KZ-Gedenkstätte Dachau Eine heikle Kopie

Bereits 65 Stunden lang hat Michael Poitner an der Kopie der Tür für die KZ-Gedenkstätte gearbeitet.

(Foto: Toni Heigl)
  • Die Kopie für die gestohlene Tür aus der KZ-Gedenkstätte Dachau wird von Kunstschlosser Michael Poitner in Biberach hergestellt.
  • Die Arbeit an der Replik ist zu 65 Prozent fertig. Als Vorlage dienten alte Fotos aus dem Jahr 1936 und aktuelle Fotos von Touristen.
Von Viktoria Großmann und Jana Korff, Dachau / Röhrmoos

Der Ersatz für die gestohlene Tür aus der KZ-Gedenkstätte Dachau kommt aus dem Röhrmooser Ortsteil Biberbach. Dort arbeitet seit einigen Wochen Kunstschlosser Michael Poitner an der Replik der Tür mit der Aufschrift "Arbeit macht frei", die am 2. November des vergangenen Jahres gestohlen worden war. Weil es derzeit als aussichtslos gilt, dass die Tür jemals gefunden wird, hatte die Stiftung Bayerische Gedenkstätten im Februar beschlossen, eine Kopie anfertigen zu lassen. Zu den Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Ende April soll kein Loch am Eingang zum ehemaligen Lager klaffen.

Noch liegt die Replik in Einzelteilen auf Poitners Arbeitstisch. 65 Arbeitsstunden haben er und der Kunstschmiedgeselle Werner Trinkl bisher in die Kopie investiert. Nun sind sie mit der Arbeit, wie sie sagen, zu etwa 65 Prozent fertig. Durch alte Fotos aus dem Jahr 1936 und aktuelle Fotos von Touristen versuchen die Handwerker, das Tor getreu dem verschollenen Original nach zu bauen.

Die Aufschrift soll weiter an die Verbrechen erinnern

Im Sinne der Überlebenden hatte sich die Stiftung Gedenkstätten für eine möglichst originalgetreue Replik entschieden. Es sei der ausdrücklich Wunsch der Überlebenden gewesen, dass die zynische Aufschrift "Arbeit macht frei" an der Gedenkstätte wieder zu sehen sei. So sagt es Karl Freller, Direktor der Gedenkstättenstiftung. Die Menschenverachtung, die darin zum Ausdruck kommt, soll die Besucher weiterhin an die Verbrechen erinnern, die im Lager begangen wurden. Etwa 200 000 Menschen wurden von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 in dem Lager gefangen gehalten, etwa 41 500 starben.

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Die Tür zu reproduzieren, ist eine heikle Aufgabe. Poitner hat lange darüber nachgedacht, was es für ihn bedeutet, eine nationalsozialistische Arbeit nachzubilden. "Ich hatte zuerst Bedenken", sagt der Schlosser, "aber letztendlich ist es ein Objekt für die Gedenkstätte und eine rein positive Sache."

Kurz nach der Entscheidung, eine Kopie anfertigen zu lassen, hatte es im Stiftungsrat eine Diskussion darüber gegeben. Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, stellte sich gegen den Beschluss. Sie wollte die Lücke als Leerstelle und Mahnmal erhalten; im Falle einer Rekonstruktion empfahl sie ein Material, das sich sichtbar vom Material des gesamten Tores unterscheide. Wie auch der Historiker Wolfgang Benz, der dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung angehört, fürchtet sie um die Authentizität des Gedenkortes, wenn die Geschichte durch Kopien veranschaulicht wird. Karl Freller sagt dazu, dass grundsätzlich an dem einst gefassten Beschluss, keine Reproduktionen für zerstörte Teile der Anlagen in Dachau und Flossenbürg einzusetzen, festgehalten werde. Der Diebstahl der Tür sei jedoch ein Ausnahmefall. Auch der entwendete Schriftzug war bereits eine Replik aus dem Jahr 1972. Die schmiedeeiserne Tür selbst - etwa 190 Zentimeter hoch, 95 Zentimeter breit und 100 Kilo schwer - soll das Original gewesen sein.

Ein Prestige-Auftrag für den Schmied

Für Michael Poitner ist der Auftrag der Gedenkstättenstiftung auch eine Prestige-Sache. Aus vier Bewerbern wurde Poitners Betrieb ausgewählt. Er machte der Stiftung Bayerische Gedenkstätten das günstigste Angebot - nicht, weil er so billig arbeiten kann, sondern weil er den Auftrag unbedingt haben wollte, sagt Poitner. Der Kunstschmiedemeister wurde in der Berufsschule Dachau ausgebildet, die Geschichte des Ortes ist ihm wichtig. Über einen Austausch reiste er als Berufsschüler nach Oświęcim - und setzte sich dabei mit der Geschichte der Konzentrationslager auseinander.

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Zumindest für "die nächste Zeit", sagt Karl Freller, soll die Kopie die Lücke im Tor am Jourhaus schließen. Eine neue Diskussion um den Umgang mit dem Diebstahl will Freller nicht ausschließen. Sollte die gestohlene Tür wider Erwarten noch gefunden werden, müsse ohnehin neu besprochen werden, wie man damit umgehen wolle.

Spätestens bis zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau am 29. April soll die Kopie eingesetzt sein. Zu den Gedenkfeierlichkeiten am 3. Mai werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und etwa 200 Überlebende erwartet.