Gauland-Rede Verteidigung der Erinnerungspolitik

Stiftungsdirektor Freller und Gedenkstätten kritisieren AfD

Von Helmut Zeller, Dachau/München

Karl Freller, Direktor der bayerischen Gedenkstättenstiftung, hat den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland scharf kritisiert. Gauland hatte beim Bundeskongress der Jungen Alternative in Seebach gesagt: "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte." Als Dienstherr der KZ-Gedenkstätten Flossenbürg und Dachau sagte Freller: "Wer die gezielte Ermordung von mehr als sechs Millionen Menschen und die widerlichste und menschenverachtendste Diktatur auf deutschem Boden, die zu mehr als 50 Millionen Kriegsopfern führte, als kleine Randerscheinung der Geschichte abtun möchte, verhält sich selbst widerlich menschenverachtend."

Karl Freller, der stellvertretender Vorsitzender der CSU-Fraktion im bayerischen Landtag ist, nannte die Äußerung Gaulands "ekelerregend". Und weiter: "In den zwölf Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft geschahen die schlimmsten Verbrechen der Menschheit" - Gauland relativiere diese Verbrechen und stelle sich außerhalb des demokratischen Spektrums. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, erklärte dazu: Die Aussage von Gauland verhöhne die Opfer von Krieg und Vertreibung genauso wie die Opfer der Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis, die Millionen ermordeter Juden, Sinti und Roma und vieler anderer Minderheiten. Sie verhöhne das daraus resultierende anhaltende Leid und die bleibende Trauer, die die Menschen in Deutschland bis heute prägten. "Gaulands Haltung zeugt von einer menschenverachtenden Ideologie, die in Wahrheit deutschlandfeindlich ist", so Charlotte Knobloch.

Natürlich habe er sich, erklärte Freller, lange überlegt, ob man mit öffentlicher Kritik der AfD nicht weitere Aufmerksamkeit schenke. "Aber man kann zu so einer gravierenden Entgleisung einfach nicht schweigen." Der Weimarer Historiker Volkhard Knigge warnt sogar davor, derartige Ausfälle als Provokationen zu verharmlosen. "Sie meinen, was sie sagen", erklärte der Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora am Dienstag dem epd. Es sei an der Zeit, ernst zu nehmen, was etwa die vom Thüringer AfD-Chef Björn Höcke geforderte Kehrtwende in der Erinnerungskultur bedeute. "Sie wollen eine andere Gesellschaft", sagte Knigge. Gauland habe "einmal mehr den bürgerlichen Schleier vor der AfD herunter gerissen und das rechtsnationalistische Denken, das die Partei in wesentlichen Teilen prägt, und den Demokratie verachtenden Kern ihrer Programmatik offenbart". "Mit all unseren historischen, ethischen, rechtlichen und politischen Erfahrungen müssen wir dem entgegentreten", fordert Knigge, wissenschaftlicher Leiter des Dachauer Symposiums zur Zeitgeschichte.

Der Einzug der rechtspopulistischen AfD in den Bundestag 2017 lässt die KZ-Gedenkstätten in Deutschland einen "schweren Schaden für die Erinnerungskultur" befürchten. Im September 2017 warnten die Leiter von zehn Gedenkstätten vor der befürchteten Wahl eines AfD-Abgeordneten zum Vorsitzenden des Kulturausschusses: "Die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen ist ein unverzichtbarer Bestandteil des demokratischen Selbstverständnisses der Bundesrepublik Deutschland. Sie wird von maßgeblichen Funktionsträgern der AfD infrage gestellt", hieß es schon damals.