Bürgerschaftliches Engagement Der weiße Engel von Dachau

Gesundheitsministerin Melanie Huml ehrt Maria Stimper für ihr Engagement für kranke Menschen. Im Landkreis gibt es 1300 Vereine - und die Zahl der Bürger, die ehrenamtlich tätig werden wollen, nimmt sogar zu

Von Helmut Zeller, Dachau/München

So ganz versteht Maria Stimper nicht, warum das Ministerium gerade sie ausgewählt hat. Die 71-jährige Dachauerin ist bescheiden und auch nicht gewöhnt, dass um ihre Person so viel Aufhebens gemacht wird. Dabei hätten doch gerade Menschen wie sie, die sich ehrenamtlich für andere engagieren, viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Allein in der Stadt Dachau - und das ist nur eine sehr grobe Schätzung - leisten Bürgerinnen und Bürger jährlich fast eine Million ehrenamtliche Stunden. Landrat Stefan Löwl (CSU) sagt: "Ohne das Ehrenamt würde unsere Gesellschaft, so wie sie ist, nicht funktionieren." Ohne Menschen wie Maria Stimper, die seit 2011 am Helios Amper-Klinikum in Dachau Patienten betreut. Sie wurde am Mittwoch vom Freistaat Bayern als "Weißer Engel" geehrt - nur 70 Personen im ganzen Land erfahren in einem Jahr diese Würdigung. Das Ehrenamt wird von Politikern aus gutem Grund gepriesen, zumal doch der Wille zum Engagement in Vereinen und für andere schwindet. Das hört man zumindest ständig. Doch es stimmt nicht: Im Landkreis steigt die Zahl vor allem jüngerer Menschen, die sich in ihrer Freizeit für die Gemeinschaft betätigen wollen. Diesen Trend stellt Martina Tschirge, Leiterin des "Koordinierungszentrums bürgerschaftliches Engagement" im Landratsamt, fest.

Als Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Mittwoch in München die Urkunde und Ehrennadel überreichte, strahlte Maria Stimper über das ganze Gesicht. Aber auch in ihrer Freude darüber vergaß sie nicht die anderen: "Diesen Preis", sagte die Dachauerin der SZ, "nehme ich stellvertretend für das ganze Team an". Das Team, das sind die "Grünen Damen und Herren" am Helios Amper-Klinikum mit den Krankenhäusern in Dachau und Markt Indersdorf. Erkennbar sind sie an ihrer grünen Arbeitskleidung und einem Namensschild - ungefähr 20 Ehrenamtliche unter der Leitung von Katharina Stark. Sie begleiten Patienten, wenn sie ihr Zimmer auf der Station beziehen oder zu speziellen Untersuchungen in andere Abteilungen des riesigen Klinikgebäudes gehen müssen. Sie erledigen kleine Besorgungen, besprechen mit den Patienten Probleme, hören sich ihre Sorgen und Nöte an - und nehmen ihnen so die Angst vor der ungewohnten Umgebung.

Für Maria Stimper, die früher in der Finanzbuchhaltung einer Firma arbeitete, ist der Besuchsdienst eine Lebensaufgabe geworden. "Davon haben nicht nur die Patienten etwas, sondern auch wir", sagt sie. Und vor allem in dieser Zeit des Pflegenotstands, unter dem Krankenhäuser bundesweit leiden, sind die Patienten froh über jeden, der sich Zeit nehmen kann und für sie ein offenes Ohr hat. Es ist ein "Geben und Nehmen", wie Maria Stimper sagt. Und ein anspruchsvoller Job, für den man Empathie, Kontaktfreudigkeit, Zuverlässigkeit, psychische und physische Belastbarkeit sowie Verschwiegenheit mitbringen muss.

"Grüne Damen und Herren" im Amperklinikum: Uwe Kersten (v.l.) Leiterin Katharina Stark, Ilona Kupka, Maria Stimper.

(Foto: Toni Heigl)

Es gibt auch bedrückende Situationen: Wenn jemand aus dem Team etwa mit einem schwerst oder gar unheilbar erkrankten Patienten zu tun hat. Aber, wie Katharina Stark erklärt, erhält ihr Team die Unterstützung der Seelsorger am Krankenhaus und hat einen psychologischen Ansprechpartner. Sie freut sich darüber, dass Menschen aller Altersgruppen mitmachen: Die jüngste, eine Theologiestudentin, ist 24, die älteste schon 80. Hausfrauen und Rentner, aber auch Studenten und Juristen sind darunter. Ihr Lohn: Das strahlende Lächeln von Patienten, wenn sie zur Tür hereinkommen und sich ans Krankenbett setzen. Katharina Stark freut sich sehr über die verdiente Auszeichnung für ihre Kollegin - und es ist doch auch eine Anerkennung der Arbeit des ganzen "tollen Teams", das sie mit viel Leidenschaft und Kompetenz leitet.

