Serien-Star Aufgedreht

Im beschaulichen Ottershausen aufgewachsen, in Dachau daheim, in der Schauspielerei zu Hause: Die Kurzfassung zu Sarah Thonigs Leben.

(Foto: Markus Nass/oh)

Mit Kindertheater fing es an, heute hat Sarah Thonig aus Dachau eine feste Rolle in der ZDF-Serie "Rosenheim Cops".

Von Julian Erbersdobler, Haimhausen / München

Alfred-Hitchcock-Straße, Bavaria Filmstudios Grünwald, Studio 13. Sarah Thonig schickt ihren Standort per WhatsApp und einen Smiley mit Heiligenschein: Die "Rosenheim Cops" sind früher mit dem Drehen fertig als geplant. Sarah, weiße Sneaker, Rock, Baseball-Cap, hat ein Eis in der Hand, als sie zum vereinbarten Treffpunkt kommt. Sie lächelt. Während am Set gerade Aufbruchstimmung herrscht, zeigt sie stolz ihren Arbeitsplatz: die Studiokulissen der Polizeidirektion Rosenheim. Sarah Thonig spielt seit Anfang Mai 2014 Christin Lange, die den beliebten ZDF-Cops Akten reicht und Kaffee kocht.

Ihre erste Rolle: Julia

Das Ländliche ist der Dachauerin nicht fremd: Aufgewachsen ist Thonig, wie sie sagt, als "Dorfpflänzchen" in Ottershausen. Jenem Ortsteil von Haimhausen, in dem es zwar fast 1000 Einwohner, aber ganz bestimmt keine Alfred-Hitchcock-Straße gibt. Sarah erinnert sich an den Bauernhof nebenan, an Enten, Gänse und wild gewordene Schafe. Aber auch an die vielen Kulturreisen. "Meine Mutter hat Flugangst, da war Malle nicht drin." Stattdessen ging es nach Weimar oder ins Wiener Burgtheater. Die Eltern gründeten eine Kindertheatergruppe und bald musste die Eisenbahn im Keller einem "Probenraum" weichen. Sarahs erste Rolle: Romeos Julia, kurz nach der Einschulung.

Inzwischen hat die 23-Jährige also schon einige Jahre als Schauspielerin Erfahrungen gesammelt - trotzdem wirkt sie, als sie durch die Filmkulissen führt, als hätte sie ihren ersten Tag als Praktikantin. Keine Spur von Routine. Immer wieder bleibt sie stehen, grinst, gestikuliert wild, kommt aus dem Schwärmen nicht heraus. Die kleinen Tricks des Fernsehens zaubern ihr ein Lächeln ins Gesicht. "Ich sitze selber jeden Dienstag vor dem Fernseher und schaue die Rosenheim Cops", sagt sie.

Nach dem kleinen Rundgang wird für die Darstellerin ein Taxi bestellt, am Abend geht es weiter zum Grillen nach Ampermoching. Vorher werden noch alle Set-Kollegen umarmt. Kult-Kommissar Joseph Hannesschläger verabschiedet sie mit einem lang gezogenen "Liiiiiiebling" ins Wochenende. Bei einem Zwischenstopp in einem Café am Münchner Hauptbahnhof gibt es Zeit für ein längeres Gespräch.

"Eine Frechheit, wie viel Glück ich hatte"

Mit zwölf Jahren wächst Sarah Thonig schon aus dem Kindertheater heraus: da ist sie zum ersten Mal in einer ARD-Komödie zu sehen, 20.15 Uhr, Primetime. Als einziges Kind am Set gehört sie schnell zur Schauspielfamilie. "Das war ein totales Geschenk." Ein paar Wochen später bummelt sie für einen Imagefilm durch das schöne Salzburger Land. "Eine Frechheit, wie viel Glück ich hatte", sagt sie heute. Zu dieser Zeit zieht es ihre Familie in "die große Stadt": Dachau. Sarah besucht das Josef-Effner-Gymnasium und entdeckt ihre Liebe für das Schultheater.

Der nächste Schritt folgt nach dem Abitur: Zwei Jahre lang probt Sarah im Ensemble des jungen Residenztheaters in München den Alltag als Schauspielerin. "Die Zeit war für mich wie ein Knackpunkt", sagt sie heute. "Da wurde mir endgültig klar: Das ist mein Ding!" In einer Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Stück "Katzelmacher" muss sie über ihren Schatten springen: Sarah als singende Ingrid. Am Ende, kurz vor der großen Premiere im Münchner Marstalltheater, habe sie "sogar in der Rolle geträumt". Den Traum, eine eigene Agentin zu haben, traut sie sich erst später zu leben, 2013. Dann nimmt sie ihren Mut, alle Referenzen und Bilder zusammen und schreibt Patricia Kastner, Schauspielmanagement Creative Movie Actors - die "beste E-Mail meines Lebens".

Ihre Bilder stehen auf der Agenturseite gerade eine Woche online, als ihr die erste Rolle angeboten wird. Die Teenie-Soap "Hotel 13" sucht kurzfristigen Ersatz für eine Hauptdarstellerin; Sarah Thonig macht sich keine Hoffnungen, als sie die E-Mail mit ihren Szenen abschickt. 72 Stunden später wohnt sie in Antwerpen, Belgien, und dreht die ersten Bilder als Liv. Ihr erster Gedanke: "Oops, eigentlich wollte ich morgen aufs Dachauer Volksfest." Der zweite: "Oh. Mein. Gott!"

Dass "Hotel 13" so etwas wie das Tokio Hotel der Kinderfernsehserien ist, stört die Schauspielerin nicht. Sie signiert Poster, schreibt Steckbriefe, wird von Teenies angehimmelt. In einem Youtube-Video springt sie mit zwei Kollegen aus einem Kühlschrank. Einen Klick weiter haben die jungen Schauspieler den Mund voller Marshmallows, während zwei überdrehte Moderatoren fragen, wen sie cooler finden: Miley Cyrus oder Selena Gomez?

Miss Quasselstrippe

Thonig lacht, als sie über die Promo-Aktionen spricht. Und auch in der Rolle als 15-jährige "Miss Quasselstrippe" geht sie voll auf - Sarah braucht wie Liv keine Satzzeichen, erzählt und erzählt, von damals, von heute, von morgen. Das halbe Jahr in Belgien sei bis jetzt die schönste Zeit ihres Lebens gewesen, sagt sie. Nach Antwerpen geht es zurück in die Heimat, dann weiter nach Köln: Sarah macht ein Praktikum bei einer Produktionsfirma, will alle Seiten des Geschäfts verstehen, bis sie fast gleichzeitig zwei Rollen in namhaften Serien angeboten bekommt - und zusagt: zuerst bei den "Rosenheim Cops", Drehort München und Rosenheim, wenig später übernimmt sie auch noch eine Gastrolle bei "Alles was zählt" in Köln.

Was ihr besonders an dem Job gefällt? "An einem Tag spiele ich das nette Mädchen von nebenan, am nächsten eine Zicke, die alte Typen aufreißt - das macht für mich den Reiz aus." Daheim, in Dachau, muss sie keine Rolle spielen, erzählt Sarah. Daheim spaziert sie auch einfach gern durch die Altstadt, geht zum Schloss oder mit ihren Freunden ins Kino. Daheim sitzt sie am Sonntagabend vor dem Tatort, und zwar jeden Sonntag. Sie sagt: "Ich brauche die beiden Welten: Dachau und das Drehen." Nach gut zwei Stunden verabschiedet sie sich: Ihre Freunde warten schon in Ampermoching, weit weg von Kameras und Straßen, die nach Filmgrößen benannt wurden.