Abstimmung über Semesterticket Alle auf einer Karte

Seit 20 Jahren wird in München über die Einführung eines Semestertickets debattiert. Von Mittwoch an können die Studenten darüber abstimmen. Wieder einmal. Zwar ist es auf den ersten Blick günstig, doch die Gegner halten ein Zwangsticket für ungerecht.

Von Sebastian Krass

Längst überfällig oder völlig überflüssig? Am Mittwoch entscheiden die Münchner Studenten über ein Semesterticket.

(Foto: Frank Leonhardt/dpa)

Seit 20 Jahren läuft in München die Diskussion über etwas, was in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Nordrhein-Westfalen selbstverständlich ist: das Semesterticket. Bisher müssen die Münchner Studenten noch Woche für Woche oder Monat für Monat eine - allerdings gegenüber dem Normaltarif deutlich ermäßigte - Karte kaufen, wenn die öffentliche Verkehrsmittel nutzen wollen.

Von diesem Mittwoch, 11 Uhr, bis zum 2. Dezember um Mitternacht dürfen nun knapp 100.000 Münchner Studenten per Online-Urabstimmung entscheiden, ob sie ab Herbst 2013 ein Semesterticket haben wollen oder nicht. Stimmberechtigt sind alle im laufenden Semester eingeschriebenen Studenten, auch Promotionsstudenten, der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), der Technischen Universität (TU) und der Hochschule München (früher Fachhochschule), nur Seniorenstudenten sind ausgeschlossen.

Es geht um folgendes Modell: Alle Studenten müssen einen Beitrag von 59 Euro pro Semester bezahlen, dafür dürfen sie unter der Woche von 18 bis 6 Uhr, also in den Randzeiten, und am Wochenende das komplette MVV-Netz nutzen. Legen sie 141 Euro drauf, steht ihnen für insgesamt 200 Euro das Netz sechs Monate lang ohne Einschränkung offen.

Die Befürworter werben damit, dass nahezu jeder profitiere. Schließlich koste der Sockeltarif umgerechnet zehn Euro pro Monat - oder 2,50 Euro pro Woche: "Dafür bekommt man eine Art Freizeitticket für Ausflüge oder das Nachtleben. Ich behaupte, dass nahezu jeder Student das so nutzen wird, einfach weil er es hat", sagt Johannes Trischler, der gerade dabei ist, sein Jura-Studium an der LMU abzuschließen und der seit 2008 als Studentenvertreter um das Semesterticket für München verhandelt hat. "Es ist ein fairer Vorschlag auch für die, die bisher kein Ticket brauchen."

"Diese Form von Umverteilung finde ich angemessen"

Doch es gibt auch Kritiker. Sie haben sich etwa in den Facebook-Gruppen "Zahl dein Ticket selbst - ohne Münchner Semesterticket" oder "Nein! Gegen das Münchner Semesterticket" zusammengeschlossen. Dort heißt es zum Beispiel, das Semesterticket benachteilige "das umweltfreundliche Verkehrsmittel Fahrrad, das studentische Fortbewegungsmittel schlechthin". Diese Argumentation gilt vor allem für die Studenten, die relativ nah an ihrer Universität wohnen, sei es nun im Münchner Uni-Viertel, in Garching oder in Weihenstephan.

"Aber was ist mit denen, die pendeln müssen?", fragt Befürworter Trischler. Er meint Studenten, die in Garching und an der Arcisstraße studieren oder die am Rande des S-Bahn-Netzes wohnen. "Die müssen derzeit im schlimmsten Fall 883,80 Euro für sechs Monate zahlen." Und die würden bei Kosten von nur noch 200 Euro von einem Semesterticket massiv profitieren - auf Kosten derjenigen, die wenig oder womöglich nichts davon haben. "Diese Form von Umverteilung finde ich angemessen", sagt Trischler. "Wir glauben, dass dem allergrößten Teil der Studenten ein Mehrwert entsteht."

Die Gegner argumentieren, das Semesterticket belaste besonders diejenigen, "die bereits am meisten unter den hohen Mieten in der Münchner Innenstadt ächzen. Wer bisher auf seinen Geldbeutel achten und deswegen den günstigsten Weg zur Universität wählen musste, wird in Zukunft keine andere Wahl haben, als 60 Euro im Semester für ein Ticket zu zahlen, mit dem er nicht mal in die Uni kommt."

Es sei eine Umverteilung von MVV-Vielnutzern auf MVV-Wenignutzer oder - provokanter formuliert - von armen Studenten auf andere arme Studenten. Die Gegner des Semestertickets wollen festhalten am Status quo, dass nur diejenigen für ein Ticket bezahlen müssen, die es auch wollen.