Ausstellung zum Dachauer Aufstand 1945 Von der SS erschossen

Am 14. September enthüllten Dachaus Bürgermeister Ludwig Ernst und Landrat Josef Schwalber die Gedenktafel zu Erinnerung an den Dachauer Aufstand.

(Foto: Hans Holzhaider/oh)

Am Ende des Dachauer Aufstands lagen sieben Männer tot vor dem Rathaus. 40 weitere wurden verhaftet. Am Abend des 28. April kam ein Polizist- und schickte die Überlebenden nach Hause.

Von Hans Holzhaider

Es gibt keinen Bericht von der Veranstaltung, die am 14. September 1947, einem Sonntag, auf dem Platz vor dem Dachauer Rathaus stattfand. Nur die Einladung im "Dachauer Anzeiger" vom 11. September ist erhalten geblieben: "Zum Tag der Opfer des Faschismus", heißt es dort, werde um zehn Uhr am Rathausplatz eine Gedenktafel "zu Ehren der am Dachauer Aufstand Gefallenen" enthüllt. Die Bevölkerung des ganzen Kreises sei herzlichst eingeladen und werde gebeten, dem Anlass entsprechend zu beflaggen.

Als Redner wurden angekündigt Herr Ludwig Schmitt, der Vorsitzende der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" (VVN), der Bürgermeister der Stadt Dachau sowie ein "Kämpfer der Widerstandsbewegung". Nachmittags um 15 Uhr werde auf dem Waldfriedhof eine Gedächtnisfeier "aller zugelassenen antifaschistischen Parteien" mit Kranzniederlegung stattfinden. Unterzeichnet ist die Einladung von der VVN, der CSU, der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der SPD. Es war eine Zeit, in der die Christlich-Sozialen es noch nicht als ehrenrührig empfanden, als antifaschistische Partei zu firmieren und gemeinsam mit den Kommunisten der Opfer des Naziregimes zu gedenken.

Die Tafel, die an jenem Tag enthüllt wurde, befindet sich noch am selben Platz; sorgfältig gereinigt im Zuge der Renovierung der Sparkasse, aber seitdem noch unauffälliger als zuvor: "Von der SS erschossen im Befreiungskampfe am 28. April 1945 wurden an dieser Stelle Friedrich Dürr, Anton Hackl, Erich Hubmann, Anton Hechtl, Hans Pflügler, Lorenz Scherer."

Die Gedenkstafel mit den Namen der Männer, die beim Dachauer Aufstand ums Leben kamen.

(Foto: oh)

Der 28. April 1945: Ein kühler, regnerischer Samstag. Jedermann, der nicht bewusst die Augen vor der Realität verschloss, musste wissen, dass das Ende der Naziherrschaft unmittelbar bevorstand. Drei Tag zuvor waren bei Torgau an der Elbe zum ersten Mal amerikanische und sowjetische Kampfverbände zusammengetroffen. Am frühen Morgen des 26. April hatten amerikanische Truppen bei Neuburg, Ingolstadt und Kelheim die Donau überquert. Wie überall in Deutschland machten sich auch in Dachau Menschen Gedanken darüber, wie sie die Stadt und ihre Bürger vor sinnlosen Opfern und Zerstörung bewahren konnten. Aber in Dachau ging es um mehr als den Schutz der Zivilbevölkerung.

Im Konzentrationslager harrten noch immer mehr als 30 000 ausgehungerte, oft schwer kranke Gefangene auf ihre Befreiung. Noch immer übte die SS die Kontrolle über das Lager aus. Wie würden die Truppen sich verhalten, wenn die Amerikaner anrückten? Es gab Gerüchte, der oberste SS-Führer Heinrich Himmler habe befohlen, kein Häftling dürfe lebend in die Hand des Feindes fallen. Noch am 26. April schickte die SS fast 7000 Gefangene auf einen Todesmarsch nach Süden. Vor den Toren des Konzentrationslagers stand ein Güterzug mit 40 Waggons, in denen etwa 2000 ausgemergelte Leichen lagen - Gefangene aus dem KZ Buchenwald, die nach dem Willen der SS eher sterben als freikommen sollten.

