Ebersberg Miniaturtheater aus Papierfetzen

Jörg Baesecke erzählt auf der kleinsten Bühne der Welt ergreifende Geschichten - auch über den Krieg.

(Foto: Christian Endt)

Jörg Baesecke kreiert ein ergreifendes Memory

Von Anna Weininger, Ebersberg

"Verbrannt, verbrannt, verbrannt". Der zweite Weltkrieg hat so viel zerstört: Bücher, Spielzeug, Möbel, ja sogar Brot. Jörg Baesecke hält Kohle-Zeichnungen hoch und lässt die vergilbten Blätter noch im selben Moment zu Boden fallen. So oft hat ihm, dem Nachkriegskind, der Vater erzählt, was alles verbrannt ist. Und wie man aus geriebenem, verkohltem Brot "Stalintorte" machte.

Vor dem Schauspieler stehen ein paar Koffer, darauf ein Haufen Blätter und Mappen, die sich aufgeklappt in kleine Bühnen verwandeln lassen. Am Boden liegt von Hand bedrucktes Papier. Der Nachlass von Baeseckes verstorbenen Eltern. Aus diesen Erinnerungsfetzen formt er ein unglaublich ergreifendes, liebevolles Miniaturtheater. "Papier.Krieg" hat er es wortspielerisch genannt.

Unter dem Motto "Ich bin Jörg, und hier bin ich daheim" kennen viele den Bühnenerzähler aus Pullach neuerdings aus den 25-Sekunden-Clips im Bayerischen Fernsehen. Andere lieben ihn als Geschichtenerzähler und als Regisseur, der nur mit Hilfe von Schere, Papier, Licht und Fantasie im Nu ein ganzes Ensemble zaubert. Am Donnerstag holten ihn die Veranstalter des "Kulturfrühlings" nach Ebersberg.

Was Baesecke mit seinem Stück "Papier.Krieg" zeigt, schafft kein noch so anschaulicher Geschichtsunterricht, keine noch so authentische Reportage über den zweiten Weltkrieg und die Wirren der Nachkriegszeit. Sein Zugang zur deutschen Vergangenheit ist originell, kunstvoll und sehr persönlich - zwischendurch auch urkomisch. Papierfiguren, Zeichnungen, Handdrucke oder Realien wie Notgeld aus Zeiten der Inflation nutzt er als Aufhänger für fragmentarische Geschichten. Alles wirkt zufällig und unchronologisch. Doch in der Summe ergibt sich ein stimmiges Ganzes. Der Erzähler selbst nennt es Memory.

Man erkennt sie wieder, die Alltagsgeschichten und -gegenstände der Kriegsgeneration: Da gab es die Briefe aus dem russischen Gefangenenlager - nur jeweils 25 Worte waren erlaubt, hölzerne Löffel für die spärlich ausgeschenkte Erbsensuppe, Fahrten auf Kriegsschiffen vor der Küste Norwegens, wo es Fische vom Himmel geregnet haben soll. "Man erzählte eben von Fischen, damit man von nichts Anderem erzählen musste", sagt Jörg Baesecke über das kollektive Erinnern - oder auch Verdrängen - einer ganzen Generation. Gerade durch seine subjektive und assoziative Erzählweise berührt er die Zuschauer, schafft Identifikation und Nähe. Plötzlich ist einem diese deutsche Geschichte so nah, weil der eigene Vater oder Großvater vielleicht Ähnliches erzählt hat.

Nostalgisch und gleichzeitig erschüttert blickt Baesecke auf die Zeit zurück, in der die tragischen Kriegserlebnisse der Eltern in naiven Kinderspielen heroisch nachgeahmt wurden, eine Zeit, in der etwa Kinderroller zu Stukas (Sturzkampfflugzeugen) wurden. Sein Blick auf die eigene Jugend ist kindlich und dennoch reflektiert. Damals habe ihm die Mutter immer wieder erzählt: "Wir hatten Verdunklung", wenn sie die Fenster abdeckte, damit die Lichter nicht von Fliegerbombern entdeckt wurden. "Doch was hat damals die Sinne verdunkelt?", fragt Baesecke heute kritisch. Wo sind sie hin, die Erinnerungsstücke an ein Nazi-Deutschland? Die Mitgliedschaften der Väter in der Partei oder die Bilder der Reichsadler? Auf den Dachböden, bis keiner sie mehr lesen kann? Schnell zuklappen, die Pop-up-Mappe mit den Adlern. Was hätte man darüber denn schon erzählen sollen?

Jörg Baesecke hat sich selbst einen Auftrag erteilt: Er möchte mit seiner "kleinsten Bühne der Welt" subjektive Bruchstücke zusammenfügen, unscharfe Bilder mit Texten verbinden und sie zugänglich machen, auch für eine junge Generation, die meint, mit der Geschichte der Großeltern nichts mehr zu tun zu haben. Damit verarbeitet er auf eine ganz besondere Art seine eigene Familiengeschichte.

Dass er mit seinem Stück "Papier.Krieg" die Zuschauer tief berührte, zeigte der persönliche Dialog zwischen Publikum und Künstler, der sich nach der Vorstellung bei einem Teller Suppe spontan ergab.