Debatte um ein Denkmal Die Mär von den Münchner Trümmerfrauen

"Den Richtigen ein Denkmal. Nicht den Alt-Nazis" - Die grünen Landtagsabgeordneten Katharina Schulze und Sepp Dürr haben dem Denkmal für Trümmerfrauen in München vergangene Woche einen Sack übergestülpt.

Wer hat in München den Kriegsschutt weggeräumt? Und darf man eine Generation pauschal ehren, der nicht nur freiwillige Helfer, sondern auch viele Nationalsozialisten angehörten? In München ist ein heftiger Streit über ein Denkmal für Trümmerfrauen entbrannt. Die Fakten zur Debatte.

Von Jakob Wetzel

Ein Stein steht am Marstallplatz, schulterhoch, gewidmet den "Trümmerfrauen und der Aufbaugeneration". Am 8. Mai wurde er aufgestellt - und seitdem befeuert er einen Streit: Wer hat in München den Kriegsschutt geräumt? Gab es "Trümmerfrauen", auch wenn den Großteil der Trümmer andere beseitigt haben? Und wie pauschal darf man eine ganze Generation ehren, der nicht nur freiwillige Helfer, sondern auch viele Nationalsozialisten angehörten? Die Fakten.

Die Ausgangslage

Mehr als 6000 Bombentote, 82.000 zerstörte Wohnungen, fünf Millionen Kubikmeter Schutt mit einem Gesamtgewicht von sieben Millionen Tonnen: Der Großteil Münchens lag nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern. In neun Stadtbezirken waren mehr als die Hälfte der Häuser zerstört, Hunderttausende waren obdachlos. Und doch drängten immer mehr Menschen in die Stadt: Kriegsrückkehrer, ehemalige Zwangsarbeiter und Verschleppte ebenso wie Heimatvertriebene.

Dabei funktionierte in München wenig bis nichts. Gas-, Wasser- und Stromleitungen waren unterbrochen, das Telefonnetz zerrissen. 90 Prozent der Bahnanlagen waren zerstört; die Münchner Straßenbahn war die am schwersten beschädigte in allen drei Westzonen. Versorgungseinrichtungen wie Vieh- und Schlachthof waren unbenutzbar. Die Menschen hausten in Ruinen, viele hungerten. Und weil die zuvor mit Pferdekarren organisierte Müllabfuhr nicht einsatzfähig war, breiteten sich Krankheiten aus. Unter diesen widrigen Bedingungen waren es oft Frauen, Witwen und Ehefrauen vermisster oder kriegsgefangener Soldaten, die das Überleben ihrer Familien sicherten - unabhängig davon, ob sie Schutt räumten oder nicht.

Wie wurde geräumt?

Beim Räumen genossen zunächst die Verkehrswege Priorität. Die Münchner Straßen waren von 3500 Bombeneinschlägen verwüstet, Bahnhöfe waren zerstört, Gleise verbogen. Erste Helfer räumten mit Pferdefuhrwerken und Handwägen auf. Schon im Mai 1945 gab es behelfsmäßigen Schienenverkehr, wenngleich mit noch viel zu wenigen Waggons. Im selben Monat fuhren auch bereits erste Straßenbahnen.

München in Trümmern: Profis verrichten die Hauptarbeit beim Aufräumen, dazu Kriegsgefangene und zwangsverpflichtete ehemalige NS-Mitglieder.

Der Gebäudeschutt wurde von März 1946 an geräumt, und zwar professionell und systematisch. Bagger und Flaschenzüge brachten Mauerreste zum Einsturz, Sprengfirmen und das Sprengkommando der städtischen Feuerwehr beseitigten Beton- und Stahlbetonelemente. Komplizierte Manöver plante die städtische Bauwacht. Um die Trümmer zu beseitigen, kam ein bereits im Krieg eingerichtetes Netz aus Kleinbahnen mit Dampflokomotiven und Kipploren zum Einsatz: die "Bockerlbahn". Die Lokomotiven brachten die Trümmer zu den großen Schuttplätzen in Sendling, am Luitpoldpark und auf dem Oberwiesenfeld, dem heutigen Olympiapark. 1947 meldete das Wiederaufbaureferat einen Rekord: Im Juli jenes Jahres wurden 112.650 Kubikmeter Schutt bewegt - mehr als je zuvor. Und im Jahr 1949 waren von fünf Millionen Kubikmetern Schutt bereits vier Millionen beseitigt.

Wer räumte auf?

Im Jahr 1945 lebten in München etwa 550.000 Menschen. Wer sich von ihnen in irgendeiner Weise am Schutträumen beteiligt hat, ist schwer zu fassen. Am 11. April 1946 etwa rief die Stadt alle Einwohner zur freiwilligen Räumhilfe auf; Parteien, Behörden, Vereine und Betriebe sollten sich zu diesem Zweck organisieren. Schulklassen wurden bestimmte Abschnitte zugewiesen, die sie von Schutt befreien sollten. Auf den Aufruf hin meldeten sich insgesamt 4943 Personen: Jugendliche, Männer und Frauen. Viele weitere legten vor Ort Hand an, so gut sie konnten. Doch das Gros der Räumarbeiten erledigten nicht diese Freiwilligen, und schon gar keine "Trümmerfrauen".

Die ersten Straßen legten vielmehr kriegsgefangene deutsche Soldaten frei, unterstützt von NSDAP-Mitgliedern, die von den US-Besatzern zum Mithelfen gezwungen wurden. Ohne ihre Mithilfe hätten sie keine Essensmarken erhalten. Und so zählt das Münchner Stadtarchiv nicht mehr als etwa 1500 Menschen, die sich in nennenswertem Umfang am Schutträumen beteiligten: etwa 1300 von ihnen seien Männer gewesen, etwa 200 Frauen. Und 90 Prozent von ihnen waren zuvor in nationalsozialistischen Organisationen tätig gewesen.

Verhüllte Trümmerfrauen

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Später, nach der Währungsreform 1948, beauftragte die Stadt mit dem Räumen und Abtransport der Trümmer vor allem Baufirmen. Bezahlt wurde dabei nicht nach Arbeitszeit wie in anderen Städten, sondern nach Leistung, also nach geräumter Schuttmenge. Auch deshalb ging die Beseitigung der Trümmer in München rascher vonstatten als anderswo. 1949 galt München bereits als am besten vom Schutt befreite Großstadt in Westdeutschland.

Am 29. Oktober 1949 rief die Stadt erneut zum gemeinsamen Schutträumen auf, unter dem Motto "Rama dama" griff auch der damalige Oberbürgermeister Thomas Wimmer zum Spaten. Insgesamt halfen an diesem Tag etwa 7000 Münchner mit. Die Aktion ist, ähnlich wie die "Trümmerfrauen", ins kollektive Gedächtnis eingegangen: Die Münchner befreien sich vom Kriegsschutt, alle packen gemeinsam an. Tatsächlich aber war das Ergebnis des "Rama dama" bescheiden: Die Freiwilligen räumten mit etwa 15.000 Kubikmetern weniger Schutt weg, als damals ohnehin täglich von Profis beseitigt wurde.