Schon seit Monaten hatten der Maurer Jakob Schmid und sein Freund, der Glasmaler Syrius Eberle, Pläne geschmiedet, wie man eine Verteidigung Dachau verhindern könne. Schmid war Sozialdemokrat, bis 1933 saß er für die SPD im Stadtrat. Nach Hitlers Machtergreifung wurde er mehrere Wochen im KZ festgehalten. Eberle war eher ein Bürgerlicher, er hatte nichts mit den Linken am Hut. Schon hier zeigt sich eine Besonderheit des Dachauer Aufstands: Es waren ganz unterschiedliche Kräfte, die daran mitwirkten. Zweifellos hatten die alten Nazi-Gegner den größten Anteil: Jakob Schmid, der aufrechte Sozialdemokrat; Georg Andorfer, früher Führer des "Reichsbanners", der sozialdemokratischen Schutztruppe; Georg Scherer, Kommunist, der selbst mehr als fünf Jahre im KZ Dachau verbracht hatte.

Aber auch eine Reihe von Nazi-Mitläufern und sogar Funktionären waren in die Pläne eingeweiht: Der Zweite Bürgermeister Hans Zauner, der Polizeichef Georg Engl, der Tabakwarenhändler Michael Ebenburger, Mitglied der SA. Über ihre Motive kann man nur spekulieren: Sicherlich machten sich viele Mitläufer und Anhänger der Nazis zu diesem Zeitpunkt schwere Sorgen, wie es mit ihnen nach dem unvermeidlichen Zusammenbruch weitergehen könnte.

Schmid und Andorfer hatten vereinbart, möglichst viele der ehemaligen Genossen aus der SPD und dem Reichsbanner für eine Widerstandsaktion zu rekrutieren, wenn der Einmarsch der Amerikaner unmittelbar bevorstand. Georg Scherer verfolgte vor allem das Ziel, möglichst viele KZ-Häftlinge vor dem ungewissen Schicksal zu bewahren, das die SS für sie vorgesehen hatte.

Und dann gab es noch den Volkssturm: Hitlers letztes Aufgebot für die Verteidigung des Vaterlandes. Etwa 130 Mann, überwiegend Landwirte aus dem Dachauer Hinterland, denen es bestimmt nicht an der Wiege gesungen wurde, dass sie einmal als Widerstandskämpfer in die Geschichte eingehen würden. Sie waren in der alten Turnhalle in der Brunngartenstraße stationiert. Bataillonskommandeur des Dachauer Volkssturms war Josef Einöder, Kompaniechef Josef Lerchenberger (der spätere langjährige CSU-Vorsitzende), Kompaniefeldwebel der Tabakhändler Ebenburger. Wer den Anstoß gab, blieb nach dem Krieg umstritten - aber es gab eine Übereinkunft, dass der Volkssturm, wenn es denn soweit wäre, nicht zur Verteidigung Dachaus, sondern zur Ausschaltung der Nazi-Funktionäre eingesetzt werden sollte.

Am 25. April war einer Gruppe von KZ-Häftlingen mit Georg Scherers Unterstützung die Flucht aus dem Lager gelungen. Sie versteckten sich in einer Scheune bei Mitterndorf, in der Nähe von Scherers Wohnung in der Brucker Straße. Erst am Vorabend des 28. April erfuhr Scherer, dass es noch mindestens eine zweite Gruppe in Dachau gab, die einen Putsch plante, ebenso wie Jakob Schmid und Georg Andorfer zuvor noch nichts von Scherers heimlichen Aktivitäten mit den KZ-Häftlingen wussten. Und dann überstürzten sich die Ereignisse.

Denn in der Nacht zum 28. April versuchte eine Gruppe von Wehrmachtsoffizieren in München unter Führung des Hauptmanns Rupprecht Gerngroß, die Nazis zu entmachten. Sie besetzten die Rundfunksender Erding und Freimann und riefen zur "Fasanenjagd" auf - "Fasane" nannte man die Nazi-Funktionäre mit den goldenen Schultertressen. Und nun sahen sich die Dachauer Verschwörer in Zugzwang, obwohl die Front noch mindestens einen Tag zu weit entfernt stand. Scherer alarmierte seine KZ-Flüchtlinge, Jakob Schmid und Georg Andorfer schickten Boten zu ihren alten Genossen, und Andorfer übernahm von Josef Lerchenberger die Volkssturm-Kompanie, um das Rathaus und das Landratsamt zu besetzen und die Straßenzugänge zum Rathausplatz zu sichern.

Alles schien nach Plan zu verlaufen. Die Polizei blieb passiv, wie ihr Chef Engl es versprochen hatte. NSDAP-Kreisleiter Hermann Nafziger und der SS-Bürgermeister Hans Bäumer waren in heller Aufregung, aber hilflos. Nur einen Zwischenfall gab es: Heinrich Niederhoff, SA-Mann und Angestellter im Wirtschaftsamt der Stadt, versuchte mit einer Maschinenpistole ins Rathaus einzudringen. Er wurde nach kurzem Handgemenge erschossen.

