Versöhnungskirche Erstmals eine Pfarrerin im Team

Die 29-jährige Claudia Mühlbacher geht für zwei Jahre an die Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Sie ersetzt teilweise Björn Mensing, der den Umgang der Landeskirche mit Pfarrern mit NS-Vergangenheit erforscht

Von Helmut Zeller, Dachau

Die 29-jährige Vikarin Claudia Mühlbacher hat sich keine leichte Aufgabe ausgesucht. Das hat sie schon bemerkt, bevor sie noch als Pfarrerin der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau antritt. "Besonders interessant finde ich die Reaktionen in meinem Umfeld, wenn ich von meiner neuen Aufgabe in der Versöhnungskirche erzähle", sagt sie. Da gibt es schon viel Zuspruch. Auch wird betont, wie wichtig die Erinnerung ist. Aber andere wissen nicht so recht, was sie dazu sagen sollen. "Sprachlosigkeit. Darüber spricht man nicht einfach so. Manche erzählen dann auch, sie waren noch nie an der KZ-Gedenkstätte Dachau", sagt Claudia Mühlbacher. Das Umfeld? Das sind vor allem Freunde, Bekannte und Mitglieder ihrer Gemeinde Gmund am Tegernsee. Auch 73 Jahre nach Kriegsende tun sich Deutsche eben schwer mit der Nazivergangenheit ihres Landes.

Wie auch Mühlbachers Landeskirche sich jahrzehntelang schwer getan hat und nach 1945 sogar belastete Pfarrer in ihre Obhut genommen hat - diesen Vorwurf muss sich jedoch nicht nur ihre Kirche gefallen lassen. Die Justiz zum Beispiel oder auch die Politik nahmen es mit Schuld und Verantwortung nicht so genau, gewährten Naziverbrechern Unterschlupf und lukrative Karrieren in der neuen Demokratie oder halfen ihnen wie der Vatikan bei der Flucht ins Ausland.

Aber mit der Zeit - und dem Wegsterben der Täter - hat sich doch einiges geändert. Die Aufregung war denn auch groß, als bekannt wurde, dass der in Bamberg allseits beliebte und fürsorgliche Seelsorger Alfred Schemmel vor 1945 SS-Kompanieführer im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gewesen ist. Davon will die evangelische Landeskirche nichts gewusst haben - bis Herbst 2017, als der Fränkische Tag die wahre Identität des Pfarrers enthüllte, der 1987 gestorben ist. Schemmel hatte sich 1946 mit gefälschtem Lebenslauf und Geburtsdatum der Kirche angedient - der Mann, der aktiv am Massenmord an den Juden beteiligt war, unterrichtete Schüler im Religionsunterricht.

Regionalbischöfin Dorothea Greiner reagierte sofort: "Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, die Mehrheit der evangelischen Pfarrer hätten wie Karl Steinbauer oder Dietrich Bonhoeffer gegen den Nationalsozialismus Widerstand geleistet." Ihre Forderung nach einer stärkeren Aufarbeitung der NS-Verstrickungen evangelischer Pfarrer mündete jetzt in einen Forschungsauftrag, den die Landeskirche an Kirchenrat Björn Mensing vergab, Pfarrer der Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau seit 2005. Der Theologe und Historiker hat schon 1998, damals noch Lehrbeauftragter für Kirchengeschichte an der Universität Bayreuth, seine Dissertation "Pfarrer und Nationalsozialismus" veröffentlicht. In jahrelanger Arbeit hat er die Verstrickung von Pfarrern in die Naziverbrechen erforscht - und die Reaktion der Kirche darauf.

Die evangelische Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau, deren Bau 1965 von ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau angestoßen worden ist. Der Architekt Helmut Striffler entwarf das außergewöhnliche Gebäude.

