Alternativen zur Fixierung in Pflegeheimen Ein letztes bisschen Freiheit

Das Gefühl völliger Ohnmacht: Es gibt noch immer Pflege- oder Altenheime, in denen fast jeder zweite Bewohner fixiert wird. Doch Fürsorge sieht anders aus. Die Münchenstift-Häuser zeigen, dass es auch Alternativen zu Bettgittern und Bauchgurten gibt.

Von Sven Loerzer

Mit großen Augen blickt der Mann im Rollstuhl Tanja Gegenfurtner an, doch er kann der Pflegedienstleiterin des Münchenstift-Hauses St. Martin nichts sagen. Ein Schlaganfall hat den Orthopädiemechaniker Dong H. im Alter von 57 Jahren am Arbeitsplatz ereilt und mitten aus dem Berufsleben gerissen. "Zwei Wochen lag er im Koma", sagt seine Tochter Thao, "dann hat er langsam seine Augen geöffnet."

Jetzt sitzt Dong H., der als Bootsflüchtling aus Vietnam kam und vom Krieg noch Geschosssplitter im Körper hat, im Rollstuhl. Er ist halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Auch das Schlucktraining zeigte leider keinen Erfolg. Weil die Gefahr bestünde, dass er sonst Speichel einatmet, muss ihn eine Trachealkanüle am Hals mit Luft versorgen. Da er mit seiner einzig bewegungsfähigen linken Hand immer wieder versucht hat, die Kanüle zu ziehen, ist ihm - gerichtlich genehmigt - die Hand festgebunden worden, am Bett, wie am Rollstuhl. Das nahm ihm die letzte Bewegungsmöglichkeit.

So kam er vor einem knappen Jahr aus der Reha-Klinik in das Münchenstift-Haus St. Martin in Giesing. Und bei der Fesselung wäre es wohl auch geblieben, wenn dort nicht nach einem Weg gesucht worden wäre, ihm die letzte Bewegungsfreiheit zu lassen.

"Freiheitsentziehende Maßnahmen" (FEM) heißt im Fachjargon der Einsatz von Bettgitter, Fixierungsgurten im Bett oder Vorstecktischen bei Rollstühlen. Sie sollen vor allem bei Menschen, die unter Demenz leiden, Stürze oder selbstschädigendes Verhalten verhindern.

Auch wenn das Bewusstsein im Laufe der Jahre gewachsen ist, als wie schwerwiegend solche Eingriffe erlebt werden, gibt es immer noch Heime, wo fast jeder zweite Bewohner "fixiert" wird. Dass sich auch bei schwierigen Konstellationen fast immer Alternativen finden lassen, um möglichst viel Sicherheit zu gewährleisten, ohne bei den Betroffenen das Gefühl völliger Ohnmacht auszulösen, hat jetzt der städtische Altenheimträger Münchenstift bewiesen.

"Bei uns gehen die freiheitsentziehenden Maßnahmen inzwischen gegen Null", sagt Münchenstift-Chef Gerd Peter und ist zufrieden, dieses Ziel noch vor seinem Wechsel in den Ruhestand Ende März erreicht zuhaben. Nur 0,4 Prozent der etwa 2000 Bewohner der Häuser des Münchenstifts seien noch fixiert, mit gerichtlichem Beschluss. "Das ist eine fachliche Leistung, auf die wir stolz sind", betont Peter. "Meine Mitarbeiter haben es zu ihrer Sache gemacht, Fixierungen zu beenden." So sind von den 272 Bewohnern in St. Martin nur zwei Bewohnerinnen fixiert, während es vor einem Jahr noch elf waren.

In einem Fall handelt es sich um eine demente Bewohnerin mit hohem Bewegungsdrang, die aber auch sehr stark sturzgefährdet ist. Damit sie sich bewegen kann, hat sie einen sogenannten Combo Walker, eine fahrbare Geh- und Stehhilfe, die sie allerdings nicht mehr aus eigener Kraft verlassen kann. Im zweiten Fall handelt es sich um eine demente Bewohnerin, die das Bettgitter dazu benutzt, um sich im Bett solange zu drehen, bis sie ihre Schlafposition gefunden hat.

Um Fixierungen zu vermeiden, setzen die Münchenstift-Häuser eine Fülle von Hilfsmitteln ein. Eine große Rolle spielen dabei die sogenannten Niederflurbetten. Sie lassen sich von einem Elektromotor angetrieben bis auf Bodenniveau absenken und machen Bettgitter überflüssig bei Menschen, die aus dem Bett zu fallen drohen. Bei der dementen Bewohnerin in St. Martin haben die Pflegekräfte diese Lösung ausprobiert. Doch weil die Frau nur noch schwer in den Schlaf fand und beim Drehen auf den Boden rutschte, blieb es dann doch beim Bettgitter. Eine Ausnahme.