statt im Anschluss an die Sonntagsbegegnung am 22. Juli im Gymnasium Markt Schwaben. Um 11.15 Uhr sprechen Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler und Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbands, dort über das Thema "Reden, Helfen, Glauben". Um 14 Uhr präsentiert Anne Bezzel, Pfarrerin aus Erfurt, ihr Buch "Jenseits der Mauern die Freiheit" und Bernhard Winter seinen Lyrikband.