(Foto: Toni Heigl)

Diese Publikation trug ihm damals, vor zwanzig Jahren, nicht nur Anerkennung ein. Im Gegenteil: Kirchenvertreter und Gläubige zeigten sich gar nicht angetan von dieser Form der Selbstkritik und reagierten mit Angriffen. Etwa jeder siebte evangelische Pfarrer in Bayern war NSDAP-Mitglied. Von den damals 13 Pfarrstellen in Schemmels Dekanat Bamberg waren fünf Pfarrer in die NSDAP eingetreten - also überdurchschnittlich viele. Die Alliierten forderten die Entlassung von bayernweit 170 Pfarrern. Aber bis zum Frühjahr 1946 hatte die Landeskirche keinen einzigen entlassen, 28 Pfarrer mussten sich nur der Dienstgeschäfte enthalten. Die Pfarrer wurden alle als Mitläufer eingestuft. "Die Milde der Spruchkammer gegenüber Pfarrern übertraf noch die Milde gegenüber der übrigen Bevölkerung", sagt Björn Mensing, der seit 2011 Landeskirchlicher Beauftragter für evangelische Gedenkstättenarbeit ist.

Kirchenrat Mensing beginnt mit dem gründlichen Hausputz, den die Kirchenoberen den Kindern und Enkeln überlassen haben, am 1. März. Zwei Jahre lang soll er erforschen, wie viele Pfarrer mit NS-Vergangenheit nach 1945 im Kirchendienst waren und wie die Kirchenleitung damit umging. Nur eine ehrliche Kirche könne heute glaubwürdig rechtsextremem oder gar antijüdischem Gedankengut entgegentreten, erklärt Regionalbischöfin Dorothea Greiner. Für die Dauer des Projekts wird Mensing zu 50 Prozent seiner Arbeitszeit freigestellt.

◾Damit die Arbeit an der Versöhnungskirche wie gewohnt weitergehen kann, tritt die gebürtige Traunsteinerin Claudia Mühlbacher am 1. März ein sogenanntes Spezialvikariat in Dachau an. Die 29-Jährige ist derzeit noch Vikarin in der Gemeinde Gmund am Tegernsee. Am 4. März wird sie von der Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler in der Münchner Lukaskirche zur Pfarrerin ordiniert. Claudia Mühlbacher ist die erste Pfarrerin an der Versöhnungskirche, die auf Betreiben von KZ-Überlebenden von 1965 bis 1967 nach den Plänen des Architekten Helmut Striffler erbaut worden ist. Bisher waren nur Männer als Pfarrer und Diakone an der Kirche. Allerdings ist, wie Pfarrer Mensing betont, seit mehr als 20 Jahren als ehrenamtliche Prädikantin Bettina Korb an der Kirche tätig, neben einer Reihe von Frauen als Teamassistentinnen und als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Im Vorstellungsgottesdienst am Sonntag, 25. Februar, wird Claudia Mühlbacher um elf Uhr in der Versöhnungskirche ihre erste Predigt halten.

Die KZ-Gedenkstätte kennt Claudia Mühlbacher bereits. Als Studentin der Theologie hatte sie den Schwerpunkt kirchliche Zeitgeschichte gewählt - die Zeit des Nationalsozialismus sei für sie im Theologiestudium schon immer die spannendste Epoche der Kirchengeschichte gewesen, sagt Mühlbacher. Vor ein paar Jahren war sie mit einem Seminar an der LMU München in Dachau. Das Thema: "Kirche und Verbrechen im Nationalsozialismus". Im Anschluss an die Führung, erzählt sie, habe sie in der Versöhnungskirche ein Impulsreferat zu "Namen statt Nummern", dem Gedächtnisbuchprojekt, gehalten. Das Interesse am Nationalsozialismus stammt aber bereits aus ihrer Schulzeit. Bei anderen Schülern sei ihr im Unterricht häufig eine "Übersättigung" aufgefallen.

Claudia Mühlbacher ist die erste Pfarrerin an der evangelischen Versöhnungskirche in Dachau.

(Foto: Privat/oh)

Seither beschäftige sie die Frage: "Woher kommt denn das Gefühl des Zuviel? Vielleicht ist das ja so, weil es ein Teil unserer Geschichte ist, mit dem man sich unweigerlich auch emotional beschäftigt. Massenvernichtungen, Machtmissbrauch, Erniedrigungen, Rassismus, das sind Themen, die mich immer ergreifen, emotional packen und mich und mein Verhalten in Frage stellen."