Der Besuchsdienst ist nur eines von vielen Beispielen ehrenamtlichen Engagements im Landkreis Dachau. In ganz Bayern wird in diesem Jahr die Einwohnerzahl auf mehr als 13 Millionen anwachsen; im Freistaat engagieren sich 47 Prozent, also fast jeder Zweite über 14 Jahre, ehrenamtlich - im Rettungsdienst, Naturschutz oder in sozialen Einrichtungen, in Kirche oder Kultur und Politik, bei den Heimatvertriebenen oder im Sportverein. Sie schaffen, so Landrat Löwl, "unbezahlbare Werte". Das ist im Dachauer Land nicht anders. Es gibt keine genaue Zahl, wie viele der 152 000 Landkreisbürger ehrenamtlich tätig sind. Aber es sind eine Menge - rund 1300 Vereine gibt es im Landkreis.

Das "Koordinierungszentrum" hat einmal für die Stadt Dachau hochgerechnet: 4038 Ehrenamtliche sind einer Erhebung von 2016 zufolge wöchentlich durchschnittlich zweieinhalb Stunden aktiv. Das sind im Jahr 24 940 Stunden. Nimmt man für die 200 Vereine in Dachau, was sehr gering ist, durchschnittlich 15 Aktive an, erhöht sich diese Zahl auf 914 940 Stunden ehrenamtlich geleisteter Arbeit im Jahr. Wie Martina Tschirge betont, ist das jedoch nur eine sehr grobe Annäherung an die Realität - aber sie zeigt schon, welchen Wert dieses Engagement für die Kommunen hat. Legt man diese Ein-Million-Stundenzahl zugrunde, dann ergäbe das schon 500 Vollzeitarbeitsplätze - und bei einem angenommenen Stundenlohn von nur 8,50 Euro eine Summe Geld, die keine Kommune bezahlen könnte.

Die Dachauerin Maria Stimper (links) nimmt am Mittwoch in München die Urkunde von der Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) entgegen. Maria Stimper engagiert sich seit 2011 für den Besuchsdienst in der Helios Amper-Klinik und wurde dafür als "Weißer Engel" ausgezeichnet.

(Foto: oh)

Doch es geht nicht nur darum: Die Ehrenamtlichen gewinnen durch ihren Einsatz für sich selbst viel und stiften Gemeinsamkeit, wie Martina Tschirge erklärt. Und sie räumt mit einem gängigen Vorurteil auf: Es ist nicht so, dass immer weniger Menschen sich ehrenamtlich engagieren würden. Im Gegenteil: Die Zahl der Anfragen für eine Beratung im Koordinierungszentrum steigt - und zwar aus allen Altersstufen. Vor allem fragen jüngere Menschen nach, die sich neben dem Beruf oder dem Studium ehrenamtlich engagieren wollen.

Nur die Art und Weise des Engagements habe sich verändert, sagt Tschirge. Es sind nicht mehr nur die klassischen Bereiche wie in Sportvereinen oder im Rettungswesen. Heute finden sich die Menschen eher zusammen, um ein bestimmtes Projekt umzusetzen, und sie suchen ein Ehrenamt für einen überschaubaren Zeitraum. Denn der wachsende Leistungsdruck auf die Berufstätigen engt ihren Zeitrahmen ein; auch deshalb tun sich etwa Feuerwehren schwer, Nachwuchs zu finden, oder Sportvereine, das Amt des Vorsitzenden zu besetzen. Die Landkreisbewohner sind nicht nur in Vereinen tätig, sie arbeiten bei bestimmten Aktionen oder Projekten mit, zum Beispiel, als es in Vierkirchen darum ging, für das Naturbad ein Piratenschiff zu bauen. Natürlich, sagt Martina Tschirge, gehen bei ihr nicht tausende Anfragen ein. "Aber es geht um jeden Einzelnen."

Wie um die Dachauerin Maria Stimper. Oder die frühere Schulrektorin Christa Vogelmeier, die im Herbst 2017 als "Weißer Engel" ausgezeichnet wurde - für ihr langjähriges Engagement für Senioren, Einsame und Kranke - sie war Gründungsmitglied des Amperklinikums-Besuchdienstes. Sie war nicht zur Preisverleihung nach München gefahren. "An diesem Tag fand der Seniorenclub statt. Den konnte ich nicht ausfallen lassen", sagte sie. Ehrenamtliche sind nicht auf einen gemütlichen Zeitvertreib aus: Sie leisten anspruchsvolle Arbeit, die neben der Freude auch mal Stress bereitet.