Bayerischer Fußballverband Plötzlich unerwünscht

Reinhold Baier, Vizepräsident des Bayerischen Fußballverbandes, stellte das Erinnerungsbuch für verfolgte Fußballer vor.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Erinnerungsbuch zeichnet Lebenswege von Fußballern nach, die ihre Vereine in der NS-Zeit verlassen mussten

Von Felix Wendler, Dachau

"Wir wollen den Opfern ihren Platz in der bayerischen Fußballfamilie zurückgeben", erklärt Reinhold Baier, Vizepräsident des Bayerischen Fußballverbandes (BFV), die Idee des Online-Erinnerungsbuches für verfolgte Fußballer der NS-Zeit. Zusammen mit der Initiative "Nie Wieder!", vertreten durch Eberhard Schulz, stellte Baier das Gemeinschaftsprojekt am Donnerstag in der evangelischen Versöhnungskirche Dachau vor. Auf dem Boden des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau wolle man den Start für eine stärkere Erinnerungskultur im Sport setzen, sagte Schulz. Auch für den Jahrestag der Pogromnacht als Vorstellungstermin habe man sich bewusst entschieden, fügte Baier hinzu.

Bereits unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 kam die Aufforderung, alle jüdischen und kommunistischen Mitglieder aus den Sportvereinen auszuschließen. "Der Fußball spielte dieses Spiel mit, oft in vorauseilendem Gehorsam", kritisierte Baier die Geschichte seines eigenen Verbandes. Eine Aufarbeitung dieser Vergangenheit wurde lange vernachlässigt. "Auch in Bayerns Fußballverband hat man die verdrängten und ermordeten Mitglieder nach Kriegsende vergessen", bemängelte er. Schulz ergänzte: "Es waren erst die jungen Menschen, die zu fragen begannen."

Gastredner aus verschiedenen Regionen Bayerns waren nach Dachau gekommen, um die Ergebnisse ihrer Recherchen vorzustellen. Die Lebenswege von bekannten und weniger bekannten verfolgten Sportlern standen dabei im Mittelpunkt. Katharina Fritsch vom 1. FC Nürnberg zeichnete den Weg des ehemaligen Trainers Jenő Konrád nach. Konrád, zunächst erfolgreicher Vereins- und Nationalspieler in Ungarn, kam 1930 als Trainer nach Nürnberg. Nach einigen Niederlagen begann die antisemitische Zeitung "Der Stürmer" eine Hetzkampagne gegen Konrád. Dort hieß es unter anderem: "Klub, gib dem Trainer eine Fahrkarte nach Jerusalem, sonst gehst du am Jud zu Grunde." 1932 verließ er daraufhin die Stadt und emigrierte, nach einer Odyssee durch Europa, 1940 in die USA. Den Lebensweg des sicherlich noch prominenteren Kurt Landauer, langjähriger Präsident des FC Bayern, präsentierte eine Klasse des Günter-Stöhr-Gymnasiums. Landauer verbrachte unmittelbar nach der Pogromnacht 1938 vier Wochen im KZ Dachau, bevor er 1939 freigelassen wurde und in die Schweiz flüchtete.

Die Initiatoren der Projektgruppe Erinnerungsbuch betonten jedoch auch, dass die weniger prominenten Namen eine genauso große Rolle spielen. Der Archivar des FC Bayern, Andreas Wittner, beleuchtete das Schicksal des Amateurfußballers Theodor Simon, der 1933, wie so viele andere jüdische Mitglieder auch, aus seinem Heimatverein ausgeschlossen wurde. Der Umgang mit Simon, der sogar zu den Gründungsmitgliedern der heimischen Fußballabteilung gehörte, steht stellvertretend dafür, was Ehrengast Charlotte Knobloch in der späteren Diskussion aufgriff. "Von einem auf den anderen Tag rüttelte ich vergeblich am Eingangstor der Nachbarn. Woher kam diese plötzliche Veränderung bei den Leuten ?", stellte die Präsidentin der Israelischen Kultusgemeinde als zentrale Frage. Eberhard Schulz übertrug die Frage auf den Fußball. "Gab es Menschen in der Fußballfamilie, die für ihre Mitspieler eingestanden sind?" Die ernüchternde Antwort gab er dann selbst. "Es ist bisher zumindest keiner gefunden worden. Ich kann es nicht verstehen, dass die Vereinsfamilie ihre Mitglieder rausgeworfen hat." Umso wichtiger ist dieses Projekt, waren sich alle Beteiligten einig. Zum einen, um vielleicht doch jene "Einzelnen" zu finden, wie Knobloch sie bezeichnete, die sich für ihre Kameraden eingesetzt haben. Zum anderen, um die vielen Lücken zu füllen. Mehrmals mussten die Redner, trotz langwieriger Recherchen, auf Ungewissheiten in den Lebensläufen der verfolgten Sportler verweisen. Stadtarchivar Anton Löffelmeier beispielsweise konnte die Biografie von Martha Hirsch, mehr als 25 Jahre Mitglied im Münchner Traditionsverein TSV 1860, nicht vollständig erschließen. Ihre Spur verliert sich im KZ-Sammellager Piaski bei Lublin. Möglichst viele Schicksale verfolgter Sportler aufzuarbeiten und ihrer damit zu gedenken, ist das wichtigste Ziel des Projekts. "Das hier ist nur ein erster Stein, der ins Wasser geworfen wird. Und er wird Kreise ziehen. Wir rufen alle unsere Mitglieder auf, die Seiten zu füllen."