Dachauer Delegation besucht Partnerlandkreis Der unbedingte Wille zur Freundschaft

Landrat Stefan Löwl (CSU) und seine Polen-Beauftragte Marese Hoffmann von den Grünen sehen in Landrat Zbigniew Starzec aus Oświęcim einen Garanten von Demokratie und Völkerverständigung. Dabei richtet dessen Partei gerade die Rechtsstaalichkeit Polens zugrunde

Von Helmut Zeller, Dachau/Oświęcim

Der polnische Landrat Zbigniew Starzec hat nicht lange gezögert: Ein Arzt musste her. Starzec rief telefonisch einen Freund zur Hilfe, zufällig einen Orthopäden, der das kranke Knie von Marese Hoffmann zumindest so weit stabilisierte, dass die Grünen-Kreisrätin bei ihrem Besuch in Dachaus Partnerlandkreis Oświęcim ohne Krücken auskam. Dieses Erlebnis, das Marese Hoffmann nach ihrer Rückkehr schildert, hat ihre Verbundenheit mit dem polnischen Kollegen von Landrat Stefan Löwl (CSU) selbstredend noch vertieft. Überhaupt erfreut sich die Partnerschaft der beiden Landkreise, die im August 2015 besiegelt wurde, großer Lebendigkeit. Eine Dachauer Delegation besuchte auch in diesem Jahr das Life-Festival Oświęcim - und die Partnerschaftsbeauftragte Marese Hoffmann gerät ins Schwärmen, wenn sie von dem Besuch in Polen erzählt.

Die Grünen-Kreisrätin will die Landkreispartnerschaft als eine gute und wichtige Sache darstellen, denn auf Dachauer Seite werden immer wieder skeptische Stimmen laut. Der Abschluss des Partnerschaftsvertrags vor zwei Jahren verblüffte sogar Parteifreunde des Landrats. Schließlich hatten Jahrzehnte davor - unter größtmöglicher Unterstützung seines Vorgängers Hansjörg Christmann - die Stadt Dachau und vor allem Dachauer Künstler eine fruchtbare Verbindung mit der Stadt Oświęcim aufgebaut. Dass nun Stefan Löwl auf Landkreisebene quasi eine Parallelveranstaltung aufgezogen hat, erweckte unter Stadträten und Künstlern gelinde gesagt Verwunderung. Und dann ist da noch Zbigniew Starzec: Der Kommunalpolitiker ist Mitglied der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) - und ihre Politik steht ja nun nicht gerade für Offenheit und Europafreundlichkeit.

Heiko Klohn signiert das von ihm entworfene Wandgemälde für Oświęcim.

(Foto: Bernadetta Czech-Sailer)

Aber nein, sagt Marese Hoffmann. " ...denn auch diese Begegnung war wieder von außergewöhnlicher Herzlichkeit, Offenheit und Freundschaft geprägt. Gerade wegen der anhaltenden politischen Differenzen mit der polnischen Regierung ist es umso bedeutender, alle Polen zu unterstützen, die weder nationalistisch, rassistisch, religiös fanatisch, sondern solidarisch und weltoffen sind." Und Zbigniew Starzec sei so ein Mann, wie auch Landrat Löwl betont hat. Auf jeden Fall habe Starzec erneut betont, er kenne kein europäisches Festival, das so eine eindeutige Friedensbotschaft in die Welt sende. Er werde dafür kämpfen, dass es das Life-Festival Oświęcim weiter geben werde.

Nach einem "Fest mitreißender Musik und ausgelassener Fröhlichkeit" (Hoffmann), auf dem auch die Vierkirchner Band Kandinsky neben den Großen wie Scorpions und Shaggy spielte, besuchte die Delegation mit Landrat Starzec die KZ-Gedenkstätte Auschwitz. "Bei der Kranzniederlegung betonte Landrat Löwl im Gedenken an die Millionen Opfer der Nazigewalt die Verpflichtung zu einer wehrhaften, mutigen Demokratie." Apropos: Der diesjährige Besuch der Delegation fiel mit einem Ereignis zusammen, das einem Schauer über den Rücken laufen lassen kann. Die polnische Regierungschefin Beata Szydło - Starzecs Parteifreundin - hat mit dem Gedenken an die Opfer von Auschwitz ihre Anti-Flüchtlings-Politik zu rechtfertigen versucht. Sie sagte in Auschwitz: "In unserer turbulenten Zeit müssen wir aus Auschwitz die Lehre ziehen, dass wir alles tun müssen, die Sicherheit und das Leben unserer Bürger zu verteidigen." Heute gehen Forscher davon aus, dass mindestens 1,3 Millionen Menschen nach Auschwitz deportiert wurden. 1,1 Millionen von ihnen starben. Etwa eine Million der Getöteten waren Juden. Außerdem kamen mindestens 70 000 Polen, 21 000 Roma, 14 000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 10 000 Tschechen, Belarussen und andere Opfer ums Leben.

Es würde Starzecs politischer Karriere wohl nicht bekommen, wenn er gegen den Zynismus seiner Regierungschefin seine Stimme erheben würde. Die Dachauer hätten indes nichts zu befürchten - außer vielleicht, dass sie im nächsten Jahr nicht mehr das Festival genießen könnten. Ganz auf Regierungslinie liegt dagegen das geplante Museum neben der staatlichen Gedenkstätte Auschwitz. Vertreter des Kulturministeriums und des Landkreises Oświęcim unterschrieben am 14. Juni eine Absichtserklärung zur Gründung des Museums "Gerechte aus der Gegend von Auschwitz", wie die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) bestätigte. "Es gibt immer noch zu wenige Informationen über diejenigen, die den Häftlingen geholfen haben", sagte Landrat Starzec. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau erinnert bereits an 1200 solcher Helfer. Yad Vashem ehrt 6600 Polen, die Juden retteten, als "Gerecht unter den Völkern" - so viele wie aus keiner anderen Nation. Die Initiative zu dem neuen Museum ging von Lokalpolitikern aus. Dariusz Libionka, Historiker beim "Polnischen Zentrum für Holocaust-Forschung", sieht das skeptisch, da das neue Museum die besondere polnische Geschichtspolitik fördern könnte - und die sieht so aus: Wer die Beteiligung von christlichen Polen am Massenmord an Juden erforscht oder publiziert, muss mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen. Wie der Historiker Jan T. Gross, gegen den der Generalstaatsanwalt Ermittlungen wegen Verleumdung des polnischen Volkes eingeleitet hat.

Die Delegation durfte dagegen, wie Hoffmann schreibt, "auch die Bewältigung der Alltagsaufgaben des Landkreises Oświęcim kennenlernen". Kreisbrandrat Franz Bründler war beeindruckt von der neuen Zentrale und Topausrüstung der Berufsfeuerwehr von Oświęcim. Auf dem Programm stand auch der größte Erlebnispark Polens, "Energyland", im Partnerlandkreis. Hoffmann will gerade in einer Zeit des Demokratieabbaus durch die rechtskonservative polnische Regierung den Dialog retten - auch zur Stärkung der Zivilgesellschaft in Polen.

Und so kehrte man "überwältigt von Eindrücken und Emotionen" zurück in die kleine Dachauer Welt.