Dieses "Zuviel" kann Claudia Mühlbacher nicht akzeptieren. Aus gutem Grund: "Es geht ja nicht nur um historisches Wissen, sondern vor allem um die Frage: Wie soll unsere Zukunft aussehen? Und was können wir tun, um uns für eine menschenfreundliche, tolerante Gesellschaft einzusetzen, die Vielfalt nicht als Bedrohung ansieht?" Eigentlich ist, meint sie, doch gerade das ein Thema, das ihre Generation beschäftigen müsste, weil sie es in der Hand habe, etwas zu bewirken. Die Vikarin hadert mit den Vertretern der Kirchen, die, wie sie sagt, nicht mehr ihr Stimme erhoben haben gegen das zutiefst dem christlichen Glauben und der Menschenwürde widersprechende NS-Regime. Gegen Alfred Schemmel übrigens ermittelte der Staatsanwalt nach Kriegsende wegen Verdachts der Beteiligung an Tötungsverbrechen in Auschwitz. Das Verfahren wurde eingestellt, weil Schemmel nicht auffindbar war. Als die Zentrale Stelle der Justizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg 1988 wieder auf seine Spur stieß, war er schon tot.

In der aktuellen Debatte über Pflichtbesuche an KZ-Gedenkstätten für deutsche Schüler und Migranten vertritt Claudia Mühlbacher einen klaren Standpunkt: Ein verpflichtender Besuch werde eher eine ablehnende und trotzige Haltung hervorrufen, für alle Menschen jeder Herkunft. "Auch wenn ein Besuch der Gedenkstätten eine viel tiefere und berührende Beschäftigung ermöglichen kann, als ein Schulbuch das könnte. Doch mit einer ablehnenden Haltung wird vielleicht auch das nicht gelingen. Und viele Schulen sind da ja genau dieser Meinung und organisieren eine Fahrt zu den Gedenkstätten." Sie stellt eher die Frage danach, was getan werden müsse, um die Arbeit der KZ-Gedenkstätten den Verantwortlichen in Erziehung und Bildung nahe zu bringen? "Ich denke an Fortbildungen für Lehrer oder Pfarrer, Arbeitshilfen zur Vor- und Nachbereitung eines KZ-Besuchs, der Besuch von Bildungseinrichtungen, um zu erzählen, welchen Sinn die Arbeit der Gedenkstätten hat und um Rede und Antwort zu stehen.

Claudia Mühlbacher freut sich, wie sie erklärt, besonders auf den Kontakt zu vielen Menschen, vor allem auch jungen Menschen, die vielleicht sonst nicht so viel mit Kirche zu tun haben. Vielleicht findet sie in Dachau eine Antwort auf die Frage, die sie schon länger beschäftigt: "Wie bekommen wir als Kirche einen Zugang zu Kirchendistanzierten? Und ich glaube, das ist ein Weg: Miteinander auf Augenhöhe reden über Gott und die Welt, wie sie ist, wie sie war und wie wir sie in Zukunft gestalten wollen."

Die angehende Pastorin wird in Dachau zwei Projekte zur Unterstützung der Erinnerungsarbeit der Kirchengemeinden betreuen: Zum einen die Erinnerung an 80 Jahre Novemberpogrome im Jahr 2018 und 75 Jahre Kriegsende im Jahr 2020. Außerdem erforscht sie im Rahmen ihrer Promotion über "Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg und die bayerische Landeskirche" die Geschichte der Flüchtlinge, die im Herbst 1948 auf dem ehemaligen KZ-Gelände untergebracht wurden. In welcher angemessenen Form soll an die nach dem Krieg Vertriebenen aus Mittel- und Osteuropa erinnert werden - dieser Frage wird Claudia Mühlbacher in Dachau nachgehen.

Claudia Mühlbacher wird die Hälfte der Aufgaben von Björn Mensing, der Pfarrer an der Versöhnungskirche bleibt, übernehmen, also Gottesdienste halten, Führungen, Zeitzeugengespräche und vieles mehr in der bisherigen Zusammenarbeit mit dem Diakon Klaus Schultz organisieren und leiten. Am Holocaust-Gedenktag vergangenen Samstag war sie im Rathaus dabei. Aber Dachau kennt sie ohnehin schon von privaten Besuchen. Ihr Onkel hat bis vor kurzem in der Stadt gewohnt. Dachau gefalle ihr sehr gut, besonders natürlich die schöne Altstadt.