Ausgezeichnet mit dem Shalom-Friedenspreis Botschafter für Menschenrechte

Ein Mann wie ein Bulle, der nicht locker lässt, wenn es um die Verteidigung von Menschenrechten geht: Daniel Tapia Montejo.

(Foto: Stephan Rumpf)

Daniel Tapia Montejo vom Ökumenischen Büro in München engagiert sich in Lateinamerika - auch für die Eltern der in Mexiko verschwundenen Studenten

Von Martina Scherf

Vor zehn Tagen kam ein Anruf, mitten in der Nacht: "Berta ist tot, erschossen in ihrem Haus." Daniel Tapia Montejo war schockiert. Nicht, dass er solche Nachrichten nicht gewohnt wäre, falls man sich überhaupt je an sie gewöhnen kann. Aber diesmal traf es eine Freundin. Berta Cáceres Flores, 43 Jahre alt, Mutter von vier Kindern. Die Umweltaktivistin hatte sich seit Jahren für die Rechte der Lenca-Indianer in Honduras eingesetzt, sie war für ihr Engagement in Europa bekannt und geehrt geworden. Weil sie sich mit den Mächtigen anlegte, hatte sie wiederholt Morddrohungen erhalten. "Sie stand unter Polizeischutz", sagt Tapia Montejo, "aber was heißt das schon in Honduras."

Im Ökumenischen Büro in Haidhausen hängen Fotos von Berta an der Wand. Vor drei Jahren war die charismatische Frau zuletzt in München und in Eichstätt, wo sie den Shalom-Friedenspreis des Bistums erhielt. Im vergangenen Jahr wurde ihr für ihr furchtloses Eintreten gegen den Raubbau an der Natur und an dem Land der Ureinwohner in San Francisco der Goldman-Umwelt-Preis verliehen, eine Art grüner Nobelpreis, dotiert mit 150 000 Dollar. Jetzt ist sie tot.

Täglich treffen neue Nachrichten in dem kleinen Münchner Menschenrechtsbüro ein. Vorige Nacht rief ein Anwalt an, Journalisten suchen Informationen, Vertreter von lokalen Unterstützergruppen berichten Neuigkeiten. "Wir werden nicht locker lassen, bis dieser Mord aufgeklärt ist", sagt Tapia Montejo. Auch mit Bertita, der Tochter der Getöteten, hält er Kontakt. Im Vorfeld des G-7-Gipfels im vergangenen Jahr waren sie zusammen durch Deutschland gereist und hatten auf die Folgen der Politik der Industrienationen für die armen Länder aufmerksam gemacht.

Die Erschütterung ist dem stämmigen Mann ins Gesicht geschrieben. "Wenn du die Leute persönlich kennst, nimmt es dich noch mehr mit", sagt er. Andererseits: "Wenn es uns nicht gäbe, würden solche Regierungen und die mit ihnen kooperierenden Unternehmen die Menschenrechte noch viel mehr ausblenden, als sie es ohnehin schon tun", sagt der gebürtige Uruguayer, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt.

Er nimmt einen Schluck Mate-Tee und streicht sich gedankenvoll durch seinen üppigen Vollbart. Es geht den Münchner Aktivisten nicht nur um Hilfe für die Rechtlosen in Amerika. Es geht auch darum, den Menschen hierzulande klar zu machen, was das mit ihnen zu tun hat.

"Viele Europäer haben vergessen, wie sehr unser Wohlstand mit der Armut in diesen Ländern zusammenhängt." Deutsche Konzerne machten Geschäfte in Afrika, Asien und Lateinamerika, "sie profitieren von niedrigen Löhnen und laschen Gewerkschaften". Sie bauen Staudämme und Windparks, und mit dem Einsatz für grüne Technologie kaufen sie sich dann CO₂-Zertifikate. "Das schönt die Bilanzen, aber die Leute in Honduras oder Mexiko haben nichts davon", schimpft Tapia. "Im Gegenteil: Ihnen wird das Land abgeknöpft, aber der Strom kommt ihnen überhaupt nicht zugute." Das hat er vor Kurzem auch Joe Kaeser persönlich erklärt, als er für den Verein der Kritischen Aktionäre auf der Siemens-Hauptversammlung eine Rede hielt. Der Vorstandsvorsitzende war wenig beeindruckt, "er hat einfach gesagt: Wir erfüllen die Compliance-Regeln".

Tapia lässt sich davon nicht beirren. Vor Kurzem war er mit einer internationalen unabhängigen Expertengruppe in Brüssel. Es ging um Mexiko. Vor dem Unterausschuss für Menschenrechtsfragen des Europäischen Parlaments haben sie über die 43 verschwundenen Lehramtsstudenten gesprochen, deren Schicksal bis heute ungeklärt ist. Junge Menschen, die zu einer Demo fahren wollten.