Es hätte alles gut gehen können - wenn nicht im Gasthof Hörhammer ein paar Tage zuvor ein hoher SS-Offizier mit großem Gefolge abgestiegen wäre. Seine Identität ist nicht geklärt, aber es könnte Oswald Pohl gewesen sein, der Inspekteur aller Konzentrationslager, einer der Hauptkriegsverbrecher, die später in Nürnberg zum Tode verurteilt wurden. Wer auch immer es war - er trat am Morgen ins Eingangstor des Gasthofs, und knapp neben seinem Kopf schlug eine Kugel in den Türstock. Er stürzte zum Telefon und alarmierte die SS-Truppen im Konzentrationslager. Keine Viertelstunde später rückten drei Kompanien von mehreren Seiten auf den Rathausplatz vor und setzten dem Aufstand ein blutiges Ende.

Es gibt nicht viele, und nur sehr widersprüchliche Berichte über diese letzte Phase des Dachauer Aufstands. Die meisten Aufständischen konnten fliehen oder sich verstecken. Etwa 40 Männer wurden im Amtsgefängnis am Schlossplatz eingesperrt. Am Abend kam ein Polizist und schickte sie nach Hause.

Aber sieben Männer lagen am Ende des Tages tot auf dem Pflaster vor der Sparkasse: Drei von ihnen gehörten zur Gruppe der entflohenen KZ-Häftlinge, zwei waren Angehörige des Volkssturms, der sechste war der Dachauer Metallarbeiter Hans Pflügler aus Dachau-Süd, einer aus dem Kameradenkreis von Schmid und Andorfer. Der siebte, der Zimmermann Anton Decker, hatte überhaupt nichts mit dem Aufstand zu tun. Er suchte an diesem Vormittag nach einem Leiterwagen, den ein SS-Mann sich am Tag zuvor bei ihm ausgeliehen und nicht zurückgebracht hatte. Den Leiterwagen fanden seine Angehörigen am nächsten Tag in der Hexengasse.

24 Stunden nach der Niederschlagung des Aufstands zogen die amerikanischen Truppen in Dachau ein. Die Kampfeinheiten der SS hatten sich abgesetzt. Weder die Stadt noch das Lager wurden militärisch verteidigt. Es gab keine Opfer unter der Zivilbevölkerung, und kein Massaker unter den Gefangenen im Konzentrationslager. Jakob Schmid konnte im September 1945 die SPD in Dachau neu gründen. Er wurde wieder in den Stadtrat gewählt, ebenso wie sein Genosse Georg Andorfer. Georg Scherer wurde von den Amerikanern zunächst als Zweiter Bürgermeister eingesetzt, er vertrat bis zum April 1952 die KPD im Dachauer Stadtrat.

Am 5. November 1946 beschloss der Stadtrat, sechs kleine Straßen in Dachau-Süd nach den Opfern des Dachauer Aufstands zu benennen. Aus der Admiral-Scheer-Straße wurde die Johann-Pflügler-Straße, aus der Scharnhorststraße die Anton-Hechtl-Straße, aus der Richthofenstraße die Friedrich-Dürr-Straße, aus der Immelmann-Straße die Anton-Hackl-Straße, aus der Bölcke-Straße die Erich-Hubmann-Straße und aus der Karlsfelder Straße die Lorenz-Scherer-Straße. Der "Platz an der Stadtlinde" wurde in "Widerstandsplatz" umbenannt.

Aber die Erinnerung verblasste schnell. Irgendwann Anfang der 50er Jahre war das Schild "Widerstandsplatz" verschwunden, und niemand registrierte es. Im Oktober 1980 stieß ein Mitarbeiter der Dachauer Redaktion der Süddeutschen Zeitung zufällig auf den tatsächlichen Namen des Platzes. Seine Anfrage bei der Stadtverwaltung ergab, das der Namen "Widerstandsplatz" auch dem seit 15 Jahren amtierenden Oberbürgermeister unbekannt war. Protokolle wurden nachgelesen, die Richtigkeit bestätigt, das Straßenschild wieder angebracht. Der SZ-Mitarbeiter hieß Kurt Kister. Er ist heute Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung.

70 Jahre nach dem Aufstand erinnert Dachau mit einer Ausstellung an die Ereignisse des 28. April 1945. Konzipiert hat sie SZ-Redakteur Hans Holzhaider, der die Geschichte des Aufstands unter dem Titel "Die Sechs vom Rathausplatz" aufgeschrieben hat. Eröffnung mit Oberbürgermeister Florian Hartmann am Dienstag, 28. April, 18 Uhr. Ort der Ausstellung ist ein Kubus vor dem Rathaus.