Kommentar Abitur ist nicht der einzige Weg

Akademiker braucht das Land, heißt es immer wieder. Die Ausbildung von Fachkräften ist aber genau so wichtig

Von Viktoria Großmann

Eigentlich sollte jede Familie froh sein, die einen Friseur oder eine Köchin in der Familie hat. Die braucht man im Zweifel häufiger als Arzt und Rechtsanwalt. Doch dass Handwerk goldenen Boden hat, daran scheinen viele Eltern nicht mehr zu glauben. So erleben es jedenfalls viele Ausbildungsbetriebe. Die IHK macht dafür auch die Bildungspolitik verantwortlich. Viel zu lange habe man sich an OECD-Studien orientiert und die Forderung nach Akademikern abgeleitet. Dabei hat Deutschland etwas Einzigartiges zu bieten, einen weiteren Exportschlager: die duale Ausbildung. In Praxis und Berufsschule zum Fachmann. Anderswo muss man dafür vielleicht wirklich studieren.

"Es kann nicht immer nur ums Gymnasium gehen", sagt die Grüne Bundestagsabgeordnete für Dachau und Fürstenfeldbruck, Beate Walter-Rosenheimer. Sie fordert Investitionen in Berufsschulen und ein ausreichendes Lehrlingsgehalt. Doch Mittelschulen und Realschulen brauchen nicht nur ebenfalls Geld, sondern auch Aufmerksamkeit und Anerkennung für ihre Abschlüsse. Das Gymnasium ist nicht der einzige Bildungsweg und sollte nicht zur Gesamtschule werden. Auch Praktiker sind gefragt: Kommunikationstalente, Kreative, Fingerfertige.

Eine Studienabbrecherquote von 32 Prozent an Universitäten und 27 Prozent an Fachhochschulen, wie sie das Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) im Juni vermeldete, gibt den Kritikern recht, die eine allzu starke Fokussierung auf die akademische Laufbahn sehen. Wer Fachkräfte will, darf nicht nur das Gymnasium fördern. Zumal das DZHW zugleich herausfand, dass viele Studienabbrecher recht schnell erfolgreiche Lehrlinge werden. Dieser Umweg muss nicht sein. Ausbilder und Verbände wie IHK und Handwerkskammer im Landkreis haben erkannt, dass es keinen Sinn hat, zu jammern. Sie nehmen ihre Geschicke in die Hand, lassen ihre Lehrlinge in Schulen aus ihrem Arbeitsalltag erzählen oder fördern Lerneinrichtungen wie den Mint Campus in Dachau. Sie suchen sich bereits ihren Weg zu den Schülern. Nun kommt es auch auf Eltern und Jugendliche an, zu erkennen, dass ihnen Handwerks- und Lehrberufe auch frühe Selbständigkeit und gerade im Großraum München sehr gute Beschäftigungsaussichten sichern. Nicht zuletzt, auch wenn Betriebe ihre Ausgelernten ungern gehen lassen, ist eine Lehre für einige Studiengänge die ideale Grundlage. Auch international sind deutsche Fachleute gefragt. Welcher Rechtsanwalt kann das schon von sich behaupten?