Der Fall hatte im September 2014 in Mexiko für eine Staatskrise gesorgt. Es gab Massenproteste, die Schlagzeilen gingen um die Welt. Erstmals wurde in aller Öffentlichkeit deutlich, dass weite Teile des Staates durch das organisierte Verbrechen unterwandert sind, vom Bürgermeister über den Polizeichef bis zu den höchsten Gerichten. Dass in Mexiko jedes Jahr Tausende Menschen verschwinden, gefoltert oder getötet werden. Dass es unzählige Massengräber gibt. Und dass niemand für all das zur Verantwortung gezogen wird.

In Mexiko sind alle großen deutschen Firmen vertreten. "Mehr als 100 bayerische Unternehmen, die sich bereits in Mexiko niedergelassen haben, schätzen das große Potenzial und die wirtschaftliche Stabilität des Landes", wirbt Christian Weber, der Repräsentant des Freistaats Bayern, auf der Homepage der Industrie- und Handelskammer für Investitionen. Menschenrechte sind da kein Thema.

"Der Staat hat ein sogenanntes Entwicklungsmodell ausgerufen, das Energieprojekte fördert", berichtet Tapia Montejo. Klingt gut: Grüne Energie statt Kohle und Öl, deren Verbrennung die Luft verpestet. Siemens erwartet nach eigenen Angaben ein zweistelliges Wachstum in Mexiko aufgrund dieser neuen Politik, die EU fördert Projekte zur Reduzierung des CO₂-Ausstoßes. "Aber die indigene Bevölkerung büßt dabei fast immer ihre Landrechte ein. Am Ende sind sie die Verlierer", sagt Tapia Montejo entschieden.

Um auf diese Zusammenhänge hinzuweisen, reist der Münchner Aktivist nach Berlin zum Auswärtigen Amt, nach Brüssel zum EU-Parlament und nach Mexiko, um mit dem Deutschen Botschafter zu reden. Er ist überzeugt: "Ohne die NGOs würde niemand die Menschenrechte freiwillig ansprechen. Anders als in China, wo das immer wieder mal hochkocht, ist es in Mexiko kaum ein Thema."

Dank der NGOs - der Nichtregierungsorganisationen - gibt es aber auch Fortschritte. Tapia Montejo hält Kontakt zu den Vertretern der Interamerikanischen Menschenrechtskommission, die sich inzwischen um den Fall der verschwundenen Studenten kümmert. Die mexikanische Regierung versucht, die Aufklärung zu behindern, hatte schnell vermeintliche Täter präsentiert und behauptet, die Leichen seien auf einer Müllhalde verbrannt worden. "Das ist mittlerweile widerlegt", sagt Tapia Montejo. Forensiker der Universität Innsbruck wurden beauftragt, Leichenteile aus der Asche angeblich verbrannter Opfer zu untersuchen, um deren Identität zu klären. Die Ergebnisse sind bisher dürftig. "Aber die Eltern der Studenten werden nicht locker lassen, bis das Schicksal ihrer Kinder geklärt ist", sagt Tapia Montejo, "und wir werden sie dabei unterstützen." Er kennt viele persönlich, das motiviert ihn immer wieder aufs Neue. "Ohne einen Ort, wo man hingehen und weinen kann, wo man Blumen ablegen kann, schließt sich die Wunde für die Angehörigen nie", sagt er. Dafür will er weiter kämpfen, indem er für die nötige Öffentlichkeit sorgt und jenen eine Stimme gibt, die sonst nie gehört würden.

Vor 20 Jahren kam Tapia als Student nach München. "Durch die angenehme Variante der Migration: die Liebe", wie er bekennt. Er studierte Sozialarbeit in Köln, engagierte sich in der Hochschulpolitik und in Menschenrechtsgruppen und war als gebürtiger Uruguayer bald für Lateinamerika zuständig. Heute spricht er Deutsch auf hohem Niveau, kann mühelos für Delegationen übersetzen, kennt sich aber auch sehr gut in deutscher Geschichte aus. Inzwischen hat er eine feste Stelle im Ökumenischen Büro, das es seit mehr als 30 Jahren in Haidhausen gibt. Einige linke Studenten haben es damals gegründet, um die Sandinisten in Nicaragua zu unterstützen. Noch immer hängt ein Che-Guevara-Poster am Eingang. Finanziert wird das Büro aus Spenden, durch Zuschüsse von der Stadt München und von den Kirchen.

Geld sei ihm nicht wichtig, sagt Tapia Montejo, das kleine Gehalt reicht gerade so für das Nötigste. Er wohnt in einem Bauwagen. Einmal die Woche schleppt er noch Möbel für eine Umzugsfirma. "Das ist meine Therapie, da kann ich mich abreagieren", sagt er. Wenn wieder einmal nachts das Handy klingelt und jemand aus Mexiko anruft. Manchmal kann so ein Telefonat aber auch Leben retten, erzählt er. Wenn es ihm gelingt, in kurzer Zeit die deutsche Botschaft zu kontaktieren und klar zu machen, dass es in einem Dorf zu Unruhen kam, dass Leute verhaftet wurden, und dass ein Anruf der Botschaft beim Bürgermeister vielleicht das Schlimmste verhindern könnte. "Wenn so was geglückt ist, dann spüre ich am anderen Ende der Leitung, wie dankbar die Menschen sind. Und diese Dankbarkeit ist mehr wert als Geld."