Blindgänger Das dicke Ding von Schwabing-West

Stundenlang hält eine 500 Pfund schwere Fliegerbombe die Spezialisten und die Anwohner in Atem. 3000 Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen - bei der Entschärfung geht alles nach Plan

Von Nina Bovensiepen, Ingrid Fuchs und Jakob Wetzel

Am Mittwochnachmittag um 16.11 Uhr ist alles vorbei: Die 500-Pfund-Fliegerbombe, die am Dienstag auf einem Baugrundstück an der Georg-Birk-Straße in West-Schwabing gefunden wurde, ist entschärft. Viele Stunden lang hat sie die Einsatzkräfte und mehrere tausend Anwohner in Atem gehalten. Etwas mehr als eine Stunde dauert die Entschärfung an sich, danach ist die Erleichterung spürbar. "Es ist alles nach Plan gelaufen", sagt Feuerwehrsprecher Christoph Hoeckh. Sprengmeister Michael Filips, 48, ist die Anspannung noch anzumerken. Die Menschen damals hätten beim Bombenabwurf großes Glück gehabt, sagt er. Denn die beiden mechanischen Zünder hätten gezündet, die Bombe sei dennoch nicht hochgegangen. Nun werden Experten sie zerlegen, der Sprengstoff wird für zivile Zwecke wiederverwendet. Unmittelbar nach der Entschärfung normalisiert sich die Lage, Schritt für Schritt: Der MVV fährt wieder, die Menschen dürfen in ihre Wohnungen zurück.

Um 10 Uhr hatten Polizei und Feuerwehr begonnen, ein Gebiet von 500 Metern um die Fundstelle zu räumen. Die Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen; in diesem Gebiet sind etwa 7000 Menschen gemeldet, angetroffen wurden gut 3000, sie mussten alle ihre Wohnungen verlassen.

Die meisten von ihnen verbrachten den Mittwoch bei Freunden oder Verwandten. Wer nicht wusste, wohin er gehen sollte, konnte sich die Zeit bei freien Getränken und Snacks in der Olympiahalle vertreiben - 290 Menschen waren dort. 40 Helfer vom Roten Kreuz, dem Arbeiter-Samariter-Bund, den Maltesern und der Feuerwehr versorgten die Menschen. Mehrere blaue Shuttle-Busse pendelten am Vormittag zwischen dem Wohngebiet und dem Olympiapark.

Betroffen war auch die Polizei selbst. An der Barbarastraße befindet sich eine Zweigstelle des Landeskriminalamts; gegen Mittag war klar, dass die etwa 230 Mitarbeiter gehen mussten.

Geräumt wurde auch das Arbeitsgericht an der Winzererstraße. Für ausgefallene Verhandlungen braucht es nun Nachholtermine.

Einige Bewohner hatten schon tags zuvor vom Bombenfund erfahren und Vorkehrungen getroffen. Die Straßen waren am Mittwochmorgen bereits weitgehend menschenleer, die Stimmung blieb friedlich und gelassen. Cafés und ein Supermarkt unmittelbar am Fundort öffneten am Mittwochmorgen noch regulär, auch wenn nur wenig Kundschaft kam. Gestört wurde die Ruhe nur von den Durchsagen aus den Lautsprechern der Einsatzwagen: Wegen einer "akuten Gefahr" müsse die Straße kurzfristig geräumt werden. Die Kinderkrippe "Zwergenwiese" an der Adams-Lehmann-Straße hatte die Eltern bereits am Dienstag informiert. Am Mittwoch hing nur noch ein Aushang an der Tür: "Beste Grüße und bis Donnerstag." Aufgefallen ist vielen Schwabingern vor allem die plötzliche Stille. "Sonst ist hier ja täglich Großbaustelle", sagte eine der Nachbarinnen, "es war so ruhig".

Tanja Sueter und ihr Sohn Florian mussten sogar bereits am Dienstagabend ihre Wohnung verlassen: Sie liegt direkt am Fundort der Bombe. Um halb acht standen fünf oder sechs Polizisten vor ihrer Tür, erzählte sie. Die Beamten hätten sie aufgefordert, die Wohnung sofort zu verlassen. Mit zwei weiteren Familien hätten sie dann auf Feldbetten in einer Grundschule übernachten müssen. Am Mittwoch um 11 Uhr ging es weiter in die Olympiahalle. Sueter ärgert sich über die Organisation: Die Polizei hätte früher Bescheid geben können.

Manche Anwohner wurden am Mittwochmorgen von der Evakuierung überrascht. So wie ein älteres Ehepaar aus der Winzererstraße: Sie hätten erst beim Frühstück von der Bombe gehört, sagten sie. Wenig später saßen sie auf einer Bierbank in der Olympiahalle und wärmten sich bei Kaffee und Tee auf. Dass sie ihre Wohnung verlassen müssen, sei ihnen erst noch später klar geworden: Zunächst hätten sie sogar eine Bekannte, die näher an der Bombe wohnt, zu sich holen wollen. Doch dann hätten sie von einer Nachbarin erfahren, dass ihre Wohnung zwar am Rande, aber doch noch innerhalb des Evakuierungsgebiets liegt. Sie ließen noch schnell die Rollläden herunter, wegen einer möglichen Druckwelle nach einer Sprengung, "sicher ist sicher". Dann gingen sie zum Shuttle-Bus.

Tino Oelker erfuhr noch etwas später von der Bombe: Auch er wartete an diesem Nachmittag in der Olympiahalle; eigentlich wohnt er nur wenige Meter vom Bombenfundort entfernt. Doch gemerkt, was um ihn herum passiere, habe er erst am Mittwoch um kurz vor 12 Uhr: Da klingelten zwei Bundespolizistinnen. Er selber hatte bis dahin noch geschlafen - er ist nach einem Unfall krankgeschrieben und hatte Schlaftabletten genommen. Jetzt stand er im Schlafanzug vor den Polizistinnen und sagte "Guten Morgen".

Als nach 16.11 Uhr dann alles vorbei ist, entspannt sich das Leben. Auch bei den Kleinsten. Der sechsjährige Theo darf wieder in sein Zuhause zurück, sein Papa hat ihm alles erklärt. Wie es nun sei, wieder in die Wohnung zu gehen? "Das ist ganz normal", sagt Theo.