Bluttat am OEZ Mit Geld kaum zu lindern

Bei dem Amoklauf am 22. Juli 2016 tötete ein 18-Jähriger neun Menschen und erschoss dann sich selbst.

(Foto: Lukas Barth)

Städtischer Hilfsfonds für Opfer des OEZ-Amoklaufs zahlt 200 000 Euro aus

Von Martin Bernstein

Die Stadt München hat aus ihrem Hilfsfonds für die Opfer des Amoklaufs vom 22. Juli 2016 bisher knapp 200 000 Euro an Betroffene ausgezahlt. Der Großteil dieses Geldes sei den unmittelbar betroffenen Familien der neun Getöteten und der vielen Verletzten zugeflossen, heißt es in einer Vorlage des Sozialreferats für die Stadtratssitzung am Mittwoch.

Schnell und unbürokratisch sollte die Hilfe sein, hatte es kurz nach dem Massaker im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) geheißen, bei dem ein 18-jähriger Münchner neun überwiegend junge Menschen und dann sich selbst erschossen hatte. Doch Bedarf nachzuweisen und Belege einzureichen - das erwies sich als das genaue Gegenteil. "Viele der unmittelbar Betroffenen waren nicht in der Lage, ihre Bedarfe durch Quittungen, Rechnungen nachzuweisen", sah das Sozialreferat ein. Der Ältestenrat des Stadtrats beschloss daher Ende 2016 einstimmig, den vom Amoklauf unmittelbar betroffenen Familien einen Pauschalbetrag zukommen zu lassen. Im Januar bekamen die Familien ihr Geld.

Doch die Zahl der Betroffenen war weit größer. Viele Besucher des Einkaufszentrums erlebten traumatisierende Situationen, während sie sich stundenlang in Verstecke kauerten, als die ersten Schüsse gefallen waren. Andere waren gar nicht am Tatort, gerieten aber in Paniksituationen, als Gerüchte in der Stadt die Runde machten. Etwa 30 Menschen wurden an den insgesamt mehr als 60 angeblichen weiteren Tatorten verletzt. Insgesamt elf Menschen, denen Derartiges widerfahren war, bekamen ebenfalls Geld aus dem Fonds - zum Beispiel für Therapien oder medizinische Hilfsmittel.

Am Auto eines unbeteiligten Passanten war ein Schaden durch einen Querschläger entstanden. Ein Teil der Reparaturkosten war zwar durch die Kaskoversicherung abgedeckt, die Eigenbeteiligung des Fahrzeugeigentümers wurde jedoch laut Sozialreferat aus Fondsmittel erstattet.

Bei der Stadt geht man davon aus, dass auch in Zukunft weitere finanzielle Hilfe nötig sein wird. Das Sozialreferat erwartet nach eigenen Angaben, "dass auf Grund der langfristig notwendigen therapeutischen und medizinischen Behandlungen weitere Mittel zur Unterstützung der Geschädigten bereitgestellt werden müssen". Möglicherweise könnten Spätfolgen erst Jahre nach einem traumatischen Erlebnis entstehen. Ein wichtiger Termin ist dabei der erste Jahrestag des Amoklaufs am 22. Juli. Experten schließen die Möglichkeit sogenannter Flashbacks nicht aus - wenn traumatische Ereignisse regelrecht wieder erlebt und, wiewohl in der Erinnerung gespeichert, erneut ganz real zu Angstzuständen führen. "Außerdem befinden sich gegenwärtig noch viele Betroffene in ärztlicher und psychologischer Behandlung", schreibt das Sozialreferat.

Um festzustellen, welche Hilfe benötigt wird, aber auch welcher Personenkreis angesprochen werden sollte, kooperierte die Stadt eng mit der Polizei und dem Landeskriminalamt, mit der Opferhilfeorganisation Weißer Ring und dem Kriseninterventionsteam. Im Büro des Oberbürgermeisters wurde ein Sonderstab eingerichtet. Er soll weitergeführt werden, ebenso der mit insgesamt 500 000 Euro ausgestattete Hilfsfonds. "Durch die tragischen Ereignisse haben die Familien der Getöteten sowie die Verletzten und ihre Angehörigen großes Leid erfahren", schreibt das Sozialreferat. "Die Trauer, die psychischen, aber auch die materiellen und sozialen Folgen des brutalen Geschehens werden die Betroffenen ihr Leben lang begleiten."

Eine Service-Hotline für Betroffene war bis Ende Januar geschaltet, daneben gab es bis Ende 2016 auch ein Krisentelefon. Etwa 130 Menschen meldeten sich bei den Anlaufstellen. Menschen, die einfach wissen wollten, wo sie Hilfe bekommen, aber auch Menschen, die Verwundete und Sterbende sahen, die Schüsse hörten oder sich über Stunden im OEZ versteckt hielten. Die Mitarbeiter von Sozial- und Gesundheitsreferat sowie vom Kriseninterventionsteam des Arbeiter-Samariter-Bundes führten zum Teil stundenlange, sehr intensive Gespräche.

Nach dem Amoklauf war die Bestürzung in der Stadt groß. Immer wieder war zu hören, dass Menschen Geld für die betroffenen Familien spenden wollten. Das zählbare Ergebnis war dann aber doch überschaubar. Bis Ende Dezember gingen knapp 6500 Euro auf einem von der Stadt eingerichteten Spendenkonto ein. Die Summe wurde laut Stadt zur Unterstützung der Opferfamilien und Schwerverletzten verwendet.